30.05.2016
Thomas Braune
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Zur Person: Beatrice Morgenthaler

Im Gespräch mit dem Mitglied des Marzahn-Hellersdorfer Bezirksvorstandes der LINKEN

Beatrice Morgenthaler spricht auf einer Kundgebung.
Marzahn-Hellersdorf
  • Du bist im Südwesten Deutschlands geboren und hast in Hamburg gearbeitet. Was hat dich nach Marzahn-Hellersdorf verschlagen?

B.M.: Nach Berlin bin ich berufshalber gezogen. Wir suchten dann eine Wohnung, die auch groß genug für eine Familie mit drei Kindern ist. Die gab es entweder nicht bezahlbar oder unter der Hand, also war Bauen durchaus eine Alternative. Mein Haus steht seit 1995 im ruhigen Kaulsdorf. Nach Marzahn-Hellersdorf hat mich im Grunde der Zufall verschlagen. Damals war das Straßenbild noch geprägt von Jugendlichen in Nazi-Outfit, Alternative waren nicht zu sehen. Natürlich waren nicht alle rechts, es war auch einfach Mode. Es gab aber unter Jugendlichen eine „herrschende Meinung“. Die andere Seite war: Von der Oberschule, auf die meine beiden Älteren kamen, hatte ich schon in Hamburg gelesen. Dort hatten sich Eltern, Lehrer und Schüler zusammen hingesetzt und sich überlegt, wie man Schule gestalten könnte. Auf der Schule konnten die Kinder wirklich Demokratie lernen und die Eltern erfuhren, dass ihre Vorstellungen etwas galten. Das war 1995 noch den Erwartungen der Wendezeit geschuldet und ein gutes Beispiel, wie Demokratie im Kleinen funktionieren kann.

  • Was hat dich bewogen, Mitglied der LINKEN zu werden?

B.M.: Engagiert war ich eigentlich schon fast mein ganzes Leben lang, was natürlich mit Elternhaus und Schule zusammenhing. Während meiner Schulzeit wurde die NPD gegründet und es war einer unserer Lehrer, der uns darauf hinwies, dass man da mal zu einer Versammlung gehen könne. Die halbe Oberstufe saß also im Versammlungsraum, auf den Stühlen und Tischen, auf der Fensterbank und auf dem Fußboden. Irgendwann schaute ein verschrecktes Männlein herein, schloss, dass wir nicht die erwartete Klientel waren und schloss die Tür von außen und ver-
schwand. Wenn es nur immer so leicht wäre. An der Uni arbeiteten wir auch in Basisgruppen und lasen dort beispielsweise Marx‘ Kapital. Dafür gab‘s auch einen Schein – mit Prüfung natürlich. Außerdem war ich Fachschaftssprecherin. Später kam dann der Wahlkampf gegen Franz Josef Strauß. Dort sagte man uns: Euch sollte man zu Seife verarbeiten. Aha, dachte ich, die Ratten trauen sich wieder aus den Löchern. Später wurde mir klar, dass man von Menschen, auch wenn sie politische Gegner sind, nicht als Ratten sprechen darf. Das sind genau die Methoden der Nazis, Menschen das Menschsein abzusprechen. Aus ähnlichen Gründen ist es mir wichtig, nicht von Fluten, Strömen und dergleichen zu sprechen. Diese Wörter signalisieren eine Gefahr, derer man sich erwehren müsse. Gefährlich ist es, wenn auch die Qualitätsmedien sich solcher Bilder unhinterfragt bedienen und damit einer Angststimmung Vorschub leisten.

  • Links warst du also schon immer?

B.M.: Genau. Zur LINKEN – damals noch PDS – hat es mich dann in Berlin auch bald gezogen – zunächst als passives Mitglied und dann auch in verantwortlicher Position im Bezirksvorstand. In Hamburg habe ich mich auch in der Gewerkschaft engagiert und wurde auch in den Betriebsrat gewählt. Ich arbeite noch immer gelegentlich für ver.di im Bereich Bildung und Beratung. Meine Aufgabe ist es, Betriebsräte für ihre besondere Arbeit im Betrieb zu qualifizieren.

  • Wie blickte man in der sich auch heute noch oft radikal gebärdenden „West-Linken“ auf die DDR?

