19.04.2016
Franz Hilbert
Erschienen in: Märkische Linke (LINKE Ostprignitz-Ruppin, Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg)

Das Atom sei Arbeiter und nicht Soldat

Rheinsberger Energie für den Norden
Rheinsberg

Diese Losung hing noch am Einlaufbauwerk, als ich zwei Jahre nach der Inbetriebnahme meine Arbeit im Kernkraftwerk Rheinsberg (KKWR) aufnahm. Der erste Kernenergiereaktor auf deutschem Boden war am 9. Mai 1966 in Betrieb gegangen. Es war die erste Anlage, die für die industrielle Energieerzeugung genutzt wurde.

Damit wurde technisches Neuland betreten und von der damaligen jungen Generation, die damit befasst war, auch angenommen. Beim Überwinden von Schwierigkeiten zeigte sich die Identifizierung mit diesem Werk. Schließlich wurde es bei einer gleitenden Projektierung errichtet, das heißt frisch vom Reißbrett in die Bauphase.
Zeitweilig waren bis zu 800 Arbeiter auf der Baustelle des Kraftwerkes und für die Infrastruktur einschließlich Wohnungsbau beschäftigt. Parallel dazu wurde ab 1960 mit dem Aufbau der Stammbelegschaft begonnen.

Enge Zusammenarbeit mit Sowjetunion

Vorausgegangen waren Verhandlungen auf Regierungsebene mit der UdSSR, die schließlich in dem Kontrakt 903 mündeten, der 1956 abgeschlossen wurde. Weitere Verträge zur Lieferung der Hauptanlagen und zur Experten-Unterstützung beim Bau und bei der Inbetriebnahme folgten.

Die junge DDR wollte von Anfang an dabei sein, wenn es um die friedliche Ausnutzung der neuen vielversprechenden Energiequelle Atomenergie ging. Das war nur in Zusammenarbeit mit der Sowjetunion möglich, die das, heute würde man sagen, Know-how besaß und bereit war, es der DDR und den anderen sozialistischen Ländern zur Verfügung zu stellen.
Vor den frisch gebackenen Leitern der jungen Stammbelegschaft stand auch die Aufgabe, die Einwohner von Rheinsberg und den umliegenden Gemeinden über die Machbarkeit des Kernkraftwerkes aufzuklären. Dabei ging es von der Beherrschbarkeit der gesteuerten Uran-Kernspaltung bis zur Einbindung des Projektes in ein Naturschutzgebiet. Insgesamt gab es unter den Einwohnern weniger Widerstand als heute bei dem Bau einer Hochspannungsleitung oder von Windenergieanlagen.
Soweit zur Vorgeschichte.

Elektroenergie für den Norden der DDR

Das KKW Rheinsberg war von 1966 bis 1990 insgesamt 130 000 Stunden im Betrieb. Seine abgegebene Elektroenergie in Höhe von 9.036 Gigawattstunden war vor allem für die Stabilität des Verbundnetzes in den Nordbezirken der DDR von Bedeutung. Denn es war bis 1974 die einzige nennenswerte Energieerzeugungsanlage nördlich Berlins. Besonders vorteilhaft war der Betrieb des KKWR in den Wintermonaten, in den oftmals Zeitverfügbarkeiten nahe 100 % erreicht wurden.
Damit ist auch bereits die primäre Aufgabe für das KKWR umrissen. Obwohl es zunächst mehr als Lehr- und Versuchskraftwerk gedacht war, unterlag es sehr schnell den objektiven Erfordernissen, und die Versuche bzw. die Erprobung von Werkstoffen und neuartigen Brennstoffkassetten für die WWER-1000 (Wasser-Wasser-Energie-Reaktor in Stendal) hatten sich dieser primären Aufgabe unterzuordnen.

Forschung für Lubmin

In Rheinsberg wurde nach der Inbetriebnahme aus den freiwerdenden Hoch- und Fachschulkadern ein Forschungsbereich aufgebaut, der stetig anwuchs und in den 80er Jahren etwa 120 Mitarbeiter hatte. In den ersten Jahren befasste sich dieses Forschungspotenzial mit der sicheren und bestmöglichen Betriebsweise des Blockes in Rheinsberg. Recht bald wurde der sichere und optimale Betrieb der 440-MW-Blöcke in Lubmin der Schwerpunkt Nr. 1 in der Forschungstätigkeit. Später kamen auch einzelne Aufgaben für die 1000-MW-Blöcke hinzu. Die Forschung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern im Inland und dem sozialistischen Ausland.

Und drittens war das KKW Rheinsberg auch Kaderschmiede. Allein in den Jahren 1968 bis 1972 gingen etwa 120 leitende Mitarbeiter und Spezialisten nach Greifswald zum dortigen KKW.
Ferner wurde 1969 beim KKW Rheinsberg eine Bildungsstätte geschaffen. Neu zur Kernenergie stoßende Mitarbeiter wurden in Grundlehrgängen mit den speziellen Besonderheiten vertraut gemacht. Für das Blockleitpersonal der 440-MW-Blöcke wurde 1973 ein Trainer in Betrieb genommen, mit dem alle Prozesse der Betriebsführung einschließlich Störfälle simuliert werden konnten. An dieser Einrichtung wurden auch Spezialisten aus der damaligen CSSR und der Ungarischen Volksrepublik ausgebildet und in Wiederholungslehrgängen trainiert.

Zum 50. mit guten Gefühlen

In der Zeit von 1966 bis 1990 wurde bewiesen, dass es möglich ist, mit einem sehr gut ausgebildeten Betreiberpersonal, das mit hohem Engagement und Verantwortungsbewusstsein die Aufgaben erfüllt, ein Kernkraftwerk sicher zu betreiben. Es kam zu keiner Zeit in den Kernkraftwerken Rheinsberg und Greifswald zu einer unzulässigen Strahlenbelastung im Werk, geschweige denn in der Umgebung.

Insofern können die noch mit dem Abbau des KKW befassten Mitarbeiter als auch die sich im Ruhestand befindlichen den 50. Jahrestag der Inbetriebnahme des ersten KKW-Blockes in der damaligen DDR mit guten Gefühlen begehen.

Anlässlich des 50. Jahrestages der Inbetriebnahme will die Stadt Rheinsberg gemeinsam mit dem KKW-Betreiber und dem Stadtgeschichtsverein am 9. Mai eine Feier, auch mit Vorträgen zur Geschichte sowie Betriebsbesichtigungen, durchführen.