15.06.2015
Achim Müller
Erschienen in: Märkische Linke (LINKE Ostprignitz-Ruppin, Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg)

Bunt, laut, kreativ und erfolgreich

Neonazis sind nicht weit gekommen

Alt Ruppin
Demonstrationszug vom Rheinsberger Tor zum Schulplatz

So ging es am 6. Juni in Neuruppin zu. Während die »ewig Gestrigen« Neonazis sich für einen Marsch durch Neuruppin rüsteten, marschierten hunderte Neuruppiner und Demokraten aus anderen Städten in 2 Demonstrationszügen durch Neuruppin. Auf dem Schulplatz hatte pünktlich 10.00 Uhr das Volksfest unter dem Motto »Schöner leben ohne Nazis« begonnen. Bis zum späten Nachmittag fand ein buntes Bühnenprogramm statt, aber auch Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker sowie Vertreter von Wirtschaft und Vereinen brachten in Redebeiträgen oder Videobotschaften ihre Abneigung gegen den braunen Spuk zum Ausdruck.

Viele Parteien und Organisationen, so auch wir LINKE, hatten Informationsstände auf dem Schulplatz, die ebenfalls rege besucht wurden.

Großes Volksfest

Superstimmung beim Volksfest auf dem Schulplatz

Viele Besucher des Volksfestes, vor allem die Gegendemonstranten, brachten ihre Solidarität mit den Flüchtlingen zum Ausdruck. Das zeigte sich u. a. bei dem Fußballturnier für Toleranz, an dem auch Mannschaften mit Flüchtlingen teilnahmen. Höhepunkte auf der Bühne waren u. a. die Auftritte von »Storch Heinar«, einer satirischen Kunstfigur, die das bei Neonazis so beliebte Label »Thor Steinar« »auf die Schippe nimmt« oder der Auftritt der Bands »Rainbirds« oder »Zickenalarm«. Aber auch für die Jüngsten wurden die vielfältigsten Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten geboten.

Besonders hervorgehoben werden muss, dass von allen im Potsdamer Landtag vertretenen großen Parteien (außer der AfD) hochrangige Vertreter nach Neuruppin gekommen waren und ihre Abneigung gegen den braunen Spuk zum Ausdruck brachten. Von den LINKEN waren dies der brandenburgische Justizminister Helmuth Markov, die Staatssekretäre Daniela Trochowski und Ronald Pienkny, die Bundestagsabgeordneten Kirsten Tackmann und Harald Petzold, die Landtagsabgeordneten Isabell Vandre´, Gerrit Große, Andrea Johlige,Hans-Jürgen Scharfenberg und zahlreiche weitere Genossinnen und Genossen aus dem gesamten Landesverband.

1.400 Linke und Bürgerliche blockierten Neonazi-Aufmarsch

So titelte am 8. Juni der Ruppiner Anzeiger. Durch mehrere Sitzblockaden wurde es der Polizei unmöglich gemacht, den Neonazis freies Geleit zu gewähren. Während es an einigen Orten relativ friedlich zuging, spitzte sich die Lage an anderen Stellen teilweise etwas zu. Bedrohlich wurde es, als der Zug der Neonazis aus der Präsidentenstraße auf die B 167 (Puschkinstraße) einschwenkte und sich die dort stationierten 2 Wasserwerfer Richtung Einmündung Franz-Künstler-Straße in Bewegung setzten. Als der Nazizug ins Stocken geriet, wurde den Polizisten der Befehl erteilt, sich ebenfalls in diese Richtung zu bewegen. An der o. g. Einmündung saßen etwa 300, vor allem junge Menschen auf der Straße. Als die Wasserwerfer vorgefahren waren, sich eine Polizeikette vor der Grünfläche neben dem Sportplatz und dem weiteren Verlauf der B 167 gebildet hatte und neue Polizeikräfte begannen, die F.-Künstler- Straße abzuriegeln, versuchte unsere Landesgeschäftsführerin Andrea Johlige eine Spontandemo anzumelden. Durch den Leiter der Einsatzkräfte wurde dies barsch abgelehnt. Als Andrea, die sich als Mitglied des Brandenburger Landtages vorgestellt und ausgewiesen hatte, nach einer Begründung fragte, ließ dieser sie einfach stehen.

2 Wasserwerfer nähern sich der Sitzblockade

Als dann der Befehl kam »Helme auf«, erscholl aus den etwa 300 Kehlen der Blockadeteilnehmer: »Deutsche Polizisten schützen die Faschisten!« Plötzlich erlebte ich etwas völlig Unerwartetes. Die neben und vor mir stehenden jungen Polizisten schauten sich an, senkten verschämt den Kopf, wobei ein Polizist seiner Kollegin zuraunte »meinen die uns«, worauf die Polizistin mit hochrotem Kopf »jahh« stöhnte.

Der Naziaufmarsch wurde dann über die Grünfläche an der Sitzblockade, deren Teilnehmer sich zwischenzeitlich erhoben hatten und den Neonazis verbal »Paroli« boten, vorbeigeleitet. Dass es hierbei zu Flaschenwürfen der Nazis kam, konnte ich nicht beobachten, jedoch berichteten Demonstranten davon und auch, dass die Polizei dem tatenlos zugesehen habe.

Pyrrhussieg

Bereits auf der Neustädter Straße/Einmündung zur Heinrich-Rau-Straße, also am »Kreisel«, ging es für die Nazis nicht mehr weiter - eine weitere Sitzblockade verhinderte dies. Nach Lageeinschätzung durch die Polizei, wobei es sicherlich auch eine Rolle gespielt hat, dass sich am nächsten Kreisel an der Junckerstraße und in der Thomas- Mann-Straße bereits weitere Sitzblockaden gebildet hatten, wurden die Neonazis über die Westachse (Certaldo-Ring) von der Polizei zum Bahnhof West geleitet. Damit hatte der »Braune Spuk« am Sonnabend sein Ende gefunden, nachdem die Neonazis nur etwa einen Kilometer marschieren und ihre Hassparolen brüllen konnten.

Etwa 1.000 junge Antifaschisten zogen anschließend laut feiernd auf der eigentlichen Demonstrationsroute der Nazis in die Neuruppiner Innenstadt.