29.02.2016
Achim Grunke
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Über den völkischen Nationalismus

Unser Autor

In der deutschen faschistischen Bewegung, die unter dem Namen „Nationalsozialismus“ firmierte, gehörte die Ideologie des völkischen Nationalismus zu ihrem Hauptbestandteil und war auch dessen wichtigste Quelle. Nach 1945 wucherte der völkische Nationalismus zunächst in diversen Nachfolgeparteien der NSDAP weiter, bis hin zur heute noch existierenden NPD. In der jüngsten Zeit ist auch bei PEGIDA- und AfD-Veranstaltungen zu registrieren, dass dort in den Reden zunehmend Anleihen aus der völkisch-nationalistischen Ideologie aufgenommen werden, wenn z.B. von „Aushöhlung deutscher Identität“ oder der „Gefahr einer Umvolkung“ infolge des Flüchtlingszustroms die Rede ist.

Zum Begriff „Völkischer Nationalismus“

Der völkische Nationalismus kann als eine besondere Spielart des Nationalismus angesehen werden, dessen Anfänge in Deutschland bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts reichen. Die völkische Bewegung zeigte sich in deutschnationalen und antisemitisch-rassistischen Vereinen, Parteien, Gruppierungen und Personen. Im Kern war es stets das erklärte Ziel völkischer Bewegungen, das deutsche Volk vor einer „Andersartigkeit“ und vor einer „Überfremdung“ behüten zu wollen.

Der Begriff des „Völkischen“ kam seit etwa 1870/75 in Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich auf, zunächst nur als sprachliche Verdeutschung des Begriffes „national“. Bald erhielt das Wort „völkisch“ jedoch eine ideologische Bedeutung, wo das eigene, deutsche Volk völlig verabsolutiert und zum alleinigen Maßstab, wenn nicht gar zur Verkörperung aller als positiv anerkannten Eigenschaften erhoben wurde. Das deutsche Volk wird hier nicht als eine politische Willensgemeinschaft im Sinne eines Staatsvolkes verstanden (wie etwa in Frankreich), sondern als Abstammungs- oder „Blutsgemeinschaft“, in der Staat und Volk eine organische Einheit bilden. Dabei sei das deutsche Volk anderen Völkern überlegen.

Völkische Konzepte von „Volkstum“, „Lebensraum“ und „Volksgemeinschaft“ wurden vom Nationalsozialismus übernommen, werden auch heute noch verwendet, wenn beispielsweise rechtsextreme Gruppen von „National befreiten Zonen“ sprechen oder wenn sog. „Völkische Siedler“, die versuchen, mittels Landwirtschaft und Handwerk sich selbst zu versorgen, ihrer völkisch-nationalistischen Lebensweise einen ökologischen Anstrich versehen wollen. Die deutsche völkische Ideologie richtete sich in besonderer Weise gegen die Werte der Aufklärung, des Humanismus und gegen bürgerlich-demokratische Freiheiten. Nicht die Freiheit des Einzelnen steht hier im Vordergrund, sondern ein imaginäres „Volk“ wird als zentraler Begriff hervorgehoben.

Die Nationalbewegung und das Völkische

Aus der Befreiung der deutschen Länder von der napoleonischen Fremdherrschaft und der hierzu geführten Befreiungskriege (1808-1815) erwuchs erstmals so etwas wie eine deutsche Nationalbewegung und eine Art volkstümlicher Patriotismus. Bereits in den Anfängen und später noch verstärkt traten zugleich jedoch nationalistische Tendenzen auf.

In seinen „Reden an die deutsche Nation“ versuchte der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) ein Nationalgefühl zu wecken mit dem Ziel der Gründung eines deutschen Nationalstaates, der die Nachfolge des untergegangenen Heiligen Römischen Reiches antreten und sich von der französischen Herrschaft befreien sollte, obgleich Fichte zuvor die Französische Revolution bejaht hatte, weil sie einen Fortschritt zu mehr Gleichheit und Freiheit brachte.

Gleichzeitig machte er durch seine judenfeindlichen und nationalistischen Äußerungen von sich reden. Um sich vor den Juden zu schützen, sehe er „kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken“. In einer verdorbenen Welt sei das deutsche das einzige echte, ursprüngliche Volk und beim Übergang zum Vernunftstaat müssten die Deutschen die Führung übernehmen. Im wilhelminischen Kaiserreich sollte es später heißen: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“

Ein Höhepunkt der deutschen Nationalbewegung war das Wartburgfest. Hier trafen sich 1817 etwa 500 Studenten und einige Professoren zu einer Protestkundgebung gegen reaktionäre Politik und Kleinstaaterei und für einen Nationalstaat mit einer eigenen Verfassung. Auf dem Wartburgfest wurden in einem demonstrativen Akt Zopf und Korporalstock als Symbole der verhassten obrigkeitsstaatlichen Ordnung verbrannt. Gleichzeitig wurde den Flammen aber auch der „Code civil“ übergeben, das moderne französische Gesetzbuch zum Zivilrecht, das von Napoleon auch in annektierten deutschen Ländern eingeführt worden war und gegenüber dem vorher geltenden Recht ein Fortschritt war. Opfer der Verbrennung wurde auch die 1815 erschienene Streitschrift mit dem markanten Titel „Germanomanie“, in der sich der jüdisch-deutsche Schriftsteller Saul Ascher mit pauschalem Franzosenhass und Antisemitismus auseinandersetzte, der auch bei solchen deutschen Patrioten wie Ernst Moritz Arndt (1769-1860) und „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) durchbrach.

