21.04.2015
Bianka Wandersleb
Erschienen in: KONKRETer (Kyffhäuserkreis, Thüringen)

Prekarisierung von Leben und Arbeit stoppen

Unter diesem Motto fand am 21. März der diesjährige Bildungstag der Thüringer Linken in Elgersburg statt.

Bad Frankenhausen

Die Linke Thüringen lud wieder mal zum Bildungstag und ca. 80 Genossinnen und Genossen folgten der Einladung und konnten viel Neues erfahren und Bekanntes neu bewerten. Als Referenten kamen Prof. Klaus Dörre von der Universität Jena, Franziska Diller von der Universität Erfurt und Heike Werner, Thüringer Ministerin für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie. Nach der Eröffnung durch Dr. Steffen Kachel sprach die Landesvorsitzende Susanne Hennig-Wellsow einige Grußworte und wünschte der Veranstaltung einen guten Verlauf.

Professor Dörre erklärte den Begriff „Prekariat“, der ursprünglich ein Leihgut bezeichnete, dass jederzeit zurückgefordert werden konnte. Heute versteht man darunter unsichere Arbeitsverhältnisse mit weinig Lohn oder unsichere Beschäftigungsverhältnisse, die aus befristeten Arbeitsverträgen oder Praktika bestehen. Diese müssen nicht zwingend gering entlohnt werden, aber sie bieten keine Zukunftsperspektive. Das Prekariat als solches gibt es nicht, darin besteht auch das Problem, dass es wenig Solidarität unter den Betroffenen (Frauen, Ausländer, Akademiker…) gibt. Es stellt sich die Frage, warum machen die Menschen das mit? Durch die Stigmatisierung der von Hartz IV Betroffenen u.a. durch BILD und Co. Ist für viele alles besser als Arbeitslosigkeit. Hartz IV ist der Prügel, der diszipliniert.

Franziska Diller sprach über prekäre Normalität in unserem Land. Selbst gute Bildung schützt nicht, wenn es nach Ausbildung oder Studium nicht ausreichend unbefristete Beschäftigungsverhältnisse gibt. Heutzutage wird jeder zweite Arbeitsvertrag in Teilzeit abgeschlossen und das nicht nur auf Wunsch der Beschäftigten. Die Diskussion über die Erwerbsarbeit muss wieder neu geführt werden.

Heike Werner beklagte, dass gesellschaftliche Teilhabe immer mit Erwerbsarbeit und den damit verbundenen finanziellen Möglichkeiten in Verbindung gebracht wird, Ehrenamt hat einen zu geringen Stellenwert. In Thüringen gibt es überdurchschnittlich viel Teilzeit und unterdurchschnittlich wenig Lohn. 18% der Thüringer gelten als arm und 1/3 der Arbeitslosen sind langzeitarbeitslos, also von Hartz IV betroffen.

In den anschließenden Workshops ging es um die Prekarisierung in der Arbeitswelt, den Blick auf die Betroffenen und die Kampagne „Das muss drin sein“, die am 1. Mai starten wird.

Wie man es schafft, die betroffenen Menschen zu unterstützen und zu befähigen, sich zu wehren und sich gegen die gesellschaftlichen Missstände zu engagieren, konnte nicht beantwortet werden, dazu ist die Situation der einzelnen zu unterschiedlich und viele sind mit sich selbst schon überfordert, so dass es sehr schwer ist, sie zu motivieren, vor allem, wenn sie sich schon lange in solchen unbefriedigenden Umständen befinden.

Am 1. Mai fällt der Startschuss zur bundesweiten Kampagne „Das muss drin sein!“

-Für Einkommen, die für ein gutes Leben reichen! Für eine existenzsichernde Mindestsicherung ohne Sanktionen statt Hartz IV!

-Für gute Arbeitsverhältnisse, die es möglich machen, das Leben selbstbestimmt zu planen! Weg mit Befristung und Leiharbeit!

-Für Arbeitszeitverkürzung: mehr Zeit für FreundInnen, Familie und Politik - kurzum für das ganze Leben! Eine gerechte Verteilung der Arbeit meint auch eine Umverteilung der Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern!

-Für mehr Personal für gute Bildung, Gesundheitsversorgung und Pflege für alle!

-Für bezahlbare Mieten und Energiekosten!

Wir meinen: Das muss drin sein - gerade in einem reichen Land wie unserem, in dem das obere 1 Prozent der Superreichen fast ein Drittel des gesamten Privatvermögens besitzt!

Die Kampagne beginnt am 1. Mai 2015 und geht bis zur Bundestagswahl 2017