05.02.2016
Wolfgang Brauer (MdA)
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Mehr Zuwendung für die Spätaussiedler!

Wolfgang Brauer ist der kulturpolitische Sprecher der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.
Marzahn-Hellersdorf

Seit Monaten versuchen Rechtsextreme auch in unserem Bezirk Ängste vor den Flüchtlingen zu schüren. Zu Ende des Jahres 2015 gelang es ihnen immer weniger. Die „Nein zum Heim!“-Nazi-Aktivisten blieben zunehmend unter sich. Seit den Silvester-Ereignissen in Köln und Hamburg scheint diese Tendenz zu kippen. NPD, AfD, Bärgida und ähnliche Vereine bedienen sich der miesen Strategie einer Sexualisierung der Ängste der „schweigenden Mehrheitsgesellschaft“ vor und der Unsicherheit im Umgange mit den Fremden. Das ist nicht neu. Schon in den 1930er Jahren pflegte die NS-Propaganda erfolgreich das Bild des lüstern über blonde Maiden herfallenden Semiten. Offenbar fällt das heute auch in unserem Bezirk wieder auf fruchtbaren Boden. Je unsinniger ein Gerücht ist, desto hartnäckiger scheint es sich zu halten. Das soll jetzt nicht kleinreden, dass zwangsläufig überall wo Hunderte Menschen auf engstem Raume ihr Dasein fristen müssen – ohne in den „normalen“ Alltag unseres Landes „eingebunden“ zu sein! – Probleme entstehen.
Gefährlich wird die Situation, wenn Nazis versuchen, eine relativ homogene Gruppe, die sich mental sowieso schon benachteiligt sieht – und es sozial zu einem guten Teil auch ist – zu instrumentalisieren. Ich meine die Gruppe der Spätaussiedler, die „Russland-Deutschen“. Ende 2014 zählte die Statistik 15.847 aller Marzahn-Hellersdorfer_innen dazu. Das waren 49 % aller seinerzeit im Bezirk lebenden Menschen mit Migrationshintergrund. Real werden es mehr sein, die Statistik erfasst nicht mehr alle. Diese Menschen hatten und haben Integrationsprobleme, die vielfältiger Natur sind, aber von der Aufnahmegesellschaft oft ignoriert werden. Das beinhaltet nicht nur – die sehr entscheidenden – Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt. Der Bogen spannt sich von einem vergleichsweise sehr konservativen Wertesystem bis zu sprachlichen Problemen. Alexander Reiser, Geschäftsführer von „Vision e.V.“, beziffert den Anteil binationaler Spätaussiedler-Familien im Bezirk – Familien mit russischsprachigen Ehepartnern – auf 40 %. Man muss das wissen, um zu verstehen, weshalb russische Fernsehstationen, konkret der “Erste Kanal“, einen so großen Einfluss auf das Meinungsbild vieler unserer Mitbürger haben.
Die schwierige Gemengelage gewann an Brisanz, als vor wenigen Tagen eine 13-jährige Schülerin aus Mahlsdorf in die Schlagzeilen geriet. Der Fall wurde sofort von NPD und Bärgida aufgegriffen. Der „Internationale Konvent der Rußlanddeutschen“ – eine rechtsextreme Splittergruppe um einen „Führer“ Heinrich Groth, der davon träumt, Ostpreußen wieder deutsch zu besiedeln – rief zu einer Demo vor dem Kanzleramt auf, an der 700 Menschen teilnahmen. Ein Leipziger Anwalt – unverständlicherweise Stadtrat der LINKEN – hat die Vertretung der Familie übernommen und schwadroniert gleichzeitig auf facebook, Angela Merkel „über einen deutschen Maidan“ zu stürzen. Inzwischen haben viele Familien in meinem Wahlkreis Angst, ihre Kinder allein zu Schule gehen zu lassen und fürchten sich vor dem neuen Flüchtlingsheim.
Was ist zu tun? Ich meine, die Integrationsträger (von B wie „Babel“ bis V wie „Vision“) gehören nachdrücklicher gestärkt. Wer immer es kann, sollte Kontakt zu seinen russ-landdeutschen Nachbarn aufnehmen und ihnen verstärkter das Gefühl vermitteln, dass sie „dazugehören“. Wir müssen ihnen helfen zu verstehen, dass nicht die Flüchtlinge eine Gefahr sind, sondern dass die für uns alle von rechtsextremen Bewegungen ausgeht. Auch wenn die sich der russischen Sprache bedienen. Diese Saat darf nicht aufgehen!