08.01.2016
Petra Pau (MdB)
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Als „Gottlose“ durchs Jahr

Petra Pau: "Gottlose Type"
Marzahn-Hellersdorf

Und so saßen wir jüngst bei einem „Italiener“ in Marzahn zusammen, das erweiterte „Team Pau“, wie es neudeutsch heißt. Rückblick, Dank, Vorschau. Wobei: Vor dem Jahresfinale nahte noch der Redaktionsschluss dieses Infoblattes. „Schreib einfach, was du 2015 mit deiner ‚Gottlosen Type’ erlebt hast“, wurde mir empfohlen. Ja, warum eigentlich nicht?
Es war Mitte Februar, da hielt ich das Buch druckfrisch in der Hand, stolz und neugierig, wie es wohl ankommen werde. Wobei „druckfrisch“ schon das erste Stichwort ist. Denn wir hatten vorher eine Idee. Fotos, just, wenn die ersten Bücher vom Band liefen. Doch wo wurde gedruckt? Wir wussten es nicht. Später stellte sich heraus: in Donau-Ries. Donau-Was? Das ist ein kleiner Ort in Franken. Und ich war 2008 tatsächlich dort, ein Jahr nach Gründung der Partei DIE LINKE. Die skurrile Geschichte dazu im Buch „Gottlose Type – meine unfrisierten Erinnerungen“ heißt übrigens „Herr Bürgermeister“.
Der Eulenspiegel-Verlag lieferte pünktlich, so rechtzeitig, dass ich bereits Mitte Februar einige Exemplare nach Israel mitnehmen konnte. Eins war für Angelika Timm bestimmt. Sie wurde in Tel Aviv als langjährige Vorsitzende der dortigen Rosa-Luxemburg-Stiftung verabschiedet. Ein weiteres schenkte ich in Jaffa Frank Meisler. Der Künstler schuf neben vielen anderen auch die Skulptur, die am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße an die „Kindertransporte“ 1938/39 erinnert. Seinerzeit konnten Tausende jüdische Kinder nach England ausreisen und so dem Holocaust entkommen. Frank Meisler gehörte dazu. Auch das kommt im Buch vor.
Offiziell wurde die „Gottlose Type“ Ende Februar im „ND-Club“ und Anfang März auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Der mdr und N3 luden mich zu Talkshows ein. Der „Kurier“ und weitere Zeitungen brachten freundliche Rezensionen. Von da ab fuhr ich in sitzungsfreien Wochen landauf, landab zu Lesungen, inzwischen wurden es fast 60. Mal kamen weniger, häufiger mehr Leute, im Schnitt waren es 40 je Veranstaltung. Und so konnte ich im Laufe des Jahres mit rund 2.500 Menschen zusätzlich sprechen - und sie mit mir - denen ich ohne dieses Buch wahrscheinlich nie begegnet wäre.
Anders spannend wurde es im Frühsommer, erst auf dem Kirchentag in Stuttgart, dann in meinem Urlaubsdomizil im Allgäu. Bis dato war ich „Gottlose“ nämlich nur im Osten unterwegs, nun also im Westen bzw. in Bayern. Wieder großer Zuspruch! In Oberstaufen waren zwei Lesungen vorgesehen. Kurgäste erbaten eine dritte, und das von einer Linken aus dem Osten! Derweil war ich mit meinen Erinnerungen auch in Nordrhein-Westfalen, in Bremen, in Schleswig-Holstein und Hamburg präsent.
Aber auch außerhalb dieser politisch-literarischen Veranstaltungen erwies sich das Büchlein als hilfreich. Im Frühjahr starb die Historikerin Dr. Wilfriede Otto. Die „Helle Panke“ veranstaltete ihr zu Ehren ein Symposium. Ich sollte ein Grußwort halten. Nahezu jeder im Saal wussten mehr über sie als ich. Aber die Episode „Einheits-Partei“ kannten die wenigsten. Im September war ich wieder gefragt. Die BAG „Grundeinkommen“ der LINKEN feierte ihr zehnjähriges Bestehen. Und so las ich eine Geschichte aus meinem Hefter „Gottlose – ungedruckt“. Das Erstaunen war groß. Denn ich leite darin die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für jede und jeden aus der Bibel ab, Matthäus 20.
Wenig später waren 180 junge Leute drei Tage lang Gast im Bundestag. Ihr Programm war mit „Werte, Glaube, Politik“ überschrieben, CDU/CSU-dominiert und prall. Aber auch ich war vorgesehen. Nur, ehe ich überhaupt drankam, hatten alle schon ein Dutzend Vorträge plus Debatte intus. Ich referierte daher nicht als rote 13, sondern trug ihnen kurzerhand fünf Kapitel aus dem Buch vor. Noch während ich las, orderten etliche via Smartphone die „Gottlose Type“ als e-book. Das freut natürlich den Verlag. Etwa zur selben Zeit erschien die 2. Auflage des Buches mit einer Episode mehr als vordem. Demnächst dürfte mich auch mein Honorar ereilen. Und wie versprochen: Ich spende es komplett an den Marzahn-Hellersdorfer „Ferien-Sommer 2016“.