18.12.2015
Redaktion
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

»Das Ellenbogenprinzip soll nicht unser Leben bestimmen«

Die beiden Kreistagsabgeordneten der LINKEN, Sylvia Pyrlik und Lutz Kupitz im Gespräch über Umgangskultur, politisches Engagement und Perspektiven

Barnim

Umgangssprachlich unterscheidet man Pessimisten und Optimisten danach, ob sie das Wasserglas als halbleer oder halbvoll betrachten? Wie sehen Sie das Wasserglas gerade?

Kupitz: Im Moment ist es für mich halbleer. Ich sehe vor allem, dass Einzelinteressen immer mehr in den Mittelpunkt rücken. Auswirkungen für die Nachbarn, die Nachbargemeinde, die Zukunft der Gesellschaft wollen immer weniger Menschen sehen. Das Solidarprinzip geht verloren.


Das klingt allgemein, geht es konkreter?
Kupitz: Zum Beispiel bei der Windkraft. Ich verstehe, dass ökologische Interessen betrachtet werden. Ich teile Forderungen, dass das gesundheitliche Wohl der Menschen wichtig ist. Aber ich verstehe nicht, dass man die Energiewende will – sie darf nur nicht vor der eigenen Haustür statt finden. Genauso ist es bei der Stadtentwicklung, dem Straßenbau, in der Bildung. Oder schauen Sie auf die Abwasserproblematik in Bernau: Die Forderungen der Bürgeriniative haben inzwischen nichts mehr mit einem sozialen Ausgleich zu tun. Hier regiert das Ellenbogenprinzip. Wer sich nicht zu jedem Thema umfangreich informiert, wird manipuliert.
Pyrlik: So sehe ich das nicht: Für mich ist das Glas halbvoll. Um auf das Beispiel Windkraft zurück zu kommen: Wir müssen Entscheidungen ganzheitlich sehen, dazu gehört, unsere Natur zu erhalten. Dafür müssen die Kommunen zusammenarbeiten. Der Buchenwald am Liepnitzsee zum Beispiel sollte nicht der Windkraft geopfert werden.
Kupitz: Das ist ja richtig, aber wenn dann in diesem Sinne entschieden ist, zum Beispiel, dass in den Buchenwald am Liepnitzsee keine Windräder gebaut werden – dann muss man dieser Entscheidung auch glauben. Was mich stört, ist der Umgang in Auseinandersetzungen. Es gibt Unterstellungen, die dann als Wahrheit angenommen werden, es werden Ängste geschürt.
Pyrlik: Die Frage ist ja auch, ob das Glas noch - oder schon halb voll ist. In der Bildung zum Beispiel ist es für mich drei Viertel voll: Ich finde es ganz toll, dass die LINKE die Forderung nach gemeinsamem Lernen bis zur 10. oder gar 12. Klasse forciert. Ich habe Schule so erlebt und denke, dass der Zusammenhalt, die Teamarbeit in den Klassen so gefördert werden können. Ich finde es nicht gut, dass wir Kinder zu Einzelkämpfern erziehen, dass es von Anfang an nur um Konkurrenz um die Gymnasiumsplätze geht, dass wir damit Kindern beibringen, dass sie sich egoistisch verhalten müssen.
Kupitz: Damit geht es eigentlich um unsere Umgangskultur: Vielleicht kann ja das Glas auch wieder voll werden, wenn wir sachlicher miteinander umgehen.


