So, 14. 11. 2021, 18:00 - Di, 16. 11. 2021, 20:30, Bitterfeld-Wolfen OT Wolfen

9. Wolfener Filmtage - 75 Jahre DEFA

Am 17. Mai 1946 wurde in Potsdam-Babelsberg die Deutsche Film-AG (DEFA) gegründet. Die DEFA sollte laut dem Anliegen ihrer Gründer nach „helfen, in Deutschland die Demokratie zu restaurieren, die deutschen Köpfe vom Faschismus zu befreien und auch zu sozialistischen Bürgern erziehen“. Zwischen 1946 und 1992 entstanden mehr als 700 Spielfilme, darunter Märchen, Kinderfilme, Literaturverfilmungen, antifaschistische Stoffe, Gegenwartsstreifen, Indianerfilme und
Unterhaltungsfilme. Hinzu kommen noch 750 Animationsfilme, mehr als 2000 Dokumentar- und Kurzfilme und Wochenschauen sowie über 600 Filme für das DDR-Fernsehen. Ein Großteil der Spielfilme sind heute noch sehenswert, eine ganze Reihe davon gehören zum deutschen Film-Erbe.

Sonntag, 14.11. - 18.00 Uhr
Bankett für Achilles (DEFA 1975, fa, 89 min)

Begrüßung: Armin Schenk (Oberbürgermeister von Bitterfeld-Wolfen) – angefragt
Eröffnung der Filmtage: Stefanie Eckert (Vorstand der DEFA-Stiftung)

Regie: Roland Gräf, Szenarium: Martin Stephan, Kamera: Jürgen Lenz, Musik: Gerhard Rosenfeld,
Darsteller: Erwin Geschonneck, Else Gruber-Deister, Jutta Wachowiak, Fred Delmare, Ute Lubosch, Dieter Franke, Wolfgang Winkler, Gudrun Ritter, Hermann Beyer, Carl Heinz Choynski

Der Meister Karl Achilles, 65 Jahre alt und dreißig Jahre im Chemiekombinat Bitterfeld tätig, geht in Rente. An seinem letzten Arbeitstag fällt es ihm schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, künftig
nicht mehr im Betrieb tätig zu sein. Achilles ist noch kräftig und aktiv, aber er spürt auch, dass er den neuen technischen Anforderungen, die an ihn als Meister gestellt werden, nicht mehr gewachsen ist.
Deshalb geht er freiwillig. Ein Jüngerer, der die Hochschulschule absolviert hat, macht schon Probesitzen am Schreibtisch des Meisters. Der Bereichsleiter gibt ein Bankett zur ehrenvollen Verabschiedung nebst Prämie und Abschiedsrede. Und zu Hause wird von seiner neuen
Lebensgefährtin die private Feier vorbereitet. Auch die Kinder sind gekommen. Das alles macht Achilles den Abschied vom Betrieb, den er nach 1945 mit aufgebaut hat, nicht leichter. Auf seinem
Weg durch die Stadt macht er Rast auf einer Parkbank, neben zwei Rentnern. Er zerstört sein Blumenbeet auf einer Industriehalde, wo er besonders widerstandsfähige Blumen züchtet, um die verunstaltete Landschaft zu verschönern. Er flüchtet von der Familienfeier. Am nächsten Morgen geht er zu seinen Blumenbeeten und richtet sie wieder her.

Roland Gräfs Film wurde nach einer wirklichen Geschichte an Originalschauplätzen gedreht. Der Film atmet Bitterfelder Luft und zeichnet ein ungewöhnlich kritisches Bild der Arbeiter und Arbeitswelt.
In der Hauptrolle liefert Erwin Geschonneck eine darstellerische Glanzleistung. Dem Film wurde vorgeworfen, ‘ein falsches Bild von der Arbeiterklasse der DDR‘ zu präsentieren.

