23.02.2015
Martina Krümmling
Erschienen in: Märkische Linke (LINKE Ostprignitz-Ruppin, Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg)

Niemand und nichts wird vergessen

27. Januar - Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus

Gedenktafel am Haus Karl-Marx-Str.
Neuruppin

Am Haus Karl-Marx-Straße 64, wo heute die Märkische Allgemeine/Ruppiner Tageblatt ihren Sitz hat, wurde im Dezember - wie von uns kurz berichtet - eine Gedenktafel für den Arzt Dr. Jacoby angebracht. Einige Jahre zuvor wurde bereits, allerdings oft kaum bemerkt, ein Stolperstein mit seinem Namen ins Pflaster des Gehweges eingelassen. In diesem Haus hatte der Internist Dr. Jacoby seinen Wohnsitz und seine, für damalige Verhältnisse sehr moderne Arztpraxis: er verfügte z.B. als einziger in Neuruppin über einen Röntgenapparat.

Arthur Jacoby, geboren 1897, kam aus einer alten Neuruppiner Händlerfamilie. Sein Vater war ein anerkannter Geschäfts-inhaber, Mitglied des SPD-Ortsvorstandes und der hiesigen jüdischen Gemeinde. Arthur Jacoby besuchte das humanistische Gymnasium am Schulplatz. Nach seinem Militärdienst setzte er das Medizinstudium fort und schrieb seine Dissertation »Zur Frühdiagnose des Karzinoms«. 1927 kehrte er in seine Heimatstadt zurück.

Bei den Neuruppinern war er beliebt, anerkannt und geachtet, wie ihn Zeitzeugen beschrieben, ein sehr offener, moderner, freundlicher Mann. Er war Bestandteil der Gesellschaft, Deutscher, normaler Bürger, selbst-verständlicher Neuruppiner. Bis die Nationalsozialisten die Macht in den Händen hielten und die Verfolgung auch der Neuruppiner Juden begann, zuerst mit dem Boykott jüdischer Ärzte und Geschäftsleute 1933. Dann 1935, als die Nürnberger Gesetze und das Verbot von Beziehungen zwischen Juden und »Ariern« folgten, was auch ihn, der mit Anne Lise Harich (Mutter des Philosophen Wolfgang Harich) liiert war, betraf. Beiden drohte Schutzhaft und KZ. Von nun an konnte diese Beziehung nicht mehr offen gelebt werden, was der Gestapo jedoch nicht entging. Schließlich musste er im Berliner Jüdischen Krankenhaus Dienst tun. In der Pogromnacht am 9. November 1938 verlor er alles. Seine Praxis und Wohnung neben dem Fontanedenkmal wurden verwüstet, Möbel, Hausrat, seine wissenschaftlichen Arbeiten, Bücher auf der Straße öffentlich verbrannt, das Labor zerstört und der kostbare Röntgenapparat, mit dem er so vielen Patienten geholfen hatte und den der beherzte Hausmeister schützen wollte, demoliert, zerschlagen.

Ähnlich spielte sich das Szenario einige Häuser weiter ab - in Geschäft und Wohnung seines Vaters und der Schwester.

Dr. Jacoby konnte nicht mehr in sein Haus zurück, nicht mehr praktizieren. Sein Eigentum, sein Haus wurden »zwangsarisiert«, das verbliebene Vermögen beschlagnahmt, die Familie musste in ein »Judenhaus« nach Berlin ziehen.

Ca. 2000 »Gesetze für Juden« folgten und machten das Leben unerträglich. Er musste den zusätzlichen Namen Israel annehmen, erhielt Lebensmittel nur eingeschränkt und zu bestimmten Zeiten. Nach Zwangsarbeit folgte im November 1942 die Aufforderung für den »Abtransport in den Osten«. Ihm und seiner Frau gelang es zu fliehen und unterzutauchen. Aber sie wurden im Februar 1943 entdeckt und am 26. Februar nach Auschwitz deportiert. Dort wurde die Familie Jacoby umgebracht...

(Martina Krümmling, Inhaberin der Buchhandlung »Der Buchkonsum« in der Friedrich-Ebert-Str. in Neuruppin, hat viel Material über die Neuruppiner Juden zusammengetragen.)