08.07.2015
Margot Ziemann
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

Zwei-Staaten-Lösung für Israel und Palästina?

Nah-Ost-Expertin zu Gast bei „Offene Worte mit Dagmar Enkelmann“

Bernau/Barnim

Der Treff 23 war gut besucht zur sonntäglichen Gesprächsrunde am 31. Mai mit einer ausgewiesenen Nah-Ost-Expertin. Die Begrüßung durch Prof. Angelika Timm erfolgte zunächst in Arabisch und in Hebräisch. Ein Einstieg in eine lebhafte Debatte mit der Wissenschaftlerin, die mehrere Jahre in Israel gelebt hat. Sie baute dort die Dependance der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf, deren Vorsitzende Dr. Dagmar Enkelmann ist. Reichlich Gesprächsstoff für eine politische, aber auch persönliche Bewertung der Lage im Nahen Osten. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Wissenschaftlerin mit der Region. Von 1968 bis 1973 studierte sie Hebraistik und Arabistik an der Humboldt-Universität in Berlin und wurde 1976 mit einer Arbeit zur Geschichte Palästinas promoviert.
Wie es zu diesem exotischen Studienwusch kam, wollte Dagmar Enkelmann gleich zu Beginn wissen. „Das Fernweh brachte mich dazu“, so die Tochter einer Geografielehrerin, die an der Geschwister-Scholl-Oberschule in Löbau/Sachsen das Abitur gemacht hatte. Dabei wurden für diesen Studiengang nur aller fünf Jahre jeweils fünf Studenten immatrikuliert. Dafür war das Studium, so schwärmt sie noch heute, individuell und sehr intensiv. Allerdings war die Sprachen-Ausbildung mehr auf das Lesen, Übersetzen und das Studium wissenschaftlicher Dokumente konzentriert. Direkten Austausch mit den Ländern in Nah-Ost gab es zu dieser Zeit kaum.
Als junge Frau im
diplomatischen Dienst
Das Kommunizieren in Arabisch lernte sie erst, so Angelika Timm, als sie 1977, mit dem ersten Doktortitel in der Tasche, den diplomatischen Dienst in der Botschaft der DDR im Irak als Konsulin antrat. Für eine junge Frau von 28 Jahren ohne praktische Auslands­erfahrung ein schwieriges Amt. Und die Konfrontation mit einer Realität, die in den Studienfächern nicht vorgekommen war. Kommunisten wurden damals auch im Irak verfolgt und eingekerkert. Unter ihnen viele, die in der DDR studiert hatten und mit deutschen Frauen und ihren Kindern in die Heimat zurück gekehrt waren. Die junge Konsulin versuchte zu helfen so gut es ging, den Frauen und ihren Kindern auf verschlungenen Wegen die Rückkehr in die DDR zu ermöglichen, denn diese hatten außer der familiären keinerlei Unterstützung im Irak zu erwarten. Nicht immer sei dies gelungen, so Angelika Timm. Denn zur Ausreise aus dem Irak brauchten die Frauen die Zustimmung ihrer Männer und die war nicht in jedem Fall zu erlangen.
Nach einem gemeinsamen diplomatischen Einsatz mit ihrem Mann in der DDR-Botschaft in Kairo kehrte Angelika Timm an die Humboldt-Universität zurück, um wieder wissenschaftlich zu arbeiten.

Das eine und das andere Israel
1985 durfte sie das erste Mal nach Israel reisen, um Recherchen für ihre wissenschaftliche Habilitationsschrift zum Thema Politik der sozialdemokratischen Bewegung in Israel zu sammeln. Dabei, so Angelika Timm, lernte sie das eine, aber auch das andere Israel kennen. Das Land, dass drei Kriege gegen seine arabischen Mitbewohner und Nachbarn führte, deren Gebiete eroberte und besetzte – aber auch das Land, das Heimstatt für Juden aus aller Welt geworden, multikulturell ist und sich eine zivile, demokratische Verfassung gegeben hat. Dieser Widerspruch gelte noch heute. 1987/88 habilitierte sie über die Politik Israels und war bis 1998 Dozentin und Leiterin des Seminars für Israelwissenschaften an der Humboldt-Universität. Nach der Wende initiierte sie mit einen neuen Studiengang für Israelkunde und Regionalwissenschaften der arabischen Welt, der großen Anklang fand.
In den 1990-er Jahren wurden aus den ehemals fünf über 100 Studenten, die die Studienrichtung wählten. Angelika Timm war in ihrem Element. Doch leider wurde der Studiengang 1998 abgewickelt. Seit Jahren wird auf diesem Gebiet an deutschen Universitäten bedauerlicherweise nicht mehr geforscht und gelehrt. Obwohl das angesichts der aktuellen politischen Lage mehr als notwendig wäre, so die Wissenschaftlerin. Zur Zeit versuche man an den Universitäten von Mainz und Heidelberg mühsam, Studiengänge wieder einzurichten, informierte sie.
Prof. Angelika Timm, als ausgewiesene Expertin, nahm Gastprofessuren in Haifa, den USA und der Freien Universität Berlin an. Hier forschte sie zum Wertewandel in der israelischen Zivilgesellschaft.

Chancen einer Zwei-Staaten-Lösung
„Solange es in der israelischen Gesellschaft keine Mehrheit für eine andere Politik gegenüber den Palästinensern gibt, wird es keine Zwei-Staaten-Lösung geben“, dämpfte Prof. Timm die Erwartungen. Die Furcht vor dem Verlust der Siedlungsgebiete führte bei der letzten Knesseth-Wahl im März 2015 dazu, dass die konservativen, nationalen Kräfte die Oberhand behielten. Man könne gegen die israelische Siedlungs- und Expansionspolitik sein, dürfe dafür aber nicht alle Bewohner Israels und alle Juden in Haft nehmen, betonte Angelika Timm. Es gäbe in der israelischen Gesellschaft inzwischen viele Gruppen, die eine Friedenslösung fordern. Diese müsse man unterstützen, was die Rosa-Luxemburg-Stiftung vor Ort tue. Das Existenzrecht Israels sei aber in jedem Fall anzuerkennen. Solange auch die palästinensische Gesellschaft in dieser Frage zerrissen sei, sei es trotz aller internationalen Unterstützung schwer, eine Zwei-Staaten-Lösung oder wenigstens eine Friedensregelung zu finden, so Timm.