Sind Sie durch die Arbeit im Kreistag zum Pessimisten geworden?
Kupitz: Nein, eigentlich nicht. Im Kreistag setzen wir uns mit konkreten Dingen auseinander, da ist die Diskussion sehr oft sachlich.
Pyrlik: Aufklärung ist wichtig, damit Ängste nicht weiter geschürt werden. Wichtig ist auch, dass ich meine Meinung ändern kann, wenn sich mein Blickwinkel durch neue Informationen verändert hat. So habe ich bisher gedacht, diese Verwaltungsstrukturreform bringt gar nichts. Dann habe ich mehr Informationen dazu erhalten – und jetzt ist mir schon klar, dass man Entwicklungen Voraus denken, dass man für jeden Standort die bestmögliche Struktur entwickeln muss.
Kupitz: Das finde ich toll, wenn man sich überzeugen lässt – aber genau diese Bereitschaft fehlt oft. Es ist doch inzwischen eher so: Wenn Argumente gegen ein bestimmtes Vorhaben einmal benannt sind, sind sie nicht mehr so leicht aus der Welt zu schaffen. Zum Beispiel, dass eine Stadt oder Gemeinde seinen Schule „hergibt“, wenn sie in kreisliche Trägerschaft übergeht ...
Pyrlik: Aber das ist doch tatsächlich so: Ich kenne dann meine Ansprechpartner nicht mehr, die Kreisverwaltung erscheint immer „so weit weg“, vielleicht kann eine Schule dann nicht mal mehr entscheiden, welche Bücher sie als Lehrmittel bestellt ...
Kupitz: Aber wenn ich im Landkreis für alle Kinder und Jugendlichen annähernd gleiche Lernbedingungen schaffen will, dann macht es Sinn darüber nachzudenken, die Schulen dem Kreis zu übertragen. Dann kann man gezielt Standorte sichern, dann werden Schülerinnen und Schüler nicht „bestraft“, wenn sie in einer ärmeren Gemeinde leben.


Sind das Wohlstandsprobleme?
Pyrlik: Die Frage ist, wie sich „Reiche“ verhalten, egal, ob privat oder als Stadt oder Land. In der gut situierten Stadt Bernau gibt es jedes Jahr wieder einen Kampf um die Gelder für die Galerie zum Beispiel. Da fehlt mir das Verständnis. Es geht immer nur um die Sicherung des Wohlstandes ...
Kupitz: ... und wenn man keine Veränderung will, dann kommt es zum Stillstand. Selbst die Diskussion um die „schwarze Null“ in den öffentlichen Haushalten führt zum Stillstand, weil nicht mehr über verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten nachgedacht wird.

Haben Sie denn keine Angst vor Veränderungen?
Pyrlik: Ich möchte Kontinuität in meinem Leben, nicht angstvoll in die Zukunft schauen. Persönlich habe ich Angst vor Armut, man ist heute ein „Nichts“, wenn man kein Geld hat – und das kann leider so schnell gehen, dass man nicht einfach mal „die Seele baumeln lassen“ kann.
Kupitz: Ich habe Angst vor Krieg, vor der Entwicklung, die sich gerade abzeichnet: Dass die Demokratie zerlegt wird, Häuser angezündet werden ...
Pyrlik: Ich habe beim bundesweiten Vorlesewettbewerb für Schüler ein Kinderbuch über Konzentrationslager ausgewählt, „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Darauf beschwerte sich jemand, das sei nichts für Kinder. Warum soll es darüber keine kindgerechte Aufklärung geben? Solche Denkweisen machen mir Angst.


Was wünschen Sie sich an gesellschaftliche Veränderungen?
Kupitz: Ich wünsche mir, dass ich das Glas wieder halb voll sehen kann. Dass alle Menschen gleiche Zugangsmöglichkeiten haben, zum Beispiel zur Bildung. Und dabei muss das Individuelle berücksichtigt werden, egal, ob einer Bauer oder Architekt werden will.
Pyrlik: Ich wünsche mir, dass wir uns an unsere eigenen Regeln halten – wie bei der Kindererziehung, die nur erfolgreich ist, wenn Regeln aufgestellt und ihre Einhaltung eingefordert wird. Wenn ich Jugendschutz will, dann muss der Zugang zu Zigaretten, Alkohol, Drogen sanktioniert werden. Wenn ich eine soziale Gesellschaft will, dann darf die Reichensteuer kein Tabu sein.