Arndt und Jahn haben gewiss ihre Verdienste um die Schaffung eines einheitlichen Deutschland, beide wurden 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung, das erste deutsche Nationalparlament, gewählt. Doch beide hatten auch ihre Kehrseiten. Jahn hatte während der französischen Besatzung in seiner 1808 verfassten Schrift „Deutsches Volksthum“, die nationalistische, rassistische und antisemitische Äußerungen enthält, erstmals seinen völkischen Nationalismus ausgebreitet.

Arndt zeigte sich als Demokrat, wenn er meinte: „Der Gedanke des Vaterlandes erwächst aus dem Gefühl, daß wir alle Bürger sind mit gleichen Rechten und Pflichten…“ An anderer Stelle entfährt ihm jedoch eine ausgesprochen völkisch-nationalistische Entgleisung: „Gerade weil wir in der Mitte (Europas) liegen, strömen alle verschiedenen Völker Europens immer auf uns ein und suchen uns wegzudrängen… Wir haben also mehr als alle anderen Völker Ursache, dass das Eigentümliche und Besondere, was uns als Deutsche auszeichnet, durch die Völkerflut und Geistesflut nicht weggespült und weggewaschen werde.“

Demokratische Tradition, Reichsgründung, Imperialismus

Dass die deutsche Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts auch ohne nationalistisches Gehabe auskommen konnte, zeigte das Hambacher Fest. Die sich zur ersten Massenkundgebung der Nationalbewegung im Mai 1832 unter dem schwarzrotgoldenem Festbanner versammelnden rund 30.000 Teilnehmer demonstrierten ihre Verbundenheit mit dem Befreiungskampf der Polen vom Zarenjoch und mit der republikanischen Bewegung, die in Frankreich die Julirevolution von 1830 herbeigeführt hatte. Die Farben schwarzrotgold wurden fortan das Symbol der demokratischen Nationalbewegung in Deutschland und dann erst wieder als offizielle Flaggenfarbe der Weimarer Republik zwischen 1918 und 1933 verwendet.

Die vom liberalen Besitzbürgertum ungewollte, missglückte deutsche Revolution von 1848/49 blockierte den demokratischen Weg zu einem einheitlichen deutschen Nationalstaat. Der Kompromiss zwischen Bürgertum und Junkerkaste brachte die Einheit Deutschlands auf dem Wege von „Blut und Eisen“ zum Kaiserreich von 1871 unter den Farben schwarzweißrot.

Der Sieg im Deutsch-Französischen Krieg hatte auch zum Aufleben nationalistischer Euphorie geführt. „Die militaristische und imperialistische Überformung des deutschen Nationalstaats aber hatte Auswirkungen auch auf die Idee der Nation. Sie wurde zunehmend mit militärischem Glanz und machtpolitischem Geltungsbedürfnis assoziiert… Die Ideologie des integralen Nationalstaates, der mit bürokratischem Zwang und militaristischer Disziplinierung die Einschmelzung der ethnischen und kulturellen Minoritäten in die herrschende Gesellschaft betrieb und ihnen die Kulturwerte der herrschenden Eliten zu oktroyieren suchte, gewann immer stärker an Boden“, so der namhafte Historiker Wolfgang J. Mommsen.

Die Gründung des Alldeutschen Verbandes (1891-1939), einer politischen Interessenorganisation nationalistisch und imperialistisch orientierter Gruppen der herrschenden Eliten aus Großbürgertum und Junkerclique, gehörte zum Ergebnis dieser Entwicklung. Der Alldeutsche Verband wurde zu einem unmittelbaren Wegbereiter des Hitlerfaschismus in Deutschland. In seiner vom völkischen Nationalismus geprägten Satzung vom August 1919 hatte er u.a. folgende Ziele ausgegeben: „Planmäßige rassische Höherentwicklung des deutschen Volkes durch Auslese und Förderung aller im Sinne guter deutscher Art hervorragend Begabten; Bekämpfung aller Kräfte, welche die völkische Entwicklung des deutschen Volkes hemmen oder schädigen…“

Als ein Fazit bleibt stehen: völkischer Nationalismus lieferte im 20. Jahrhundert die ideologische Vorbereitung für zwei Weltkriege. Nach all dem wäre die Frage zu stellen: Was hat der völkische Nationalismus, ein geistiges Relikt des 19. Jahrhunderts, eigentlich noch im 21. Jahrhundert zu suchen?

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