15.03.2015
Wolfgang Semmler
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

„Nigerias entfremdete Söhne“

Deformierter Islam: Boko Haram – die Blutspur einer islamistischen Terrorgruppe

Paris, im Januar 2015. Bei den Terroranschlägen islamistischer Extremisten auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ und die jüdischen Geiseln wurden 17 Menschen getötet. Hernach weltweit Trauer und tiefe Bestürzung. Auch in Afrika. Aber von dort sogleich der demonstrative Aufschrei einer afrikanischen Totenklage, eindringlich ausgerufen von Ignatius Kaigama, dem Erzbischof der nigerianischen Stadt Jos: „Doch warum sehen wir nur nicht dieselben weltweiten Reaktionen, wenn es um den Terror in Nigeria geht.“ In der Tat.
Die Schreckensbilanz von Boko Haram: etwa 15.000 Tote seit 2009 – Morde, Selbstmordattentate, Entführungen (die von den Djihadisten verschleppten 274 Schülerinnen aus der Kleinstadt Chibok konnten bis heute nicht befreit werden), niedergebrannte Städte und Dörfer.
Seit Ende 2014 eskaliert die Gewalt: Die Kleinstadt Baga (Bundesstaat Borno) und 16 Dörfer wurden völlig zerstört. Boko Haram kontrolliert inzwischen ein Gebiet, das in etwa der Fläche Belgiens entspricht, vor allem im Bundesstaat Borno. Wenige Wochen vor Nigerias Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 28. März 2015 haben die Boko-Haram-Kämpfer ihre Terroraktionen nochmals verstärkt. Sie belagerten mehrmals die Millionenstadt Maiduguri. Dabei stießen die Djihadisten auf heftige Gegenwehr des nigerianischen Militärs, unterstützt von örtlichen Selbstverteidigungs-Milizen.
Boko Haram – nach dem Wörterbuch Hausa-Deutsch der Hallenser Afrikanistin Irmtraud Herms ist die korrekte Bezeichnung „Europäische Bildung ist verboten“ (haram = verboten) – zugleich der politische Leitspruch der Terrorgruppe.

Was will Boko Haram?
Strategisches Hauptziel ist die Errichtung eines islamischen Gottesstaates, eines Kalifats in ganz Nigeria, der Kalif, der zum „Stellvertreter“ Gottes (Allahs) und „Nachfolger“ Mohammeds bestimmt ist. In Nigeria erhebt der derzeitige Anführer von Boko Haram, Abubakar Shekau, diesen Machtanspruch. Nach übereinstimmenden Medienberichten ein Psychopath und grausamer Tyrann. Der Djihad, der Heilige Krieg, ist das Machtmittel der Terroristen, um ihre verbrecherischen Taten zu rechtfertigen. Boko Haram verficht den extrem rigiden Islam saudi-arabischer Prägung. Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, Christen und Juden zum Beispiel, die als „Ungläubige“ stigmatisiert und offen bekämpft werden. Es ist die Deformation des Islam. Kern der Boko-Haram-Mission ist der selbstbestimmte Auftrag, die tradierten Wertvorstellungen und Verhaltensnormen des muslimisch geprägten nördlichen Nigeria zu bewahren. Dabei wird religiös oder ethnisch motivierte Gewalt als Druckmittel eingesetzt, wenn Rechte und Privilegien für den jeweiligen politischen Block ausgehandelt werden (NZZ; 08.02.2011).
Die Schari‘a, die Gesamtheit aller im Koran fixierten islamischen Gebote und Verbote, ist das geistlich-weltliche Fundament der Herrschaft von Boko Haram. Als komplexe Rechtsschule erfährt die Schari’a – ihren Interpretationsraum nutzend – seitens der Terrorgruppe eine äußerst strenge Auslegung, was insbesondere das Strafrecht betrifft (Auspeitschen, Hände abhacken bei geringsten Vergehen, z.B. Diebstahl; Steinigen bei Ehebruch).

