31.03.2015
Thomas Braune
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Zur Person: Khaled Davrisch

Eine Fluchtgeschichte von vielen

Inzwischen in Berlin zu Hause: Khaled Davrisch
Marzahn-Hellersdorf

Warum wollte deine Familie weg aus Syrien?

Khaled: Mein Vater war in Syrien politisch aktiv. Er engagierte sich für die Rechte der Kurden im Nordosten des Landes. Für das Assad-Regime sind die Kurden schon immer ein Störfaktor gewesen. Mein Vater wurde oft verhaftet, geschlagen und erpresst. Hinzu kam, dass er als Staatenloser in Syrien lebte, keine Rechte hatte und nur geduldet war. Auch die Ehe mit meiner Mutter war nicht anerkannt.

Wolltet ihr überhaupt nach Deutschland kommen?

Khaled: Natürlich wollte meine Familie nicht weg aus ihrer Heimat. Irgendwann konnte mein Vater die Repressionen und die Gefahren für unsere Familie – ich habe noch drei Brüder und vier Schwestern – aber nicht mehr hinnehmen. Nach Deutschland kamen wir eher zufällig. Das war so nicht geplant. Mein Vater wollte einfach nur, dass wir irgendwo in Europa in Sicherheit leben können.

Wo kamt ihr dann in Deutschland zunächst unter?

Khaled: Wir sind anfangs in Braunschweig gelandet. Dort sagte man uns, wir sollten nach Berlin gehen. Unser Asylantrag wurde zunächst abgelehnt. Wir legten Widerspruch ein und waren dann immer nur auf Zeit geduldet. In Berlin kamen wir zuerst in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Motardstraße am Siemensdamm unter. Dort hatten wir ein Zimmer für fünf Leute – meine Mutter, drei meiner Geschwister und ich. Mein Vater und meine anderen Geschwister wurden in ein Heim nach Dorsten geschickt. Sechs Jahre lang lebten wir getrennt von ihnen und konnten sie durch die Residenzpflicht insgesamt nur sechsmal besuchen. Die Reisekosten mussten wir auch selbst tragen. Nicht einfach, wenn man von etwas über 100 Euro im Monat leben muss, und arbeiten durften meine Eltern nicht. Nach drei Monaten kamen wir dann in ein Wohnheim in der Schwartzkopfstraße. Das war schon besser. Wir hatten eine Wohnung mit zwei Zimmern, Küche und Bad.

Wie ging es dann weiter? Konntest du zur Schule gehen?

Khaled: Ja, ich besuchte drei Monate eine Integrationsklasse und kam dann in die neunte Klasse einer Realschule. Deutsch zu lernen war schwierig für mich. Die Lehrer waren wenig motiviert und fast jeder sprach eine andere Sprache in der Klasse. Das Abitur konnte ich nicht machen, weil ich immer nur geduldet war. Und die Duldung wurde für maximal sechs Monate vergeben. So konnte ich nur eine schulische Ausbildung als Elektriker in einer speziellen Klasse für Geflüchtete und Migrant*innen mit wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt machen. Nach zwei Jahren hatte ich aber keine Lust mehr auf diese Ausbildung.

Was hatte das für Konsequenzen?

Khaled: Mir wurden Gelder gekürzt. Ich hatte aber Glück, dass ich an einen sehr guten Berater geraten bin, der mir dann eine Maßnahme zur Aufnahme einer Pflegetätigkeit vermittelt hat. Diese Maßnahme wurde über das Bridge-Projekt von der EU gefördert. 2007 bewarb ich mich damit dann bei Vivantes für eine Ausbildung.

Du bist mittlerweile deutscher Staatsbürger und hast eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht. Wie verlief der Weg dorthin?

Khaled: Im Jahre 2007 bekam ich endlich eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Und kurz nach Beginn der Ausbildung wurde ich eingebürgert. Zunächst wurde meine Einbürgerung zwei Mal abgelehnt und das, obwohl ich den Ausbildungsplatz schon hatte. Da ist auch oftmals Willkür im Spiel. Bei Vivantes gab es 20 Ausbildungsplätze speziell für Migrant*innen.

Fühlst du dich mittlerweile wohl in Deutschland?

Khaled: Ja auf jeden Fall. Ich bin hier angekommen, bin Staatsbürger, beherrsche die Sprache, habe eine eigene Familie und einen Job. Mein Vater hatte es da schwerer. Er ist Analphabet. Viele seiner Generation, die in Syrien in der Landwirtschaft tätig waren, haben es schwer, sich in Deutschland zurechtzufinden. Die Kinder lernen viel schneller die Sprache. Deswegen sollte auch alles getan werden, dass sie hier in Deutschland ankommen und eine Perspektive bekommen. Das geht aber auch nur, wenn ihnen nicht immer mit Abschiebung gedroht wird.
Ein Problem gibt es aber noch: Die Ehe mit meiner Frau wird nicht anerkannt, und das nur, weil ich keine Geburtsurkunde habe. Und natürlich gibt es auch immer wieder mal Anfeindungen: So wurde ich als Jude und Zigeuner beschimpft und auch schon geschlagen.

Du bist ehrenamtlich auch für die Volkssolidarität im Stadtteilzentrum Marzahn-Mitte tätig. Was machst du da?


Khaled: Vor ungefähr sechs Jahren habe ich dort angefangen, als Jobpate zu arbeiten. Über Jugend ohne Grenzen (JoG) bin ich dazu gekommen. Es hat von Anfang an gepasst. Mittlerweile berate ich Flüchtlinge bei allen Dingen, die mit Ämtern zu tun haben: Wohnungssuche, Ämterwechsel usw. Ich spreche neben meiner Muttersprache Kurdisch auch noch Arabisch und Türkisch. So kann ich vielen Menschen helfen, die gerade nach Deutschland gekommen sind und das Gleiche durchmachen wie ich am Anfang. Im Vorstand vom Migrationsrat Berlin-Brandenburg war ich auch ehrenamtlich tätig. Neben Job und Familie hatte ich dann irgendwann aber keine Zeit mehr dafür.

Das Gespräch führte Thomas Braune.