18.03.2016
Thomas Braune
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Zur Person: Sarah Fingarow

Sarah Fingarow in ihrem Büro
Marzahn-Hellersdorf
  • Sarah, wie wird man von der Mitarbeiterin der Abgeordneten Regina Kittler zur Leiterin einer Unterkunft für Geflüchtete?

Durch das Ehrenamt. Seit September letzten Jahres bin ich fast täglich in der Unterkunft in der Bitterfelder Str. gewesen und habe auch bei der Einrichtung neuer Unterkünfte geholfen. Meine erste Unterkunft war der Glambecker Ring. In der Bitterfelder Str. war ich dann für die Einrichtung des Spielzimmers verantwortlich. Schließlich habe ich mich auf eine Stelle bei der Volkssolidarität beworben.

  • War es trotzdem eine Umstellung?

Klar, das hier ist ein Vollzeitjob mit viel Verantwortung. In wichtigen Fällen muss ich rund um die Uhr erreichbar sein. Ich liebe es aber, Dinge zu organisieren und arbeite gern mit Menschen. Deren Dankbarkeit ist dann der schönste Lohn für meine Arbeit hier.

  • Was waren deine ersten Aufgaben?

Zuerst musste ich mich natürlich den Bewohnern und Bwohnerinnen vorstellen und ein Belegungskonzept erarbeiten – d. h. die Zimmer leer bekommen und neu verteilen. Dann musste ich mich viel um das Haus kümmern; beispielsweise herausfinden, welcher von den Hunderten Schlüsseln zu welcher Tür passt. Das Gebäude war vorher die Psychiatriestation des Griesinger Krankenhauses. Vieles am Gebäude ist veraltet: Die Brandmeldeanlage funktionierte nicht von Anfang an und die Balkone sind nicht nutzbar. Zur Zeit bemühe ich mich um den Einbau einer funktionierenden Schließanlage. Das bedeutet Sicherheit für die besonders schutzbedürftigen hier Wohnenden. Erst jetzt kann ich mich wirklich um die Belange der Bewohner*innen kümmern.

  • Sind das mehr Frauen oder Männer, und woher kommen sie?

Um die 200 Menschen wohnen zur Zeit hier – aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan und Moldawien. Wir haben hier viele Familien, also auch viele Kinder, und schwangere Frauen. Schon in den ersten Wochen gab viele Geburten. Alleinreisende Männer sind hier die Minderheit.

  • Soll das so bleiben?

Ja, die Unterkunft soll, wenn sie ab Mitte des Jahres keine Notunterkunft mehr ist, eine Unterkunft für Schutzbedürftige werden – also für alleinreisende Frauen, schwangere Frauen und Menschen mit Behinderungen. So ist unsere Vorstellung, die noch mit der Senatsverwaltung abgestimmt werden muss. Schon jetzt werden aus den Sporthallen schwangere Frauen an uns vermittelt. Andere Betreiber oder das Lageso rufen immer wieder an und fragen, ob noch Plätze bei uns frei sind.

  • Laut Medienberichten gibt es oft das Problem, dass Frauen in Leitungspositionen nicht ernst genommen werden. Hast du auch diese Erfahrung gemacht?

Nein, das hatte ich noch nicht, auch keine Anmachen oder so etwas. Natürlich versuchen manche Männer besonders charmant zu sein, wenn sie gegen Regeln verstoßen haben. Mehr aber auch nicht. Problematisch wird es nur, wenn sich Kinder aus verschiedenen Herkunftsländern streiten. Dann kommt es auch manchmal zum Streit zwischen den Eltern.

  • Die Arbeit hier nimmt dich ja auch zeitlich sehr in Anspruch. Bleibt dir da für deine Tätigkeit als Verordnete – auch in der kommenden Wahlperiode – noch genügend Zeit?

Ja, bisher gab es da noch keine Probleme. Die Kontakte, die ich als Verordnete und bei Regina Kittler knüpfen konnte, kommen mir jetzt zugute, und ich kann meine neuen Erfahrungen in der Fraktion einbringen. Trotzdem möchte ich weiter Schul- und Gleichstellungspolitik machen. Das ist ja auch ein Thema, das uns hier beschäftigt. Einige Kinder aus der Unterkunft werden bald zur Schule gehen, und wir sind eine Unterkunft mit vielen schutzsuchenden Frauen.

  • Wird noch Unterstützung durch Freiwillige gebraucht? Wie kann man helfen?

Ja, wir sind auf jeden Fall auf Unterstützung angewiesen. Mit dem vom LaGeSo vorgegebenen Personalschlüssel funktioniert das allein nicht. Es gibt schon einige Freiwillige. Darunter ist auch ein Geflüchteter, der uns mit seiner Sprachkompetenz unterstützt. Ehrenamtlich organisierte Deutschkurse werden auch schon angeboten. Die Koordination ist aber noch im Aufbau. Auch Ehrenamtliche müssen betreut werden. Mir selbst fehlt da leider oft die Zeit dazu. Wer helfen möchte, kann sich gern unter Telefon:
0157 81276484 an uns wenden.
Eine Kleiderkammer gibt es schon, und das Spielzimmer ist auch bald fertig. Spenden dafür sind herzlich willkommen und können nach Absprache jederzeit hier abgegeben werden. Auf www.marzahn.schnell-helfen.de gibt es eine Bedarfsliste. Aktuell werden besonders Babybetten und Roller zum Spielen für die Kinder gebraucht.
Das Gespräch führte Thomas Braune.