08.04.2015
Achim Grunke
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Der Marxismus und die gesellschaftliche Veränderung

Achim Grunke

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Dieser Satz, die elfte „Feuerbach-These“ von Karl Marx, von ihm aufgeschrieben 1845, wird vielen noch bekannt sein, die durch das DDR-Bildungswesen gegangen sind. Das wurde so verstanden, dass die Marx’sche Philosophie auf Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichtet war, während alle bisherige Philosophie nur ein rein beschauliches Verhältnis zur Gesellschaft hatte.

Doch gilt das so absolut? So wird auch von marxistischen Historikern anerkannt, dass z.B. die französische Philosophie der Aufklärung als streitbare antifeudale Weltanschauung zum geistigen Wegbereiter der französischen Revolution von 1789 gehörte, also auch auf Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse gerichtet war. Deshalb meine ich, sollten wir bestimmte Aussagen von Marx und Engels nicht übermächtig interpretieren und sie auch nicht aus dem historischen Zusammenhang reißen. Interessant hierzu die Äußerung von Friedrich Engels anlässlich der recht späten Erstveröffentlichung der bekannten „Feuerbach-Thesen“ im Jahre 1888: „Es sind Notizen für spätere Ausarbeitung, rasch hingeschrieben, absolut nicht für den Druck bestimmt, aber unschätzbar als das erste Dokument, worin der geniale Keim der neuen Weltanschauung niedergelegt ist.“ Mit anderen Worten: es handelt sich bei den „Feuerbach-Thesen“ nicht mehr als um einen ersten, unfertigen Ansatz für die neue Weltanschauung, erste Überlegungen einer geistigen Selbstverständigung, ein internes Denkinstrument, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Im letzten Vierteljahrhunderts haben sich nun epochale gesellschaftliche Veränderungen vollzogen, die so nicht auf der Agenda marxistischer Theorie standen. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus hieß es damals „Marx ist tot, Jesus lebt!“ oder wie es der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama ausdrückte, nach der historischen Niederlage des Kommunismus sei mit dem Siegeszug der „liberalen Demokratie“ das „Ende der Geschichte“ angebrochen. Mittlerweile ist davon keine Rede mehr, die Krisen des Kapitalismus in den letzten Jahren haben für Ernüchterung gesorgt.

Jedoch hatte bereits in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Krise des Marxismus eingesetzt. Dazu gehörte, dass sich in den Ländern des „realexistierenden Sozialismus“ das Missverhältnis zwischen Theorie und gesellschaftlicher Realität weiter vertiefte. Und schließlich: „Der Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer europäischen Satellitenstaaten riss unweigerlich den ,Marxismus-Leninismus’ mit sich, der zu ihrer Staatsreligion geworden war und dessen Dogmen von einer politischen Obrigkeit verkündet wurden, die offiziell die Deutungshoheit über Theorie und Tatsachen für sich beanspruchte“, so die Einschätzung des marxistischen Historikers Eric Hobsbawm.

Der Begriff „Marxismus-Leninismus“ wurde von Stalin eingeführt und als Ideengebäude erstmals im berüchtigten „Kurzen Lehrgang“ zur Geschichte der KPdSU 1938 dargestellt. Auch nach der offiziellen Stalin-Kritik auf dem XX. Parteitag der KPdSU wurde am Begriff Marxismus-Leninismus festgehalten. Interessant ist aber, dass die SED bei ihrer Gründung 1946 sich noch nicht auf den „Marxismus-Leninismus“ einließ. Erst etwa ab 1947/48 mit der Umformung zu einer (stalinistischen) „Partei neuen Typs“ hielt in der Partei der „Marxismus-Leninismus“ dann Einzug, der nach Günter Grass treffender „Leninismus-Stalinismus“ hätte heißen müssen.
Das Ende des „realexistierenden Sozialismus“ bedeutete aber noch lange nicht das Ende des Marxismus. In den letzten Jahren stieß marxistisches Denken sogar wieder auf zunehmendes Interesse. Jedoch kann Marxismus nach dem Zusammenbruch des Sozialismus nur noch als pluraler Marxismus ohne jegliche dogmatische Einengung bestehen, sich stützend auf die „klassische“ Traditionslinie (dazu gehören u.a. Marx, Engels, Mehring, Bernstein, Kautsky, Plechanow, Lenin, Luxemburg, Hilferding, Trotzki, Bauer, Bucharin) und auf Denker des „westlichen“ Marxismus (dazu gehören u.a. Lukács, Korsch, Gramsci, Horkheimer, Adorno, Marcuse, Lefebvre, Althusser).
Letztlich geht es darum, wie es Hobsbawm schon 1965 in einem Vortrag äußerte, „den Marxismus erneut als wissenschaftliche Methode (zu) entdecken.“ Auf die eingangs zitierte elfte „Feuerbach-These“ zurückkommend ließe sich im Umkehrschluss konstatieren: bevor es darum gehen kann, die Welt zu verändern, muss sie zunächst erst mal richtig interpretiert werden.

Hinweis
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