12.01.2016
Achim Grunke
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Kommunistische Internationale - letzter Weltkongress vor 80 Jahren

Unser Autor

Im Juli/August 1935 tagte in Moskau der VII. und letzte Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern). Am 22. Mai 1943 brachte die „Prawda“, die zentrale Zeitung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die Mitteilung, die Komintern werde als Organisation aufgelöst, da sie ihre historische Mission erfüllt habe.

Maßgeblich ging diese Entscheidung auf Stalin zurück, der mit der Auflösung der Komintern meinte, auch eine Geste gegenüber den westlichen Alliierten in der Anti-Hitler-Koalition tun zu müssen. Die Komintern hatte sich selbst in der Rolle des „Generalstabs der Weltrevolution“ gesehen und zu ihrem Bestreben erklärt, „die Kräfte aller wirklich revolutionären Parteien des Weltproletariats zu sammeln und dadurch den Sieg der kommunistischen Revolution zu erleichtern und zu beschleunigen“, was bei den westlichen Regierungen als bedrohender Export der Revolution empfunden wurde.

Gründung

Der Gründungskongress der Komintern fand vom 2. bis 6. März 1919 in Moskau statt. Die Schaffung der Komintern als der III. Internationale war nicht nur eine Reaktion auf das Scheitern der II. Internationale, sondern auch eine Konsequenz auf das Ausbleiben einer sozialistischen Revolution 1918/19 in Deutschland. Sowjetrussland und seine kommunistische Partei sollten nicht in die politische Isolation geraten und deshalb eng mit einer Schar gleichgerichteter kommunistischer Parteien in der Welt verbunden sein.

An diesem I. Kongress nahmen Vertreter kleiner und damals noch unbedeutender revolutionärer Gruppierungen teil. Hugo Eberlein von der KPD war der einzige Vertreter einer Partei außerhalb Sowjetrusslands, der eine Vollmacht seiner Partei besaß. Eberlein enthielt sich jedoch bei der entscheidenden Abstimmung über die Gründung der Stimme. Er folgte dabei der Weisung seiner Berliner Parteizentrale, die die Gründung für verfrüht hielt. Die KPD-Führung handelte und argumentierte hier noch im Sinne der im Januar ermordeten Rosa Luxemburg, die in den Vorjahren immer wieder in kritischer Distanz zu einigen Positionen Lenins und der Bolschewiki gestanden hatte. Insbesondere seien hier genannt ihre Kritik am Ultrazentralismus der russischen Partei und die Aufhebung demokratischer Grundfreiheiten nach der Oktoberrevolution.

Organisationsprinzipien

Die Organisationsprinzipien der Komintern wurden auf dem II. Weltkongress beschlossen, der vom 19. Juli bis 7. August 1920 tagte. Als grundlegendes Organisations- und Führungsprinzip wurde der bereits in der Leninschen Partei geltende „demokratische Zentralismus“ als verbindlich auf die Komintern übertragen. Die einzelnen kommunistischen Mitgliedsparteien gaben dabei ihre Eigenständigkeit auf und hatten sich künftig ausschließlich als territoriale Gliederungen, als nationale „Sektionen“ der Komintern zu verstehen.

Die im Leninschen Modell der „Partei neuen Typs“ verbindlichen Organisationsprinzipien, entstanden unter den Bedingungen der Illegalität und ihre Rechtfertigung unter den Verhältnissen des Bürgerkriegs findend, hatten mit dem Beschluss der „21 Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale“ fortan auch alle Mitgliedparteien der Komintern durchzusetzen. Als zwölfte Aufnahmebedingung wurde das Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ für alle Mitgliedparteien mit folgender Begründung für allgemeingültig erklärt: „In der gegenwärtigen Zeit des verschärften Bürgerkrieges ist die Kommunistische Partei nur dann imstande, ihre Pflicht zu erfüllen, wenn sie möglichst zentralistisch organisiert ist und eine eiserne, fast militärische Disziplin in ihr herrscht, wenn ihr Parteizentrum ein starkes, autoritatives Organ mit weitgehenden Vollmachten ist, das das allgemeine Vertrauen der Parteimitgliedschaft genießt.“

Der britische marxistische Historiker Eric Hobsbawm, Mitglied der KP Großbritanniens bis zu ihrer Selbstauflösung 1991, sah es in der Rückschau als einen schweren Irrtum an, dass die Komintern um den Preis der ideologischen Reinheit nicht auf eine breite linke Bewegung gesetzt hatte und damit auch zur Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung beigetragen hatte.