Gesprächspartner: Jutta Wachowiak und Stefanie Eckert
Einführung und Moderation: Paul Werner Wagner

Montag, 15.11. - 10.00 Uhr Schülerveranstaltung (Heinrich-Heine-Gymnasium Wolfen)
Vorspiel (DEFA 1987, fa, 92 min)

Regie: Peter Kahane, Drehbuch: Thomas Knauf, Kamera: Andreas Köfer, Musik: Tamas Kahane,
Darsteller: Susanne Hoss, Hendrik Durin, Antje Straßburger, Ahmad Mesgarha, Karin Schröder, Hermann Beyer, Ariane Borbach,

Der siebzehnjährige Dekorationslehrling Tom gehört zu einer Clique Jugendlicher in einer kleinen Stadt. Während der Anführer Major mit seiner AWO versucht, den Mädchen zu imponieren, träumt Tom von der großen Liebe. Die begegnet ihm plötzlich in Gestalt von Corinna, die mit ihrem Vater, einem Museumsdirektor, aus Berlin hergezogen ist. Tom lässt sich kuriose Dinge einfallen, um sich bei Corinnas Vater ins rechte Licht zu setzen. Und als er von Floh, der Freundin seit Kindertagen hört, dass Corinna Schauspielerin werden will, ist dies plötzlich auch sein Lebenswunsch. Gemeinsam bereiten sie sich auf die Aufnahmeprüfung vor. Und in einer schwachen Stunde lässt sich Corinna
sogar verführen. Aber dann muss Tom die schmerzliche Erfahrung machen, dass sie Major liebt. Tom fällt bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule durch. Floh tröstet ihn.

Große Teile des Films wurde in Schönebeck an der Elbe gedreht. Der DEFA-Spielfilm wurde 1988 in Saarbrücken mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet.

Gesprächspartner: Peter Kahane
Einführung und Moderation: Paul Werner Wagner

18.00 Uhr
Königskinder (DEFA 1962, s/w, 89 min)

Regie: Frank Beyer; Drehbuch: Edith und Walter Gorrish; Kamera: Günter Marczinkowsky; Musik: Joachim Werzlau;
Darsteller: Annekathrin Bürger, Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thein, Marga Legal, Monika Lennartz, Walter Lendrich, Fred Delmare, Charlotte Küter

Drei junge Menschen im Berlin der 30er Jahre. Magdalena und Michael lieben sich. Jürgen, der Dritte, arrangiert sich mit den Nazis; Michael und Magdalena wollen Widerstand leisten. Im Krieg kommt Michael in ein Strafbataillon. An der Front trifft er Jürgen. Beide laufen zur Roten Armee über, in der auch Magdalena schon kämpft.

Der Film greift das Motiv des Liedes von den Königskindern auf, die sich ewig lieben und doch nicht zueinanderkommen können. Gleichzeitig stellt er mit Blick auf zwei Jugendfreunde die Frage nach Verrat, Anpassung und Menschlichkeit angesichts bedrohlicher politischer Konstellationen, hier speziell der des Faschismus. Von sowjetischen Vorbildern der „Tauwetter“- Periode inspiriert, hebt sich Königskinder mit seinen raffinierten Montagen und einer stilisierten Bildkomposition von
anderen DEFA-Produktionen positiv ab. Königskinder, der 1962 in die Kinos kam, wurde auf mehreren internationalen Festivals für Regie, Kameraführung und Darstellung ausgezeichnet.

Gesprächspartnerin: Annekathrin Bürger
Einführung und Moderation: Paul Werner Wagner

Dienstag, 16.11. - 10:00 Uhr Schülerveranstaltung
(Ort: Europagymnasium-Walther-Rathenau Bitterfeld)
Biologie! (DEFA 1990) - fa, 90 min

Regie: Jörg Foth; Szenarium: Gabriele Kotte und Wolfgang Müller nach dem Roman "Wasseramsel" von Wolf Spillner; Kamera: Michael Göthe; Musik: Christian Therusner;
Darsteller: Stefanie Stappenbeck, Cornelius Schulz, Carl Heinz Choynski, Katrin Klein, Peter Prager, Heide Kipp, Peter Dommisch, Axel Werner, Horst Rehberg, Dietlind Stahl, Paul Berndt, Hans-Otto Reintsch,

Auf den ersten Blick erkennt Winfried, dass Ulla einfach klasse ist und Stil hat. Mit einer waghalsigen Mofafahrt macht er seine Mitschülerin erfolgreich auf sich aufmerksam. Eine zarte Liebe beginnt.
Zunächst lässt sich Winfried auch von Ullas Leidenschaft für den Naturschutz anstecken. Als sie während einer Klassenexkursion entdecken, dass mitten im Landschaftsschutzgebiet ein Bungalow gebaut wird und eine Forellenzucht entstehen soll, will sich Ulla mit allen Mitteln dagegen zur Wehr setzen, frei nach dem Motto "Kinder haften für ihre Eltern“. Eine Ausstellung über das Kerbtal ist geplant, Winfried hilft mit seinen Computerkenntnissen die geeigneten Fotos zu beschaffen. Aber
allmählich hält er seinen Gewissenskonflikt nicht mehr aus, ist doch sein Vater, der mächtige Generaldirektor Tübner, für den illegalen Bau verantwortlich. Die unterschiedlichen Lebensweisen der beiden Familien – hier die arrivierten, von Komfort verwöhnten Bürger, dort die Familie, die in einem Abrisshaus lebt – bergen viel Konfliktpotential für die jungen Liebenden. Alle scheuen sich gegen den mächtigen Generaldirektor aufzutreten, nur Ulla nicht. Am Ende steht sie vor einem
Schultribunal und wird relegiert.

