05.02.2016
Thomas Braune
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Zur Person: Pascal Richter

Pascal Richter
Marzahn-Hellersdorf

Pascal, du warst vier Jahre bei der Bundeswehr. Wie passt das mit einer Mitgliedschaft in einer Partei, die sich immer gegen Kriegseinsätze der Bundeswehr ausgesprochen hat, zusammen?
P.R.: Also Probleme mit Autorität hatte ich eigentlich schon immer. Wegen vermeintlicher Vergehen war ich auch oft beim Spieß. Meine Verpflichtung bei der Bundeswehr war aber eher aus der Not heraus geboren: Ich brauchte schlicht und einfach Geld. Dennoch würde ich sagen, dass sich DIE LINKE und Bundeswehr nicht grundsätzlich ausschließen. Man kann bei der Bundeswehr sein und sich dennoch gegen Auslandseinsätze aussprechen. Persönlich kannte ich jedoch keinen einzigen Soldaten, der bei der LINKEN Mitglied war. Bei der Bundeswehr habe ich aber auch mitbekommen, was in einer Armee alles schief laufen kann: Rechtsradikalismus, sexuelle Belästigung von Frauen und die Traumatisierung von Kameraden durch Auslandseinsätze. Als ich dann raus war, habe ich über diese Themen viel nachgedacht und Missstände angesprochen. Bei ehemaligen Kameraden stieß das nicht immer auf Gegenliebe.
Gibt es denn bei der Bundeswehr Diskussionen über politische Themen?
P.R.: Ich kenne viele ehemalige Kameraden, die sich gegen einen Einsatz im Ausland aussprachen. Jedoch werden politische Diskussionen in vielen Einheiten grundsätzlich nicht geduldet. Deshalb gab es solche Aussprachen auch eher außerhalb der Kaserne. Äußert man Kritik, gilt man oft auch als Kameradenschwein o. ä. Viele Soldaten interessieren sich aber auch einfach nicht für Politik und wollen nur ihren Job erledigen. Meiner Meinung nach ist die Bundeswehr nötig – natürlich nicht als Angriffsarmee und für sinnfreie Einsätze in aller Welt.
Hast du deinen Protest gegen die Bundeswehr auch außerhalb des Kreises ehemaliger Kameraden kundgetan?
P.R.: Ja, ich war bei vielen Protesten gegen die Bundeswehr und dann auch bei den Montagsmahnwachen mit dabei. Kurze Zeit später habe ich diese auch mitorganisiert, habe mich aber bald wieder davon distanziert.
Warum?
P.R.: Ich habe einfach gemerkt, dass es in dieser Bewegung – wenn man das so nennen kann – ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken gibt, welches alle gesellschaftlichen Probleme sehr vereinfacht. Hinzu kommt der latente Antisemitismus und die Verschwörungstheorien. Politiker wurden als grundsätzlich korrupt bezeichnet und alle politischen Unterscheidungen – links und rechts – wurden als spaltend dargestellt.
Die Montagsmahnwachler gehen also von einem homogenen Volkswillen aus?
P.R.: Genau. Die Mahnwachler haben die Vorstellung, dass alle Menschen, das „einfache Volk“ die gleichen Interessen haben und an einem Strang ziehen sollten. Doch es gibt immer verschiedene politische Interessen und Vorstellungen vom Zusammenleben in der Gesellschaft. Deshalb ist politische Willensbildung und politische Repräsentation nötig, um Radikalismus und Anarchie – im negativen Sinne – zu verhindern.
Wann genau hast du dich dann davon distanziert bzw. was war der Auslöser dafür?
P.R.: Das war so im Sommer 2014. Zunächst habe ich mir die Mahnwachen nur noch von außen angesehen und gehofft, die Menschen würden wieder etwas vernünftiger werden, objektiver denken und anfangen zu differenzieren statt zu pauschalisieren. Lars Mährholz wurde bei den Organisationstreffen auch immer autoritärer. Außerdem wurde die Bewegung von rechts unterwandert. Rechte Esoteriker, Verschwörungstheoretiker und „Reichsbürger“ kamen und meinten, als einzige die Wahrheit zu kennen. Linke wurden dagegen hinausgedrängt. Anfang 2015 begann ich dann auch öffentlich gegen die Mahnwachenbewegung vorzugehen.
Auch bei der LINKEN gab es Stimmen, die für eine Annäherung an die Mahnwachen warben.
P.R.: Richtig. Ich war zum Beispiel mit Dieter Dehm in Kontakt. Ich denke, er hat sich zu sehr auf diese Leute eingelassen. DIE LINKE sollte sich von den Mahnwachlern fernhalten. Die Auffassung, bei der Montagsmahnwache Leute gewinnen zu können, ist ein Fehler. Die Menschen dort wollen nichts mit Parteien zu tun haben, weil sie nichts von politischer Auseinandersetzung wissen wollen. Sie sagen nur: Gutes Volk – korrupte Politiker. Auch ohne die rechte Unterwanderung wäre aus den Montagsmahnwachen nichts Gutes hervorgegangen.
Wie bist du dann zur LINKEN in Marzahn-Hellersdorf gekommen?
P.R.: DIE LINKE war schon immer die Partei, die die meisten meiner Auffassungen vertritt. Sie ist für Menschen da, die keine Lobby haben. Außerdem denke ich – im Gegensatz zu den Mahnwachlern –, dass man auch in einer Partei seine eigenen Auffassungen vertreten und Dinge verändern kann. In der politischen Landschaft hat sich bereits einiges verändert: Wer hätte gedacht, dass die Kanzlerin einer konservativen Partei sagt: Refugees welcome? Ich hatte dann einige Gespräche mit Petra Pau, und auch mit Gregor Gysi habe ich gesprochen. Danach war ich überzeugt. Das Gespräch führte Thomas Braune.