In der deutschen USPD, einer linken Abspaltung von der SPD, auf die Lenin zunächst noch Hoffnungen gesetzt hatte, entbrannte eine heftige Debatte über die „21 Aufnahmebedingungen“, in deren Folge es zu einer Spaltung der USPD kam, wo zunächst etwa 300.000 Mitglieder zur KPD übertraten, die bis dahin selbst nur 70.000 Mitglieder zählte. Danach gingen etwa 200.000 verbleibende USPD-Mitglieder zur SPD. Aus Verbitterung über die Spaltung blieben fast 200.000 ehemalige Mitglieder beiden Parteien fern.

Feindbild Sozialdemokratie

Nachdem die revolutionäre Stimmung in Westeuropa versiegt war und die kommunistischen Parteien doch nicht den erwarteten Zulauf hatten, versuchte die Komintern auf dem III. Weltkongress 1921 ihre Strategie den Bedingungen anzupassen und rief zu einer „Einheitsfront“ genau mit den Sozialisten und Sozialdemokraten auf, die sie als Opportunisten auf dem II. Kongress zurückgewiesen hatte. Im April 1922 kam es sogar zu einem gemeinsamen Treffen von Vertretern der 3 Internationalen: der Komintern, der Londoner Internationale (Sozialdemokraten), der Wiener Internationale (Sozialisten).

Der Dialog blieb ergebnislos, die gegenseitigen Vorbehalte standen mehr im Vordergrund als das Einende.

Auf dem V. Weltkongress im Juni/Juli 1924 sollten mit dem Beschluss über die „Bolschewisierung“ der kommunistischen Parteien die letzten Reste sozialdemokratischer Vergangenheit in den Parteien der Komintern ausgetilgt werden. Die hier ebenfalls eingeleitete Stalinisierung der Komintern wurde auf dem VI. Weltkongress vom Juli/September 1928 fortgeführt und verschärft.

Die These vom „Sozialfaschismus“, bereits in einer Resolution des V. Kongresses artikuliert, fand sich im Programm der Komintern wieder, das auf dem VI. Kongress 1928 verabschiedet wurde. Darin wurde eine Wesensgleichheit zwischen Sozialdemokratie und Faschismus behauptet, die Stalin im September 1924 so beschrieben hatte: „Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus … Diese Organisationen schließen einander nicht aus, sondern ergänzen einander. Das sind keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder.“

Volksfront und Faschismusdefinition

Mit dem VII. und letzten Weltkongress vom 25. Juli bis 20. August 1935 verabschiedete sich die Komintern von der These des Sozialfaschismus, denn im Juli 1934 hatte die französische KP – auch unter dem Eindruck der Machtergreifung des Faschismus in Deutschland – einen Aktionspakt mit den Sozialisten abgeschlossen. Nach diesem Vorbild sollten nun die Mitgliedparteien der Komintern eine „Einheitsfront“ mit Sozialisten und Sozialdemokraten herstellen und gemeinsam mit anderen antifaschistischen liberalen und bürgerlichen Kräften eine „Volksfront“ anstreben, um der faschistischen Gefahr entgegenzutreten.

Georgi Dimitroff, auf dem Kongress zum Generalsekretär der Komintern gewählt, hatte 1934 eine selbstkritische Analyse der Politik der Komintern vorgelegt, in der die These des Sozialfaschismus verworfen wurde, da sie zur weiteren Spaltung der Arbeiterklasse beigetragen hatte. Aus seiner Rede auf dem Kongress ist insbesondere seine Faschismusdefinition in Erinnerung geblieben: „Faschismus an der Macht … ist … die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“

Für Dimitroff bedeutete Faschismus die Macht der reaktionärsten Teile des Finanzkapitals. Er differenzierte somit innerhalb des Kapitals und des Finanzkapitals, um auch Teile des Kapitals in die Volksfrontpolitik einbeziehen zu können. Jedoch reduzierte sich Dimitroffs Faschismusdefinition auf die Erklärung der damaligen sozialökonomischen Grundlagen und vereinfachte auch das Verhältnis zwischen ökonomischer und politischer Macht. Die Definition war in eine Rede politischen Charakters eingebunden und konnte daher kein Ersatz für eine wissenschaftliche Theoriebildung vom Faschismus sein.

Zur weiteren Charakterisierung des Faschismus gehören wenigstens folgende Merkmale:

* Eine unumschränkte Machtausübung der Exekutive ohne parlamentarische Grundlage und Kontrolle – Ablehnung demokratischer Formen der Entscheidungsfindung und Machtausübung;

* Unterordnung des Einzelnen in der „natürlichen“ Ordnung der „Volksgemeinschaft“ – Ablehnung der universellen Freiheits- und Gleichheitsrechte der Menschen und der humanistischen Werte der Aufklärung;

* Übersteigerter Nationalismus und imperialistisches Großmachtstreben, verbunden mit Rassismus, Fremdenhass und Antisemitismus.

Hinweis

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