15.03.2015
Redaktion/maz
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

Stadt mit „Tempo 30“?

Erstes Treffen des „Bernauer Dialogs“: Quartiermanagement und Mobilität

Was macht gute Wohnquartiere aus? Verkehrsanbindung, Straßenfeste, der Zusammenhalt im Stadtviertel? Auf dem Foto der Bernauer Külz-Park – genau gegenüber befinden sich die neu gebauten Marienhöfe, und alles fußläufig vom S-Bahnhof erreichbar.
Bernau/Barnim

Unter dem Motto „Wie wollen wir in unserer Stadt leben?“ traf sich auf Initiative von Dr. Dagmar Enkelmann zum ersten Mal der „Bernauer Dialog“. Den überparteilich angelegten Dialog zur Stadtentwicklung eröffnete der Soziologe Dr. Dieter Korczak mit einer kurzen wissenschaftlichen Einführung. Die Bürger von Bernau sind durch die Nähe zu Berlin in der Lage, sowohl die ruhige Lage in der Natur, als auch die Vorteile der Nähe zur Großstadt zu genießen, resümierte er. Weitere wichtige Aspekte des Lebens in der Stadt seien die Atmosphäre des Ortes, die Grünflächen in der Stadt und die von Stadtmauern umgebene Altstadt. Bernau steht derzeit vor besonderen Herausforderungen. So werden alteingesessene Bevölkerungsgruppen aus Wohngebieten verdrängt durch Einkommensstärkere. Stadtquartiere werden nach Status, Bildung, Einkommen oder Religion bezogen. Wachsende Städte benötigen deshalb eine Stärkung der Nachbarschaften, die Akzeptanz von Vielfalt, Teilhabegerechtigkeit sowie die Stärkung des Zusammenhalts durch Beteiligungsverfahren. Stadtverwaltungen können unter anderem durch größtmögliche Transparenz dazu beitragen.
In der lebhaften Diskussion wurden vor allem der Nachbarschaftsgedanke, die Umorientierung der Verkehrsplanung sowie Konsequenzen aus dem im Jahr 2014 vorgelegten Bernauer Sozialreport thematisiert. Positiv hervorgehoben wurde die vorhandene Identifizierung mit und in einzelnen Stadtvierteln, wie dem Puschkin-Viertel oder Friedenstal. Dort funktionierten die Unterstützungsnetzwerke, das Infrastrukturangebot sei gut und die aus alten Arbeits- und Lebenszusammenhängen vorhandene Eigeninitiative habe sich bewährt. Andererseits könne mit einem Quartiersmanagement Zusammenkünfte oder Straßenfeste zwischen den Bewohnern organisiert werden, frei verfügbare Plätze und Räumlichkeiten für Nachbarschaftstreffen und Vereine könnten ausfindig gemacht werden. Auch öffentlich zugängliche Büchertausch-Orte/Bücherschränke könnten vom Quartiersmanagement eingerichtet werden.
Als nächstes ging es um Mobilität: Die Abstimmung der Bahn- und Busfahrpläne aufeinander sollte so erfolgen, dass auch die Außenbezirke von Bernau gut angeschlossen sind. Es wurde darauf hingewiesen, dass es keine übersichtlichen Fahrplaninformationen gäbe, auch nicht am Bahnhofsplatz. Bemängelt wurde auch, dass der ÖPNV nicht barrierefrei für Seh- und Hörbehinderte sei. Die Möglichkeiten der kommunalen Verkehrsplanung in Bernau könnten erheblich verbessert werden, wenn die einzelnen Ausschüsse der Stadtverordnetenversammlung bei der Beurteilung von Maßnahmen besser miteinander kommunizieren würden. Es wurde außerdem betont, dass mehr Frauen an der Verkehrsplanung beteiligt werden sollten. Die Sichtweise in der Verkehrsplanung sei zu sehr am Blick autofahrender Männer ausgerichtet.
Die am Dialog teilnehmenden Vertreter des ADFC regten an, Bernau fahrradfreundlicher zu machen. Das erste Fahrradparkhaus in Brandenburg sollte durch eine gezielte Förderung des Fahrradverkehrs ergänzt werden. Dazu gehöre zum Beispiel die konsequente Einrichtung von „Tempo 30“ in der Innenstadt. Es sollte auch darüber nachgedacht werden, den Berufs- und Privatverkehr innerhalb der Stadtmauern völlig zu beruhigen, die Innenstadt als autofreie Zone zu erklären. Gegenwärtig sei ein sicheres Fahrradfahren in der Stadt Bernau nicht gewährleistet.
Die einzelnen Diskussionsbeiträge könnten als Bausteine für die Formulierung einer stadtplanerischen Vision genutzt werden.
Der nächste „Bernauer Dialog“ wird im April stattfinden.