29.05.2016
Iroel Sánchez
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

Obama im Großen Theater – Oder das große Theater von Obama in Havanna?

Iroel Sánchez, kubanischer Journalist, Verleger und Informatikingenieur kommentiert die Rede des US-Präsidenten am 22. März auf der Karibikinsel/ Teil 5 der OW-Serie

Kuba

Kuba, Lateinamerika und die ganze Welt haben voller Erwartung die versöhnliche, intelligente und verführerische Rede verfolgt, die Barack Obama am 22. März im Großen Theater von Havanna gehalten hat. Es war nicht die erste längere Rede während seines Besuchs. Es handelte sich jedoch um die einzige, bei der der Präsident der Vereinigten Staaten die Bühne mit niemandem geteilt und den ganzen Raum für sich hatte.
Seit seiner Ankunft in Havanna wurde nichts dem Zufall überlassen. Die sorgfältig schriftlich verfasste Rede las er von optimal platzierten Telepromptern ab, die er aus Wa­shington mitgebracht hatte.
Dem aufmerksamen Beobachter fiel auf, dass einige unter den vierzig mitgereisten Kongressabgeordneten dem Redner jedes Mal an der richtigen Stelle applaudierten. Diese Abgeordneten und die US-amerikanische Delegation, applaudierten als Einzige während der zahlreichen Momente, in denen die Rede in Bevormundung oder gar in eine mehr oder minder offene Einmischung abglitt.
Unmittelbar vor der Rede brachte ein Mitarbeiter noch eilig das Siegel mit dem Weißkopfseeadler am Rednerpult an, als ob es, angesichts der in gleicher Anzahl auf der Bühne platzierten kubanischen und US-amerikanischen Fahnen nötig wäre, noch ein Zeichen der Dominanz zu setzen.
Der Beginn der Rede war der Verurteilung der Terroranschläge des Islamischen Staates in Belgien gewidmet sowie der Versicherung, dass „alles Notwendige getan“ werde, um „die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen“. Aber der Redner verwies nicht auf die 3.478 Kubaner, die dem Terror zum Opfer fielen, der von den USA aus gegen das Land praktiziert, finanziert und gefördert wurde. Noch weniger erwähnte er die völlige Untätigkeit seiner Regierung, die Verantwortlichen dieser Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.
In der Rede verwendete Obama immer wieder Gegensatzpaare (junge Menschen-Geschichte, Staat-Individuum, Regierung-Volk, Vergangenheit-Zukunft), mit einer Strategie, die darauf abzielt, die kubanische Gesellschaft in ihrem Inneren zu spalten. Das Storytelling wird nun auch durch erfolgreiche ausgewanderte „Firmengründer“ gefüttert. Und unser Gast glaubt, dass wir deren Beispiel im Wege des „Wandels“ folgen müssen und können, den er uns nun nicht mehr auferlegt, sondern uns über unsere Landsleute näherbringt, die von den „Möglichkeiten“ profitiert haben, die der US-amerikanische Kapitalismus bietet. Davon hätten ihm auch einige am Vortag in einer Bierbrauerei in Havanna berichtet. Das Wort „Wandel“ kam in der Rede mindestens 14-mal vor.
Die Realität lehrt, dass bei jedem Erfolg tausende Menschen auf der Strecke bleiben, und dass in unserer heutigen Welt jeder ökonomische Triumph einem Ende der Hoffnungen vieler anderer gleichkommt. Privat­ini­­tiative auf Kuba anzu­regen, zeugt nicht gerade von Ehrlichkeit, denn er als Harvardabsolvent müsste wissen, dass die größte Wahrheit des Kommunistischen Manifests sagt, dass sie in der Praxis für neun Zehntel der Menschheit abgeschafft ist.