B.M.: Also ich glaubte nicht, dass die DDR wirklich ein sozialistisches Land ist, ging aber davon aus, dass die Geschichte des Landes durch Menschen geprägt ist, die ehrlich ein besseres Deutschland aufbauen wollten. Wieso soll das im ersten Versuch gleich gelingen? Auf der anderen Seite hielt ich Mao nicht für einen Marxisten – wohl aber für einen wichtigen Führer der „Dritten Welt“, der versuchte, sein Land vorwärts zu bringen. Sein „Rotes Buch“ habe ich einmal durchgeschaut und dann lieber die Marxschen Analysen gelesen.

  • Wie wurdest du Sprecherin vom Bündnis für Demokratie und Toleranz am Ort der Vielfalt Marzahn-Hellersdorf?

B.M.: Seit der Gründung des Bündnisses im Oktober 2014 war ich für den Integrationsbeirat dabei. Von verschiedenen Seiten wurde ich dann gefragt, ob ich die Aufgabe der Sprecherin – zusammen mit Bilgin Lutzke – übernehmen will und habe mich dafür bereit erklärt. Auch für die zweite Periode bin ich wieder als Sprecherin berufen worden. Wichtig am Bündnis ist mir besonders die Arbeit in Arbeitsgruppen. Dort ist auch Platz für einzelne in ihrem Engagement, sei es in der praktischen Gestaltung eines Festes, sei es beim Gedenken an besondere Ereignisse oder Persönlichkeiten, die uns auch heute ein Vorbild sein könnten und so weiter. Hier ist noch viel Raum sich einzubringen, auch für Menschen, die ansonsten nicht viel mit Gremienarbeit anfangen können.

  • Die Gefahr von rechts wächst auch in Marzahn-Hellersdorf. Was kann das Bündnis tun?

B.M.: Wir stehen heute vor der besonderen Situation, dass Rechtspopulisten auch in Deutschland erfolgreich Stimmung machen. Der Unterschied zur Pogromzeit der 90er Jahre ist, dass jetzt weitere Teile der Bevölkerung zumindest einen Teil der rechten Propaganda für richtig halten und eine Partei wählen, die – zusammen mit Pegida und anderen – einen rechten Diskurs nicht nur hoffähig machen, sondern auch die politische Agenda mitbestimmen, obwohl sie nicht die Mehrheit sind. Die Mehrheit macht sich aber wenig mit ihren Belangen bemerkbar. Hier sehe ich die Notwendigkeit unseres Bündnisses für Demokratie und Toleranz. Ich bin froh darüber, dass hier alle Parteien – von der CDU bis zur LINKEN – sowie auch Unternehmer, Kirchenvertreter, Vereine und Verbände zusammenfinden. Das Bündnis ist keine Veranstaltung des SPD-Bürgermeisters, der LINKEN oder auch der CDU. Hier kann keine Parteiarbeit gemacht werden. Aufgabe der Parteien ist es aber nach wie vor, das Bündnis nach Möglichkeit in seiner Arbeit zu stützen. Für die Zeit nach den nächsten Wahlen ist es mir wichtig, dass der nächste Bürgermeister oder die nächste Bürgermeisterin wieder die Schirmherrschaft für das Bündnis übernimmt – auch, um der Bevölkerung von Marzahn-Hellersdorf zu signalisieren, dass die Themen des Bündnisses für unseren Bezirk außerordentlich wichtig sind.

  • Wie beurteilst du die Lage der LINKEN in Marzahn-Hellersdorf im Hinblick auf die kommenden Wahlen?

B.M.: Aufgabe der LINKEN ist es, mit einem klar linken Profil in den Wahlkampf zu gehen und Politik zu machen. Wir müssen sichtbar machen, dass es Alternativen gibt und dass diejenigen, die unzufrieden sind mit der bisherigen Politik in Deutschland und in unserem Bezirk, eine Besserung nicht von den Rechtspopulisten und der extremen Rechten erwarten können. Dazu müssen wir sowohl deren Positionen gut kennen als auch uns selbst noch klarer werden, welchen Weg wir gehen wollen. Deswegen sage ich: Lasst uns streiten um die besten Wege, lasst uns eine lebendige Partei sein, lasst uns weiterhin aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen und lasst uns die Aufgaben praktisch anpacken, die vor uns liegen – zum Wohl unseres Bezirks und der Stadt, und wenn es uns gut gelingt, auch darüber hinaus.

Das Gespräch führte: Thomas Braune