12.01.2016
Torsten Blümel
Erschienen in: KONKRETer (Kyffhäuserkreis, Thüringen)

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne *

„Na, wieder zurück?“ begrüßte mich die Bäckersfrau am Montagmorgen nach dem Parteitagswochenende. Sie höre immer den Radiosender eines westlichen Nachbarbundeslandes, gab sie kund und dass es sie erstaunt hätte, dass diese Sache mit Gysi gleich in mehreren Nachrichtensendungen hintereinander immer die erste Meldung gewesen sei – im Westradio!

Ja, diese Sache mit Gysi. Mehr muss man gar nicht erklären, jeder weiß sofort Bescheid.
Bevor ich am Samstag nach Bielefeld fuhr, hatte ich jedem, der mir die Frage stellte ob Gysi zurücktreten werde, noch ein klares Nein entgegen geschleudert. Reines Bauchgefühl. Ich vermute mal, jeder hat so gedacht: Gregor wird es immer geben! Nicht, dass er alleine die Partei war. Aber sein Name repräsentierte sie wie kein anderer nach außen. Nicht, dass wir nicht wussten, dass auch er mal in den Ruhestand gehen muss, rein alterstechnisch. Aber doch nicht jetzt, dachten wir uns immer.

Und dann war er gelaufen, der Parteitag. Selbst das Tagungspräsidium war sichtlich geschockt und mit leisen Worten unterbreitete Klaus Lederer nach der Rede von Gregor dem Parteitag den Vorschlag, die Sitzung abzubrechen und die restlichen Beschlüsse an den Parteivorstand zu überweisen.

Es war halb zwei an diesem Sonntag in Bielefeld, als Gregor Gysi auf der Bühne bekannt gab, dass dies seine letzte Rede auf einem Parteitag als Fraktionsvorsitzender sein würde. Er werde im Herbst nicht wieder als Fraktionsvorsitzender kandidieren. War es vorher schon ruhig, weil alle angespannt waren, konnte man es nun als still bezeichnen. Es schien, als ob alle den Atem anhielten. Umso deutlicher wurde in dieser Stille, wie sehr Gregor auf der Bühne mit seinen Worten rang. Um sich dann wieder zu fangen und sehr selbstbewusst, wie wir ihn kennen, der LINKEN seine politische Zukunftsbotschaft mit auf den Weg zu geben. Nachdenklich und still lauschten auch die, die ob seiner Visionen und Wünsche zu anderen Momenten in lautstarken Protest ausgebrochen wären. An diesem Tage aber zollten ihm alle ihren Respekt. Die Stille im Saal wurde nur durch Beifall unterbrochen, der den zeitweise mit Tränen ringenden Gregor immer wieder Zeit gab, sich selbst zu fassen.
Als er sich am Schluss seiner Rede tief, fast demutsvoll, mehrmals vor dem Parteitag verneigte, stand der ganze Saal und mehr als zehn Minuten währte der Applaus für den Politiker, der einen wesentlichen Anteil daran hat, dass wir heute die drittstärkste Partei in diesem Lande sind.

Mein Blick war während dieses langen Applauses starr nach vorn gerichtet. Erleichtert stellte ich dann am Abend fest, als im ARD die Kamera unsere Reihe einblendete, dass ich nicht der Einzige war, der sich verstohlen eine Träne wegwischte.
Als wir da so minutenlang klatschend standen, konnten die Gedanken noch Mal schweifen und so zogen an meinem Auge die Bilder der Jahre und unvergessene Momente vorbei. Es müsste 1990 gewesen sein, die Eissporthalle in Halle war brechend voll, als Gysi im Boxring seinen Auftritt hatte. Zwei oder drei Jahre später war ich dann schon etwas näher an ihm dran, der Saal kleiner, aber auch brechend voll in der Schwimmbadgaststätte in Artern. Und nochmal ein Jahr später dann ganz nah, ich wohnte gerade noch in Hettstedt. Wir hatten Gregor über die ROTfüchse e.V. eingeladen, saßen mit gut zwanzig Leuten in meiner Wohnung mit ihm bei Chili con carne. 1997 war er zum Bürgermeisterwahlkampf in Artern. Damals etwas beschämend, als ich ihn am Vorabend im Weinberg-Hotel unterbrachte und er nicht mal mehr ein Glas Bier bekam – Ausschankschluss, obwohl noch nicht alle Gäste aufgebrochen waren. Und am nächsten Morgen nervös viertel zehn unter Zeitdruck mit ihm beim Frühstück. Er war halt nicht so der Frühaufsteher, aber die Veranstaltung begann halb zehn. Aber man kannte es eben von Gregor, dass er meistens etwas später kam. 1999, als er mich im Landtagswahlkampf unterstützte, warteten rund hundert Leute auf dem Arterner Boulevard über eine Stunde auf ihn. Aber sie warteten. 2009 saß ich dann zum letzten Mal mit ihm auf einer Bühne, gemeinsam mit Bodo Ramelow. Es war wieder Landtagswahl und DIE LINKE war stärker geworden, was man auch daran merkte, dass gut 300 Menschen auf dem Arterner Marktplatz waren. In den Jahren dazwischen hatte Kersten Gregor noch zu einer Buchlesung nach Artern geholt und er war zu einer Konferenz der Bundestagsfraktion in Bad Frankenhausen auf dem Panorama. All diese Bilder kamen mir in diesem Moment wieder in Erinnerung, bewegende Zeiten. Und das soll es nun alles nicht mehr geben.

Als wir die Stadthalle in Bielefeld danach verließen, schien draußen schon wieder die Sonne. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Und den Anfang wird es geben (müssen), auch wenn das in diesem Moment nur ein schwacher Trost war. Es wäre fatal, wenn unsere Partei nicht auch ohne Gregor weiter existieren könnte. Doch man darf auch nie vergessen, dass er einen wesentlichen Anteil daran hat, dass wir heute das sind, was wir sind. Deshalb: DANKE, GREGOR!

* Hermann Hesse, wobei die Urheberschaft eines Satzes immer recht vage erscheint… Auch dem spanische Philosophen Miguel de Unamuno y Yugo zitiert man mit „In jedem Ende liegt ein neuer Anfang“