Nachdem Obama Gemeinsamkeiten zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten aufgezeigt hatte, kam er auf die Unterschiede zu sprechen. Aus einem Schlüsselabsatz ging hervor, dass die Demokratie ein Monopol des Systems ist, das die USA versucht haben, der Welt aufzuerlegen. Demnach wäre der Sozialismus ein Synonym für Unverständnis und der kubanische Staat beschneide die Rechte: „Kuba hat ein Einparteiensystem, die Vereinigten Staaten haben eine Mehrparteiendemokratie; Kuba hat ein sozialistisches Wirtschaftsmodell, die Vereinigten Staaten einen freien Markt; Kuba betont die Rolle und die Rechte des Staates, die Vereinigten Staaten gründen sich auf den Rechten des Individuums“.
Beim Blick auf unsere Nachbarländer erkennen wir, dass dort, wo den USA das „System“, die „Demokratie“ und das „Wirtschaftsmodell“ in Ordnung erscheinen, die tatsächliche Umsetzung der „Rechte des Individuums“ ein Trugbild darstellt, obwohl diese weit öfter erwähnt werden als in Kuba. Kein Nachbarland Kubas ist sozial besser gestellt als diese Insel, obwohl es dort keine Wirtschaftssanktionen gibt. Weit davon entfernt, leiden sie im Gegensatz zu uns unter struktureller Gewalt, Kinderarbeit und dem Drogenhandel, die hier nicht existieren. Wenn die USA davon sprechen, „das kubanische Volk zu bemächtigen“ meinen sie tatsächlich den Aufbau einer Minderheit, die Kuba gemäß den Interessen der USA verwaltet. Sie kündigen an, dass sie nicht einen in Verruf geratenen „Regimewechsel“ erzwingen werden, obwohl sie dafür mehrere Millionen US-Dollar bereitgestellt haben. Im Zuge ihrer neuen Politik wollen die USA nunmehr die Bedingungen dafür schaffen, damit wir dies selbst tun.
Am 4. Juni 2009 sprach Obama an der Universität von Kairo, einer symbol­trächtigen Stadt für den Islam und die arabische Welt, und wandte sich dabei an den gesamten Nahen und Mittleren Osten. Es war die beeindruckende Rede eines Präsidenten, der noch keine 5 Monate im Amt war. Eine Freundin machte mich darauf aufmerksam, dass man die Wörter Islam, Iran, Palästinenser oder Moslems in der damaligen Rede von Obama durch Kuba oder Kubaner ersetzen könnte. Die Zitate aus dem Koran, das Wort Mohammeds, könnte man durch die Worte des Unabhängigkeitskämpfers José Martís ersetzen, auf die der US-Präsident am 22. März 2016 verwies. Dutzende Stellen weisen frappierende Ähnlichkeit auf.
Kurze Zeit später kamen der „Arabische Frühling“, das Zerbrechen säkularisierter Gesellschaften wie Syrien, der Aufschwung des religiösen Fanatismus, die Unterstützung des Islamischen Staats seitens der USA und das Lachen seiner Außenministerin Hillary Clinton, als sie von der Tötung Gaddafis erfuhr. Heute geht es den Palästinensern noch schlechter als 2009 und die arabischen Völker sind die großen Verlierer des von Washington auferlegten „Wandels“.
Sieben Jahre später ist der Nahe und Mittlere Osten zu einem hoffnungslosen flammenden Inferno geworden und Obama hält weiterhin ökumenische Reden. Jetzt spricht er von Kuba aus zu Lateinamerika, inmitten einer von seiner Regierung in der Region vorangetriebenen neoliberalen Gegenreform, und zitiert in einem großen Theater den Unabhängigkeitskämpfer José Martí. Aber Martís letzte Worte beinhalten genau den Vorschlag, „mit der Unabhängigkeit Kubas rechtzeitig zu verhindern, dass sich die Vereinigten Staaten über die Antillen ausbreiten und – dadurch gestärkt – über die Länder unseres Amerika herfallen“. Kuba hat Obama mit Respekt empfangen und zugehört und ist bereit, für den Frieden voranzukommen, für den es so lange zum Wohle seines und des Volkes der USA gekämpft hat. Freundlichkeit sollte jedoch nicht mit Naivität verwechselt werden.

Übersetzung: Mit freundlicher Genehmigung der Internetplattform www.amerika21.de