Biologie! basiert auf der literarischen Vorlage Die Wasseramsel des Schriftstellers und Naturfotografen Wolf Spillner. Eine Verfilmung wurde bereits ab 1982 bei der DEFA diskutiert, jedoch mehrfach zurückgewiesen. Die gesellschaftskritische Romeo- und Julia-Liebesgeschichte aus dem Sommer 1989 zählt zu einem der wenigen DEFA-Spielfilme zur Umweltthematik.

Gesprächspartner: Jörg Foth
Einführung und Moderation: Paul Werner Wagner

18.00 Uhr
Der Dritte (DEFA 1972, fa, 111 min)

Drehbuch und Regie: Egon Günther, Szenarium: Günther Rücker nach der Erzählung "Unter den Bäumen regnet es zweimal" von Eberhard Panitz, Kamera: Erich Gusko, Musik: Karl-Ernst Sasse,
Darsteller: Jutta Hoffmann, Rolf Ludwig, Barbara Dittus, Armin Mueller-Stahl, Peter Köhnke, Christine Schorn, Erika Pelikowsky, Jaecki Schwarz, Klaus Manchen, Walter Lendrich, Fred Delmare, Willi Schrade

Margit ist 36 Jahre, war zweimal verheiratet, hat aus jeder Ehe ein Kind. Sie hat studiert und arbeitet als Mathematikerin. So kann sie gut für sich und ihre beiden Kinder sorgen. Was ihr fehlt, ist – trotz zweier gescheiterter Beziehungen – ein Partner. In Rückblenden wird ihre Lebensgeschichte noch einmal erzählt: Diakonissenschule, Arbeiter- und Bauern-Fakultät, Liebesverhältnis zu ihrem Dozenten, erste Schwangerschaft, gescheiterte Beziehung. Ihr zweiter Mann, ist ein blinder Musiker, der mit sich selbst nicht zurechtkommt, auch nicht mit nun zwei Kindern. Margit entdeckt schließlich einen Dritten, Hrdlitschka, der sie aber nicht bemerkt. Da beschließt Margit, offensiv zu werden und,
gegen alle Konvention, den Mann anzusprechen und nicht mehr loszulassen.

Die Hauptfiguren des Films werden sozial eingeordnet. Sie werden an ihrem Arbeitsplatz vorgestellt. Der Film führte zu einer regen öffentlichen Diskussion um die Lage und Rolle der Frau in der DDR.
Die Offenheit einzelner Szenen wurde kritisiert, so sind unter anderem ein Abtreibungsversuch und eine Szene mit „latent lesbischen Liebkosungen“ zwischen Margit und Lucie zu sehen. Die Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann wurde auf der XXXIII. Filmkunstschau Venedig 1972 mit dem Preis Venezia Critica ausgezeichnet. Der Film erhielt auf dem Internationalen Filmfestival Karlovy Vary 1972 den Hauptpreis.

Gesprächspartnerin: Jutta Hoffmann
Einführung und Moderation: Paul Werner Wagner

Veranstaltungspartner und Förderer: Förderverein Industrie- und Filmmuseum Wolfen e. V., Städtisches Kulturhaus Bitterfeld-Wolfen, Industrie- und Filmmuseum Wolfen, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt, Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, Kulturforum Rosa-Luxemburg-Stiftung, Wohnstätten Genossenschaft Bitterfeld-Wolfen, ORWO Net GmbH, Tageszeitung nd, Stadt Bitterfeld-Wolfen, DEFA-Stiftung und Verein der Bundestagsfraktion DIE LINKE e.V.
Kurator und Moderator: Paul Werner Wagner

Wo?

Städtisches Kulturhaus Bitterfeld-Wolfen
Puschkinplatz 3
06766 Bitterfeld-Wolfen OT Wolfen