02.02.2015
Sabine Behrens
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Abgewickelt – Niedergang und Chance

Brauer lädt ein - zu Gast Katrin Rohnstock, Jutta Matuschek und Klaus Lemmnitz

Klaus Lemmnitz, Jutta Matuschek, Katrin Rohnstock (v.l.n.r.)
Marzahn-Hellersdorf

Um ostdeutsche Lebensläufe unmittelbar nach der sogenannten Wende ging es am 14. Januar bei „Brauer lädt ein“ im Berliner Tschechow-Theater.
Es war die zweite Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der 1998 von der Publizistin Katrin Rohnstock gegründeten Firma Rohnstock Biographien. Rohnstock und ihr Team haben es sich zur Aufgabe gemacht, Geschichten, die das Leben schreibt, aufzubewahren. Dabei spezialisierte sie sich auf das Schreiben von Autobiografien und Firmengeschichten der Ostdeutschen. Mit dem Beitritt zur BRD und dem Zusammenbruch der Wirtschaft schlossen reihenweise Betriebe, Arbeitslosigkeit griff um sich. Das Buch „Mein letzter Arbeitstag. Abgewickelt nach 89/90. Ostdeutsche Lebensläufe“ schildert unterschiedliche Schicksale in der Wendezeit aus einer sehr persönlichen Sicht, im gegenseitigen Respekt und macht Geschichte lebendig. Zusammen mit dem vorher entstandenen „Jetzt reden wir: Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist“ eine Antwort auf die Abqualifizierung der DDR aus der Sicht der Sieger.
Jutta Matuschek, wirtschaftspolitische Sprecherin der LINKEN im Berliner Abgeordnetenhaus, moderierte nach einer Einführung von Wolfgang Brauer souverän die Podiumsdiskussion. Den Fragen des interessierten Publikums stellten sich Klaus Lemmnitz, bis 1992 Mitarbeiter im VEB Kombinat Automatisierungsanlagenbau in Berlin-Marzahn und seit 2003 geschäftsführender Vorsitzender einer Genossenschaft, und Katrin Rohnstock, Herausgeberin des Buches.
Lemmnitz bezeichnet sich als Wendegewinnler. Er ging in die Arbeitslosigkeit, weil er im Zuge der Abwicklung in seinem Betrieb nicht entscheiden wollte, wer gehen soll. Nach der üblichen Zeit als Umschüler und ABM-Kraft wagten Lemmnitz und seine Frau den Weg in die Selbständigkeit. Seit 2003 ist er geschäftsführender Vorsitzender einer Genossenschaft in Prenzlauer Berg und engagiert sich im Bötzowviertel. Seine Familiengeschichte, die Eltern haben KZ und Zuchthaus erlebt, hat ihm geholfen, nie den Optimismus zu verlieren, sagt Lemmnitz.
Katrin Rohnstock erinnert an die Kehrseite der Medaille. Die Selbstmordrate stieg nach 1989 um 25 %. 6 Millionen Menschen wurden arbeitslos, vier Millionen wanderten aus. Ganze Regionen litten unter Struktur-umbrüchen. Bis heute werden oftmals Lebensleistungen aus der DDR nicht anerkannt.
Der Neuanfang stürzte viele in den Ruin, bot aber auch Chancen, wie sie Klaus Lemmnitz ergriff.
In der lebendigen Diskussion wurde deutlich, dass gegenseitige Toleranz in der Kommunikation sehr wichtig ist.