07.03.2015
Michael Matthes
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Karl Marx, DieLinke und die Gesellschaftswissenschaften

Allenthalben findet man Unsicherheit in unseren Reihen, worauf wir uns denn berufen. Das scheint auch Genossinnen und Genossen zu betreffen, die sich vor dreißig oder vierzig Jahren einmal in ihrem Urteil ganz sicher waren. Und das erstaunt mich. Warum? Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Im Jahre 1961 war ich Abiturient. Im Jahr darauf war ich Student der Fachrichtung Physik. Fünf Semester lang bis zum Vordiplom wurde man genötigt, Vorlesungen der Gesellschaftswissenschaften über sich ergehen zu lassen. Die Veranstaltungen waren zwischen denen der verschiedenen Fachdisziplinen eingeschachtelt, damit es sich nicht lohnte, später zu kommen oder früher zu gehen. Dafür gab es auch Gründe. Die Studenten und auch deren Professoren hielten nichts von GeWi und ließen dies auch erkennen. Und so schlug Achims Berufskollegen, eben jenen, die sich heute zum großen Teil ihrer Sache nicht mehr sicher sind, Ablehnung entgegen, wenn sie vor die Studenten traten. Auch ich, obwohl aus einer proletarischen Familie stammend, gehörte zu den Arroganten. Nur mit Widerwillen und weil es eben Pflicht war, holte man sich seine Testate. Später dann bei einem zweiten Studium und schon als Parteimitglied beim Parteilehrjahr und auf der Parteischule blieb das Desinteresse. Und trotzdem – im Hinterkopf war doch einiges abgelegt, was Bestandteil des (Unter-) Bewusstseins blieb. Ziemlich ungeordnet und unzusammenhängend sowie ohne jede Bindung zur Marxismus-Materie.

Und dann kam die große Erschütterung und Orientierungslosigkeit. Von heute auf morgen war alles anders. Dazu das Triumphgeheul derjenigen, die schon immer dagegen waren. Ich halte zwar nichts von Selbstbetrachtung und Selbstfindungszirkeln, aber irgendwie musste man mit sich ja ins Reine kommen. Jedenfalls suchte ich eine Entscheidung. Und dabei verband sich plötzlich der Naturwissenschaftler mit seinen Erinnerungen an die GeWi-Belehrungen von einst. Wissenschaft bedeutet ja nichts anderes, als die Gesetzmäßigkeiten von Vorgängen zu erkennen und anzuwenden. Plötzlich war ich in einer privilegierten Lage. Ich war ziemlich gut ausgestattet mit Wissen über die unbelebte Natur und auch fast so gut über die belebte Natur. Selbstverständlich und nie angezweifelt die Erkenntnis, das Vorgänge nach Gesetzmäßigkeiten abliefen, und zwar unabhängig vom menschlichen Tun und Bewusstsein. Im Laufe der Menschheitsgeschichte waren die Gesetzmäßigkeiten des Werdens und Vergehens immer genauer und präziser erkannt worden, sei es nun durchs Isaac Newton mit seinem fallenden Apfel oder durch Charles Darwin, was die Entwicklung der Arten betrifft.

Der junge Karl Marx geriet mit seinen Herren Professoren aneinander, als es darum ging, ob der Entstehung der menschlichen Gesellschaft ein höherer Wille zu Grunde liegt oder ob sich diese vom Niederen zum Höheren fortentwickle. Diese Auseinandersetzung mündete wohl in der Hypothese, auch die menschliche Gesellschaft mache eine Entwicklung durch und es gelte die Entwicklungsgesetze aufzudecken. Dies machte unser Karl zu seiner Lebensaufgabe, kongenial unterstützt von seinem Freund Friedrich Engels. Ich habe ein Problem, darin eine Glaubensrichtung, genannt Marxismus zu erkennen. Es ist Wissenschaft. Was sonst? Und eine Wissenschaft bleibt eine Wissenschaft, auch dann, wenn ihr Erkenntnisstand noch unvollkommen ist. Schließlich betrachteten die Astronomen vor zweitausend Jahren die Erde als Scheibe. Und vor fünfhundert Jahren erkannte man die Sonne noch nicht als Mittelpunkt unseres Planetensystems. Trotzdem ist Astronomie unzweifelhaft eine Wissenschaft.

Unzweifelhaft ist doch und auch von jedem einzusehen, die Menschheitsgeschichte weist Entwicklungsvorgänge auf. Es sind Reiche aufgestiegen und wieder untergegangen. Auf dem Vorangegangenen entstand Neues, Verändertes und meist etwas Höheres. Entwicklungsvorgänge sind Formen von Bewegung. Und wie sie ablaufen, unterliegt Gesetzmäßigkeiten, was ja nichts anderes bedeutet: Einer Ursache folgt eine Wirkung und ein Resultat. Dieser Zusammenhang ist das Gesetz, vom menschlichen Bewusstsein unabhängig existierend. Und wem das zu hochgestochen erscheint, dem sei gesagt, das hat ganz praktische Bedeutung für uns – DieLinken. Wenn diese Partei zurückfindet zu der Erkenntnis, dass ihre praktische Politik auf gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen zu gründen hat, dann ergeben sich daraus einige plausible Schlussfolgerungen: Nämlich – die gegenwärtige Form der Gesellschaftsordnung, die man wieder kapitalistisch nennen darf, ist nicht das letzte Wort der Geschichte. Die Entwicklung wird dahin gehen, dass die gravierenden Widersprüche und Konflikte des herrschenden Gesellschaftsmodells durch das aktive Handeln der betroffenen Mitglieder der Gesellschaft behoben werden. Und damit sind wir wieder bei der politischen Bildung oder, was mir besser gefiele, bei einer gesellschaftswissenschaftlichen Bildung, die in gesellschaftswissenschaftlichem Wissen jeder Genossin und jedes Genossen mündet.

Wie not dieses tut, zeigt die gegenwärtige Führungsschwäche unserer Partei. Wir stolpern von einem Aktionismus zum anderen. Eine Strategie, begründet und mit Gehalt ist nicht so recht zu erkennen. Dabei hat sich DieLinke in Erfurt ein Programm gegeben, das einen ausgezeichneten Startpunkt darstellt, dessen Fortschreibung und inhaltliche Umsetzung sehr zum Nutzen wäre. Doch es fehlt das Rüstzeug dazu, insbesondere beim Nachwuchs unserer Partei. Woher sollte er auch kommen? Das, was passiert, ist noch zu mittelmäßig. Die gegenwärtige Qualität der wissenschaftlichen Grundlagen ist nicht ausreichend. Dem gilt es abzuhelfen.

Hinweis
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