Mi, 18. 08. 2021, 19:00 - 21:00, Berlin

Der Intellektuelle Heinrich Mann – heute und 1936/37

Die Jahre 1936 und 1937 bildeten den Höhepunkt des politischen Engagements Heinrich Manns – er leitete den Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. Gegen die sich ankündigende und dann eintretende "ungeheure Katastrophe" hielt er es für das Wichtigste, "von Dingen [zu] reden, die sonst jeder gewusst hat", und für diese Dinge durch die politische Tat einzutreten. Alles andere hatte dagegen zurückzustehen – notfalls selbst die Arbeit an dem großen Roman dieser Jahre, Die Vollendung des Königs Henri Quatre. "Die wahre Rolle des Intellektuellen war es immer, sich auf die Seite der verfolgten Wahrheiten und der grundlos leidenden Menschen zu stellen."

Die beiden Jahre waren jedoch bereits der Zeitraum seines Scheiterns. Das deutsche Volk beschwor er zu einem Widerstand, den nur sehr wenige leisteten. Der von ihm geleitete Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront blieb ohne politische Organisation des Bürgertums, wurde von der Führung der Exil-SPD boykottiert und zerbrach an dem fehlenden demokratischen Verantwortungsgefühl von Repräsentanten der KPD. Die Sowjetunion erwies sich nicht als der "grösste Versuch der unbedingten Befreiung der Menschen", für den er sie – "trotz dem Blut und ungeachtet eines notgedrungenen Despotismus" –  nahm. Die Aufrufe zur Solidarität mit der Spanischen Republik verhinderten nicht das Vorankommen der von Hitlers Umtrieben unterstützten Putschisten. Frankreich schloss sich einer Appeasement-Politik an, über deren Zentrum das Urteil im Privatbrief lautete: "England ist durch und durch zum Kotzen."

Betrachtet werden soll in dem Vortrag vor allem die Haltung eines Intellektuellen, der sich in die Realpolitik nicht ergab, weil er sie an dem maß, was sein sollte. Konkretisiert werden kann das in seinen Konflikten mit den Vertretern der Arbeiterparteien im Volksfrontausschuss, zu denen er einmal feststellte: "Deutsche, besonders die links gerichteten Deutschen, denken leider zuerst an das, was sie zu trennen scheint, bevor sie ernsthaft gegen den Feind aller vorgehen." Zu verdeutlichen sind mit diesen Vorgängen zugleich Lücken in der Erinnerung des heutigen Deutschland, wie sie in den Äußerungen zum 150. Geburtstag des Autors im März 2021 deutlich wurden. Angefangen vom Bundespräsidenten gab es gegenüber den früheren (in Restbeständen weiter zu findenden) Abfertigungen eines Kommunistenfreundes oder Träumers eine beachtliche und zu würdigende Aufwertung - die aber vorherrschend so funktionierte, dass die radikaleren Auffassungen und Handlungen verwischt wurden oder nicht mehr vorkamen.

Referent: Prof. Dr. Wolfgang Klein

Moderation: Dr. des Birgit Ziener

In Kooperation von Helle Panke und Max-Lingner-Stiftung.



Kosten: 3,00 Euro

Anmeldung erforderlich

Wo?

Max-Lingner-Haus
Beatrice Zweig Straße 2
13156 Berlin