04.05.2015
Thomas Braune
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Zur Person: Dr. Günter Wehner

Dr. Günter Wehner in seinem Arbeitszimmer zu Hause
Marzahn-Hellersdorf

Der mittlerweile 82-jährige Dr. Günter Wehner ist nach wie vor wissenschaftlich tätig. Seit seiner Zeit als Lehrer in Hennigsdorf in den 1960er Jahren befasst er sich mit den Widerstandskämpfern gegen die Nazi-Diktatur. Sein Arbeitszimmer im Marzahner Plattenbau ist bis zur Decke mit Büchern vollgestopft – darunter auch die Bände, an denen er selbst mitgewirkt hat bzw. noch immer mitwirkt: das inzwischen 12 Bände umfassende Werk Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945 sowie Basiswissen Geschichte vom Duden-Verlag. Auch Schätze wie die Erstausgabe der Dissertation Rosa Luxemburgs stehen im Regal.
Wehner kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken: Geboren im Berliner Wedding, begann er nach dem Krieg eine Lehre als Bauer in Sachsen-Anhalt, zog dann nach Zühlsdorf, nördlich von Berlin und machte eine Lehre zum Dreher. Ab 1952 war er für den VEB Fischfang tätig, fing Fische auf der Nordsee – die Zeit in der er am meisten Geld verdiente, wie Wehner berichtet. Bedingt durch einen Unfall auf Deck musste er diese Karriere jedoch auf Eis legen. Außerdem wollte Wehner Ingenieur werden. Ende 1952 begann er seine Ausbildung zum Nachrichtenoffizier bei der Kasernierten Volkspolizei in Halle. Als Folge der Unruhen im Juni 1953 wurde Wehner schwer am Kopf verletzt. Als er nach Behandlung in Moskau wieder aufwachte, stand Wilhelm Pieck – der erste und einzige Präsident der DDR – an seinem Bett und bot ihm die Parteimitgliedschaft an. Wehner willigte ein und begann eine Ausbildung für Taktik und Strategie an der Moskauer Militärakademie. „Ich wäre auch heute noch dazu in der Lage, eine Armee zu Land und auf See zu führen“, sagt Wehner. Als Militärstratege war er u. a. in Vietnam im Krieg gegen die Franzosen tätig. Eine Tätigkeit, die ihm den Spitznamen „Deutscher Napoleon“ einbrachte.
1957 ging Wehner an die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Berlin. Sonderkurse führten ihn nach Greifswald, und 1964 legte er schließlich sein Staatsexamen in den Fächern Geschichte, Deutsch und Staatsbürgerkunde ab. Als Lehrer in der Polytechnischen Oberschule in Hennigsdorf begann seine Beschäftigung mit den Widerstandskämpfern gegen die Nazi-Diktatur. Etliche Straßen trugen dort die Namen antifaschistischer Widerstandskämpfer.
Von 1970 bis 1979 war Wehner am Museum für Deutsche Geschichte – dem heutigen Historischen Museum – tätig. Insbesondere die revolutionäre deutsche Kunst von 1917 bis 1945 war dort sein Thema. Er schaffte viele Werke heran: So zum Beispiel von der Malerin und Grafikerin Sella Hasse, nach der auch eine Straße in Marzahn benannt ist und deren Kunst in der Nazi-Zeit als „entartet“ galt. Auch Ausstellungen – etwa in Jugoslawien 1975 – organisierte Wehner. Tito wollte unbedingt eine Ausstellung zur deutschen Unterstützung für jugoslawische Partisanen. Die Arbeit im Museum hat ihm viel Freude bereitet, sagt Wehner rückblickend. In seinem Arbeitszimmer hängen auch Bilder, die er in dieser Zeit geschenkt bekam.
Am 13. April 1978 promovierte Wehner in Potsdam (an der Karl-Liebknecht-Universität) zur Geschichte der Arbeiterbewegung Hennigsdorfs 1933-1945 und war bis 1985 am Institut für Internationale Landwirtschaft und Agrargeschichte in Friedrichshagen tätig.
Von 1985 bis Dezember 1993 leitete er das Traditionskabinett Antifaschistischer Widerstand im Thälmann-Park. Die Ausstellung wurde Anfang der 1990er Jahre abgebaut. Auch Linke (z.B. Thomas Flierl) äußerten sich kritisch zu ihr: Sie spiegele den erstarrten und verordneten Antifaschismus der DDR wider und ordne Geschichte in den institutionalisierten ideologischen Diskurs ein.
Dass es Wehner weniger um Ideologie als um die Dokumentation des antifaschistsichen Widerstands geht, zeigen seine Arbeiten am Lexikon Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945, in dem auch viele Marzahner erwähnt sind. Nach wie vor geht er drei Mal in der Woche ins Landesarchiv in Berlin Reinickendorf. Gerade forscht er zu Widerstandsgruppen der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD, oft auch SAP). Auch an Ausstellungen in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand arbeitete er mit.
In Marzahn sorgte Wehner mit dafür, dass nach der Wende viele der nach hochrangigen SED-Kadern benannten Straßen die Namen von Antifaschisten erhielten. So wurde aus der Heinrich-Rau-Str. die Poelchaustr., aus der Otto-Winzer-Str. die Mehrower Allee, aus der Erich-Glückauf-Str. die Havemannstr. und aus der Bruno-Leuschner-Str. die Raoul-Wallenberg-Str.