30.05.2016
Petra Pau (MdB)
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

ARD-NSU-Dreiteiler – höchst aktuell

Marzahn-Hellersdorf

Dem Dreiteiler über das NSU-Desaster wünsche ich viele Zuschauerinnen und Zuschauer und der ARD alsbald eine Wiederholung der Trilogie. Ja, es sind Spielfilme, keine Dokumentationen. So konnten sich die Autoren auf Wesentliches konzentrieren, anderes weglassen und die tatsächliche Geschichte aus drei Perspektiven erzählen, aus Sicht der Täter, der Opfer und der Ermittler.
Nach den Sendungen bekam ich etliche E-Mails und Anrufe, andere sprachen mich direkt an. Jetzt haben sie ein Gefühl dafür, wie es den Hinterbliebenen der NSU-Opfer ergangen sein muss und wie auf ihren Gefühlen von Staats wegen herumgetrampelt wurde. Das sagten sinngemäß die einen. Andere betonten, wie aktuell doch vieles ist, was seinerzeit aus jungen, verunsicherten Leuten Hardcore-Nazis, ja Mörder werden ließ.
Gewiss, nicht alle Szenen entsprachen ad-äquat dem, was zahlreiche parlamentarische Untersuchungsausschüsse inzwischen ermittelt haben. Und nicht jede These aus der anschließenden ARD-Dokumentation über das NSU-Netzwerk ist bislang belastbar. Aber das ist auch nicht entscheidend.
Wichtig an den drei Spielfilmen war zweierlei, finde ich. Sie haben einem Millionenpublikum erhellt, warum die NSU-Geschichte etwas mit uns allen zu tun hat. Und sie haben uns nahegebracht, dass es bei alledem nicht allein um Gestern, sondern brisant um Aktuelles geht.
Zur Erinnerung: Das spätere NSU-Kern-Trio sozialisierte sich Anfang der 1990er Jahre, als es täglich Angriffe gegen Flüchtlinge und Migranten, auf Menschen, gab. Bestraft wurden die Täter selten. Im Gegenteil: Das Asylrecht wurde seinerzeit gekappt. Die Politik agierte also ganz in ihrem Sinne. Ein Fürsprecher dieses Kotaus vor Rechtsextremen war übrigens Oskar Lafontaine. Und heute?
1998 waren Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe abgetaucht. Die drei wurden per Haftbefehl gesucht und (vermeintlich) nie gefunden. Nunmehr, Ende 2015 gab es 372 offene Haftbefehle gegen Neonazis, weil die Beschuldigten verschwunden sind, räumte die Bundesregierung jüngst ein.
Und wieder grassiert massiv Rassismus, bis in die Mitte der Gesellschaft hinein und aus immer mehr Parlamenten heraus. Und schon wieder wird das ohnehin schon amputierte Asylrecht in Frage gestellt.
Das und mehr entnahm ich zum weiteren Nach- und Mitdenken dem NSU-Dreiteiler der ARD. Und so fühle ich mich im neuen Untersuchungsausschuss des Bundestages zusätzlich motiviert, im Alltag und als Linke ohnehin.