20.11.2015
Margit Streblow
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

Letzte Runde im Kampf David gegen Goliath?

Trotz gegenteiliger Erklärungen der USA ist die Blockade gegen Kuba noch nicht beendet. Aber die karibische Insel verändert sich. Eine Reportage.

Einfahrt in die Bucht von Havanna: Noch immer sind über 50 Jahre alte Autos ein Wahrzeichen Kubas.

Just am 17. Dezember 2014 weilte ich in Havanna auf einem Kongress von Musikwissenschaftlern, als während der Mittagspause ein Raunen durch die Räume ging: „Wir haben wieder diplomatische Beziehungen zur den USA.“ Wie bitte? Was hatte ich da gerade gehört?
Der 17. Dezember ist der Tag des Schutzheiligen von Kuba, San Lazarus. Was hatte er in diesem Jahr mitgebracht? Viele Kubaner glauben nicht an Zufälligkeiten an diesem Tag. Gegen 12 Uhr sollte es eine Presseerklärung im kubanischen Fernsehen geben. Und wirklich: Das kubanische Staatsoberhaupt Raúl Castro erklärt den Willen seines Landes die Beziehungen zu den USA zu normalisieren. Gefangene werden ausgetauscht.
Nach langen Jahren ungerechter Haft in den USA kommen die letzten drei der „Cuban Five“ endlich frei. Die kubanische Seite übergibt 53 Gefangene an die USA, darunter auch Alan Gross, der wegen der illegalen Verteilung von Satellitentelefonen in Kuba dort inhaftiert war.
Die Insel ist im Freudentaumel. Im Fernsehen werden immer wieder die Bilder übertragen, die zeigen, wie die drei jahrelang inhaftierten Kubaner ihre Ehefrauen, ihre Mütter, ihre Familienangehören und Freunde erstmals wieder umarmen können.
Am Wochenende danach gehe ich zu einem Konzert mit Silvio Rodriguez, einem der berühmtesten Liedermacher der Nova Trova aus den 1980-er Jahren. Erst tourte er einige Zeit durch Kuba, jetzt tritt er in jenen Stadtvierteln der kubanischen Hauptstadt auf, wo die Menschen nicht so viel Zugang zur Kultur haben. Der Berg geht zum Propheten. Ich entscheide mich kurzfristig, diese Gelegenheit wahrzunehmen und ihn live zu erleben. Es gibt keine Einlasskontrollen. Der Eintritt ist frei. In Deutschland hätte ich Wochen vorher 80 Euro hinblättern müssen. Ich erlebe ein mehrstündiges Konzert ohne größere Pausen, jedoch mit einer großen Überraschung: die Cuban Five stehen auf der Bühne und singen gemeinsam mit Silvio Rodríguez, wenige Meter vor mir. Die Stimmung ist unbeschreiblich.
Inzwischen sind in beiden Ländern die Botschaften wiedereröffnet worden. Zuerst die kubanische Botschaft am 20. Juli 2015 in Washington, bei der auch Silvio Rodríguez zugegen war, dann die US-Botschaft in Havanna am 14. August 2015.
Von einer Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Ländern kann aber noch nicht gesprochen werden. Zu tief sind die Gräben. Zu groß die Wunden, vor allem auf der kubanischen Seite.
Kuba hat zwar erreicht, dass es im Mai 2015 von der Liste der Staaten, die nach Meinung der USA den internationalen Terrorismus fördern, gestrichen wurde, aber bei der Abstimmung über die Aufhebung der von den USA gegen Kuba verhängten Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade in der UNO Ende Oktober 2015 stimmten die USA und Israel erneut für die Blockade. Alle anderen Länder – insgesamt 191 und erstmals ohne Stimmenthaltung – hoben die Hand für die Beendigung der Blockade gegen Kuba.
Am 11. September 2015 fand das erste Treffen der Bilateralen Kommission Kuba – USA in Havanna statt. Am 10. November 2015 gibt es das zweite Treffen in Washington. Diese Kommission soll neue Schritte beider Länder für die nächsten Monate festgelegen. Dabei geht es um mögliche Verträge zum gegenseitigen Nutzen, aber auch um die Aufhebung der Blockade. Bleibt zu hoffen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Ausgabe der „Offenen Worte“ das von den USA eigenmächtig gegen Kuba verhängte Embargo endlich Geschichte ist.
Die Kubaner werden vor dem Fernseher sitzen und gespannt auf die Pressekonferenz nach dem Abschluss des Treffens warten. Was wird sie diesmal bringen? Im Oktober wurde schon mal unter vorgehaltener Hand von der Aufhebung der Blockade gesprochen. Wird sie endlich Realität? Kuba betont immer wieder, dass es jederzeit zu Verhandlungen mit den USA bereit ist, vorausgesetzt dass man auf Augenhöhe mit der karibischen Insel verhandelt. Das passt nicht so recht in das Konzept der USA. Bleibt abzuwarten, wie der Kampf zwischen David und Goliath weitergeht.
Interessante Links zum Thema: https://amerika21.de/2015/10/135332/kuba-usa-blockade-uno
https://amerika21.de/2015/08/126341/usa-botschaft-havanna