29.04.2015
Wolfgang Semmler
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

„Nigerias entfremdete Söhne“

Deformierter Islam: Boko Haram – die Blutspur einer islamistischen Terrorgruppe 2. Teil des OW-Beitrages

Barnim

Der nigerianische Literat Obi Nwakanma bezeichnet die Boko Haram-Kämpfer vielsagend als „Nigerias entfremdete Söhne“ (Neue Züricher Zeitung, NZZ, 8.2.2011). Eine Bestimmung, zumindest andeutend, unter welchen spezifischen gesellschaftlichen Verhältnissen sich die islamistische Terrorgruppe formieren konnte.
Die Terrorgruppe ist ein Sammelbecken für entfremdete Islam-Gläubige, die jeglichen westlichen Einfluss – Christentum, abendländische Erziehung und Bildung – als unvereinbar mit dem Überlebenswillen des islamischen Nordens betrachten und deshalb entschieden ablehnen. Indes wurde die ohnehin brisante Konfliktsituation noch verschärft, indem eingesessene Bewohner des Nordens zum Christentum konvertierten. Die zunehmende Verarmung der einheimischen Bevölkerung der Nordregion wurde direkt mit den südlichen Zuwanderern, namentliches des Ibo-Volkes, in Verbindung gebracht.

Widerspruch Nord-Süd
Nach dem Ende der Militärherrschaft ist in 12 nördlichen und zentral gelegenen Bundesstaaten die Schari‘a als verbindliche, wirkmächtige Rechtsgrundlage eingeführt worden. Dies war jedoch für Nigerias Selbstverständnis als moderner National- und Zentralstaat, zuvörderst für das zivile Staatsoberhaupt Obasanyo, einen Yoruba, eine gewaltige Herausforderung. Auch während seiner achtjährigen Amtszeit erfüllte sich die Hoffnung auf eine friedvolle innere Entwicklung des Landes nicht. Vielmehr verstärkte Boko Haram im Umfeld erneuter Präsidentschaftswahlen im Jahre 2011 die Gewaltbereitschaft, als wiederum ein Politiker aus dem Süden, Goodluck Jonathan, das höchste Staatsamt übernahm. Damit wurde der konkurrierende Präsidentschaftsanwärter des Nordens, General Buhari, gestützt von der dortigen herrschenden muslimischen und politischen Elite, aus dem Felde geschlagen. Seither rollt nahezu Tag für Tag eine barbarische Terrorwelle der nigerianischen Djihadisten über die Nordregion des westafrikanischen Landes.


Militärische Lösung?
Zur Beilegung des Konflikts kommen zwei Lösungswege in Betracht: ein Militärschlag gegen die nigerianischen Djihadisten oder eine Regelung durch Verhandlungen. Offenkundig ist die Sprache der Waffen die derzeit stärkste militär-strategische Option. Dies belegen zunehmend intensivere Aktivitäten auf internationaler Ebene. Die jüngste Entwicklung: Beschluss der 24. Tagung der Afrikanischen Union (25.01.2015; Addis Abeba): Schaffung einer 7500 Mann starken Eingreiftruppe (mit Soldaten aus Kamerun, Tschad, Niger und Benin) zur Unterstützung der nigerianischen Bundesarmee.
Auch der nigerianische Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka befürwortet entschieden eine militärische Lösung des Konflikts. „Ich sehe keine andere Lösung mehr als einen militärischen Eingriff durch ein Spezialkommando, das radikalislamistische Netzwerk ist… eine Bedrohung für den gesamten afrikanischen Kontinent“, erklärte er in einem Interview mit der Tageszeitung (taz; 29.07.2014). Die Internationalisierung des Konflikts birgt indes – wie in Presseberichten übereinstimmend warnend betont – eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die globale Sicherheit. Einige NATO-Staaten, zuerst die USA, ebenso Großbritannien und Frankreich haben Nigeria ihren militärischen Beistand zugesichert (seitens den USA durch den bereits erfolgten Einsatz von Aufklärungsdrohnen).
Allerdings ist Nigerias hunderttausend Mann starke Armee selbst ein beträchtlicher Unsicherheitsfaktor im Kampf gegen Boko Haram. Der Oppositionspolitiker Ribadu kennzeichnete schonungslos die Schwächen des nigerianischen Militärs: die Ausrüstung der Streitkräfte sei „verwahrlost, die Disziplin schwach, die Kommunikation chaotisch“. Er beklagte die „schlechte Moral der Soldaten, die oft wochenlang auf ihren dürftigen Sold warten müssen“. Und folgerte: „Sie sind unfähig, diese Verbrecher auszuschalten.“ (Der Spiegel Nr. 22; 26.05.2014). Schwerwiegend sind vor allem die Anwürfe, dass bestechliche Offiziere sogar mit den Boko Haram-Kämpfern kollaborierten. So werde u.a. gegen 9 Generale ermittelt, die Waffen an die Terrorgruppe verkauft haben sollen.
Amnesty International verurteilt zudem die schweren Menschenrechtsverletzungen des nigerianischen Militärs. Das brutale Vorgehen von Regierungssoldaten gegen die eingesessene Zivilbevölkerung treibe Boko Haram immer mehr Anhänger und Rekruten zu, vor allem junge Arbeitslose.

Soziale Utopie?
Eine mögliche zweite Option, den Konflikt alsbald friedlich beizulegen, ist indessen in weite Ferne gerückt. Dennoch gilt, alle Varianten zur Beendigung der Kampfhandlungen auszuloten. Traditionelle Herrscher in der Nordregion könnten dabei, sozusagen als Vermittler zwischen den Fronten, eine große Rolle spielen. Eine solche wirksame Option könnte eine im muslimischen Norden bestimmendes einzigartig sozial-psychologisches Verhalten muslimischer Menschen sein: deren geradezu blinde demütige Gefolgschaftstreue gegenüber den Herrschenden. Bereits Mitte der 1960-er Jahre zeitigte solcherart Sozialverhalten verhängnisvolle Auswirkungen angesichts der entfachten Pogromstimmung gegen aus dem Süden zugewanderte Ibo, missbraucht von der muslimischen Oberschicht, um die eigene Vormachtstellung zu sichern. Heute verurteilen selbst höchste geistlich-weltliche Amtsträger wie der Emir von Kano den barbarischen Terror von Boko Haram. Und so könnte bald das Mögliche Wirklichkeit werden, sollte es den muslimischen Herrschern – diesmal allerdings positiv – gelingen, vor allem Nigerias „entfremdeten Söhnen“ Dank des wiederum einzufordernden Treuebekenntnisses die Einsicht abzuringen, dass ihre Taten barbarisch sind und nur die friedliche Beilegung des Konflikts im Interesse der ganzen Nation in Betracht kommt.
Doch die wichtigste Erkenntnis zur Konfliktproblematik ist, die soziale Utopie in Taten umzusetzen. Es gilt in Nigerias Norden Bedingungen zu schaffen für den Aufbau einer modernen entwicklungsorientierten, demokratischen Zivilgesellschaft, die elementaren Lebensgrundlagen der Mehrheit der muslimischen Bevölkerung entscheidend zu verbessern. Notwendig sind wirksame Maßnahmen gegen die rasch fortschreitende Armut vieler Menschen, die Gewährleistung gleicher Bildungschancen, insbesondere die Perspektivlosigkeit jugendlicher Muslime zu überwinden. Der mörderische Krieg muss beendet werden, weil er den inneren Frieden des volkreichsten Landes Afrikas aufs äußerste gefährdet und darüber hinaus wegen der erfolgten Internationalisierung des Konflikts eine beträchtliche globale Gefahr ist.