08.07.2015
Redaktion/bc
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

Wert sozialer Berufe

Schlichtung gescheitert/Noch keine bessere Vergütung im Kita-Streik in Sicht

Barnim

Deutschlandweit gibt es rund 530.000 Beschäftigte, die in der Kindertagesbetreuung arbeiten. Rund 90 Prozent von ihnen sind Frauen. Arbeitsbedingungen und Gehälter sind im Verhältnis zur Verantwortung für die Jüngsten der Gesellschaft fragwürdig: Erzieherinnen steigen bei Vollzeit mit rund 2.300 € brutto ein – rund 600 € monatlich unter dem Durchschnittslohn. Kinderpflegerinnen kommen bei Berufsstart sogar nur auf 2.000 € brutto. Viele von ihnen müssen Teilzeit arbeiten; niedrige Renten sind die Folge. Vielleicht auch ein Grund, dass etwa 40 Prozent der Ausgebildeten im Laufe der Zeit den Beruf wechseln.

Mittels der Eingruppierungsordnung – einer Art Gehaltstabelle für die Sozial- und Erziehungsdienste – sollten durch den Streik der vergangenen Monate Lohnerhöhungen von durchschnittlich 10 Prozent erzielt werden. Außerdem wichtig: Bei einem Wechsel des Arbeitsplatzes sollte die bisherige Berufserfahrung berücksichtigt werden, und so die Berufe aufwerten. Die LINKE unterstützt im Rahmen der Kampagne »Das muss drin sein« die Forderungen. Bereits Ende März hatte sie den Arbeitskampf im Bundestag thematisiert und mehr Personal in Kitas, Schulen, Krankenhäusern und Pflegeheimen gefordert.

Am 23. Juni lag ein Schlichterspruch vor für die Tarifparteien vor. Danach könnten Beschäftigte mit einer durchschnittlichen Erhöhung der Vergütung von 3,3 Prozent rechnen. Real heißt das jedoch: Erhöhungen zwischen 33 und 160 € brutto. Dafür werden sowohl neue Entgeltgruppen vorgeschlagen als auch bestehende erhöht. Die Vereinbarung soll für 5 Jahre gelten. Kritiker bemängeln vor allem, dass die Erhöhungen in der Praxis nur wenige Beschäftigte betreffen, zum Beispiel die Verbesserungen in den Leitungstätigkeiten. Einige Erzieherinnen und Erzieher müssten – gerechnet auf die Laufzeit – sogar mit Einbußen rechnen und werden dazu noch für 5 Jahre zum Stillhalten verpflichtet.

Am 25. Juni lehnten die Gewerkschaften den Kita-Schlichterspruch ab. Eine ver.di-Streikdelegiertenkonferenz sowie die GEW und der Beamtenbund kündigten Mitgliederbefragungen bis August an. Bis dahin soll es keine weiteren Streiks an kommunalen Kindertagesstätten geben. Am 13. August wollen Gewerkschaften und Arbeitgeber die Verhandlungen wieder aufnehmen. Auch hier gibt es kritische Stimmen, die der ver.di-Führung unterstellen, den Schlichterspruch annehmen zu wollen und die Mitglieder während der Befragung überzeugen zu wollen.

Von den Folgen des Streiks sind vor allem Eltern und Kinder betroffen. Sie zahlen oft erhebliche Beiträge – und es gibt keine Rechtspflicht der Kommunen zur Erstattung von streikbedingten Ausfalltagen. „Aber die Stadt will auch nicht am Streik verdienen, indem sie die Elternbeiträge komplett einbehält, und die Gehälter der Erzieherinnen und Erzieher nicht in voller Höhe zahlen muss“, betont André Stahl (LINKE), Bernaus Bürgermeister. Allerdings decken die Elternbeiträge auch nur einen Bruchteil der Kosten. So wird die Verwaltung der Stadtverordnetenversammlung vorschlagen, dass Eltern nach dem dritten Streiktag in einer Einrichtung die Kosten anteilig erstattet werden, einschließlich des Essensgeldes. Wobei die Verrechnung des Essengeldes nur für Kitas gilt, im Hort sind Eltern direkt Vertragspartner der Caterer und müssen dort das Essen für den Streiktag abbestellen.