Zur Geschichte.
Nigeria ist ein Bundesstaat großer ethnischer Vielfalt und unterschiedlicher religiöser Glaubensrichtungen. Noch während der britischen Kolonialherrschaft begann die ethnische Durchmischung. Mit dem Bau einer Eisenbahnlinie (ab 1901) in der Nordregion kamen aus den südlichen Landesteilen zuerst Arbeiter und Handwerker, Angehörige des Ibo-Volkes. Durch diese beginnende Migration wurden im Norden über Jahrhunderte verfestigte Lebensformen, Verhaltensnormen und Denkweisen in Frage gestellt. Die Ibo – flexibel, bildungshungrig und unternehmerisch aktiv – erlangten vielerorts eine privilegierte Stellung. Im Norden waren über Jahrhunderte archaisch-feudale Verhältnisse mit einer islamisch geprägten Kultur vorherrschend. Und die traditionellen muslimischen Herrscher – Sultane, Emire, Obas – sahen durch die stetig wachsende Zuwanderung aus dem Süden ihre politische und religiöse Vormacht bedroht. Eine Elite, erstarrt in überkommenen Konventionen, wenig entwicklungsorientiert hinsichtlich Bildung und Wissenschaft, reformresistent. Die herrschende Oberschicht berief sich auf das Erbe von Usman dan Fodio, eines hochgebildeten Djihad-Führers, Eroberer der Hausa-Staaten. Er errichtete bereits 1804 ein Kalifat in der nordnigerianischen Stadt Sokoto. In den aufstrebenden Ibo-Gemeinschaften, insbesondere in deren weitgehender Missachtung bestehender Hierarchien, sahen die traditionsgebundenen Herrscher des Nordens und ihrer autoritätsgläubigen Untertanen eine große Gefahr wegen des vorgeblich sündhaften kulturellen Einflusses.
In den südlichen Provinzen hingegen erfolgte – ausgelöst durch die in den 1960-er Jahren einsetzende profitable Erdöl- und Erdgasförderung – ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung. Dort entstand eine neureiche bourgeoise Unternehmerschicht, blühten Städte auf wie die vormalige Hauptstadt Lagos (heute etwa 12 Millionen Einwohner), das bedeutendste Geschäfts- und Handelszentrum Nigerias. Der Süden ist ohnedies privilegiert durch seine Lage und den Zugang zum offenen Meer.
Doch der nationale Reichtum kam in der Nordregion allein der von dort stammenden militärischen Elite zu Gute, die nach dem Bürgerkrieg Anfang der 1970-er Jahre an die Macht kam und Nigerias gesamtgesellschaftliche Entwicklung bis 1999 bestimmte. Nicht minder profitierte die muslimische Oberschicht sowie die korrupte politische Elite vom Erdölboom. Die Mehrheit der Bewohner in den nördlichen Landesteilen dagegen verarmte zusehends. So blieb Nordnigeria eine ökonomisch stark vernachlässigte, unterentwickelte und islamisch geprägte Region. Als Folge bevölkerten zutiefst enttäuschte junge Leute, sogenannte almajirin (Koranschüler), die Straßen nordnigerianischer Städte, bettelnd um ihr täglich Brot. Viele Menschen suchten in der Religion eine sichere Zukunft. Und so fassten in Nord- und Südnigeria extremistische Glaubensformen Fuß: bei den Christen die neuen Pfingstkirchen; bei den Muslimen fundamentalistische Islam-Bewegungen. „Nigeria war mit dem Fluch der Janus-Köpfigkeit geschlagen – ein Gesicht nach Osten und das andere nach Westen gewandt“, schreibt der nigerianische Literat O. Nwakanma (NZZ; 08.02.2011). Aus dem ohnmächtigen Gefühl ökonomisch-sozialer Verunsicherung heraus wurde sodann Boko Haram geboren.

(wird fortgesetzt: Perspektive nach der Wahl?)