30.05.2016
Sabine Behrens
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Geschichte unterhaltsam

Zu Gast bei Wolfgang Brauer (MdA): Alexander Reiser

Wolfgang Brauer (re.) bedankt sich bei seinem Gast Alexander Reiser.
Marzahn-Hellersdorf

Nach 1990 kamen rund zwei Millionen sogenannte Russlanddeutsche aus der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik. Schätzungsweise leben rund 30000 von ihnen im Bezirk Marzahn-Hellers-dorf, ein Großteil in Marzahn-Nord/-West.
Im Norden Marzahns, in der Wittenberger Straße 67, ist der Verein der Aussiedler in Berlin, Vision e.V., ansässig. Der Geschäftsführer Alexander Reiser ist als Akteur bei vielen Veranstaltungen im Stadtteil dabei. Privat wohnt er mit seiner Familie im Ortsteil Hellersdorf.
Am 4. Mai öffnete sich der Vorhang des Berliner Tschechow-Theaters für den in den 1960ern in Sibirien geborenen Autor und Journalist Reiser.
„Zerrissene Seelen“, sagte Wolfgang Brauer, „produzieren Literatur“ und gibt seinem Gast das Wort.
Am Beispiel seiner eigenen Familie schilderte Alexander Reiser nicht ohne Augenzwinkern auf unkonventionelle Weise die wechselhafte Geschichte der Russlanddeutschen und ihr Ankommen in Deutschland. Untermalt von Fotos seiner Familie, nahm er das zahlreiche Publikum mit auf eine Reise in die Geschichte. Seine aus Hessen stammenden Vorfahren waren dem Ruf der Zarin Katharina im 18. Jahrhundert nach Russland gefolgt und siedelten sich im Wolgagebiet an. Sie wurden sogenannte Staatsbauern. Im Gegensatz zu den russischen Leibeigenen gelangten sie zu einem gewissen Wohlstand, überstanden Oktoberrevolution, Bürgerkrieg und Hungerzeiten.
1924 verlieh Stalin den sogenannten Wolgadeutschen den Autonomiestatus. Mit Hitler kam 1941 die Zwangsumsiedelung inklusive von nur 20 kg Gepäck (!) nach Sibirien in das Omsker Gebiet. Frauen und Kinder durften die Dörfer bei Androhung von Zwangsarbeit bis 1956 nicht verlassen. Sie waren sehr arm, aber sie überlebten.
Kindheit und Jugend verbrachte Alexander in seinem Geburtsort Hoffnungstal. Nach seiner Militärzeit trieb ihn seine Abenteuerlust für drei Jahre zum Fischen auf die See, bevor er Journalistik studierte. Ein halbes Jahr lang begleitete er Pelztierjäger in den sibirischen Wäldern.
1996 kam Reiser nach Deutschland, der auszufüllende Antrag war 56 Seiten lang. Ein Kriterium war übrigens nicht das Beherrschen von Hochdeutsch, was auf ein aktuelles Erlernen zum Zwecke der Einreise schließen lassen könnte, sondern das Sprechen von deutschen Dialekten, die in den Familien seit Jahrhunderten gepflegt wurden, ebenso die Kenntnis deutscher Sitten und Gebräuche. Mit Humor widerlegte er die Story vom „deutschen Schäferhund“.
Für ein paar Kostproben seines literarischen Könnens blieb auch noch Zeit, Reisers Tochter umrahmte den Abend mit einigen Weisen auf dem Klavier.
Die Gäste dankten mit vielen interessanten Fragen. Sabine Behrens