11.10.2014
Prof. Dr. sc. phil. Erhard Hexelschneider
Erschienen in: Leipzigs Neue (Projekt Linke Zeitung e.V.,, Leipzig, Sachsen)

Sprüht Lenin noch »Funken«?

Ehemalige ISKRA-Gedenkstätte

So richtig wohl kaum, überschaut man den Niedergang seiner Ideen nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus. Aber »Iskra« (zu Deutsch Funke) hieß die revolutionäre Zeitung der russischen Sozialdemokratie, deren erste Nummer im Dezember 1900 in Leipzig-Probstheida in der kleinen Druckerei von Hermann Rau in tiefster IIlegalität gedruckt wurde und unter der Redaktion Lenins erschienen ist. Es handelt sich um eine wichtige Episode der internationalen und russischen Arbeiterbewegung; Sitz des Blattes, das mit Unterstützung der deutschen Sozialdemokratie entstanden ist, war München.

1956 wurde in der Russenstraße 48 die Iskra-Gedenkstätte eröffnet, die bald zum organisierten Erinnerungspunkt, ja fast zum Wallfahrtsort des proletarischen Internationalismus für Jungpioniere und FDJ-ler, Soldaten, Touristen und auswärtige Delegationen und viele andere werden sollte. Schon damals wirkte vieles überdimensioniert. Leipzig war die einzige Stadt in der DDR, vielleicht sogar in Europa, die damals in gleich zwei Museen in fast kultisch-überhöht zu nennender Form Lenin ehrte. Mit dem gesellschaftlichen Wandel der ausgehenden 1980er Jahre wurde die Gedenkstätte 1991 geschlossen. Zurück blieb ein leerer Raum, man bemühte sich seitens der neuen Herren – mit einigem Erfolg –, das Gedächtnis an Lenin und seinen Leipziger Aufenthalt zu tilgen.

Zwanzig Jahre später hat sich das Bild etwas geändert. Zwar fand Lenin keinen Platz in der jüngst eröffneten Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums über politische Denkmale in Leipzig, gab es doch in Probstheida nur die Lenin-Büste von Ruthild Hahne, wovon heute nur deren Sockel erhalten ist. In Berlin sucht man für eine Dauerausstellung in der Festung Spandau inzwischen nach dem vergrabenen Kopf des Denkmals, das einstmals auf dem Leninplatz stand.

Parallel dazu ging die junge argentinische Künstlerin Julia Mensch seit 2008 daran, Spuren ihres kommunistischen Großvaters zu suchen. Er hatte mit einer Delegation Leipzig 1973 besucht und die Iskra-Gedenkstätte fotografiert. Das mag nostalgisch oder gar kurios klingen, macht aber Sinn, wenn man die vorgelegten Ergebnisse betrachtet. Und die sind nicht schlecht. Sie wurden auf einer Veranstaltung des Bürgervereins Probstheida, Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst und etlicher Privatpersonen am 20. September an einem Nachmittag in der ehemaligen Gedenkstätte (heute ein heruntergekommenes Gebäude) vorgestellt. Vorträge, eine Buchvorstellung und eine Podiumsdiskussion sowie eine kleine Tischausstellung mit Archivalien, Fotos und Büchern – ein buntes Panorama unterschiedlichster Dokumente machte Vergangenes lebendig.

Julia Mensch verfolgte in ihrer Arbeit detailliert alle Spuren seit der Zeit, als das Museum aufgelöst und die Immobilie verkauft wurde. Sie führte Interviews mit Zeitzeugen, mit Mitarbeitern des Stadtgeschichtlichen Museums (wo sich der größere Teil der gefundenen Archivalien befindet), grub mit ihren Kollegen im Fundus der reichhaltigen Fotosammlung und unterhielt sich mit kompetenten Angestellten der Stadt. Herausgekommen ist ein sehr fundierter und emotional berührender, leider nur sehr schwer zugänglicher illustrierter Text »Iskra. Essay über den Gebrauch eines leeren Raums« mit vielen unikalen Materialien und originellen Beobachtungen. Im Mittelpunkt stehen zwei Fragen: Wie geht man mit dem historischen Erbe der kommunistischen Gedenkkultur um und wie vermeidet man eine Kultur der »leeren Räume«. Der jetzige Besitzer des Gebäudes (er erwarb die Immobilie vor wenigen Wochen für den Bau eines neuen Wohnhauses) soll dem Vernehmen nach den baldigen Abriss der Ruine planen – die Neuerrichtung eines Lenin-Museums in Leipzig wäre wohl auch nicht mehr sehr sinnvoll. Aber eine Tafel oder ein Gedenkstein, der an ein wichtiges Stück Leipziger Historie erinnert, sollte doch wohl möglich sein. Sonst gerät die Vergangenheit in Vergessenheit.