27.01.2015
Achim Grunke
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Brauchen wir politische Bildung?

Achim Grundke, ehemals Hochschullehrer an der Bergakademie Freiberg

Das „Hotel am Wald“ in Elgersburg/Thüringen gehört neben dem Karl-Liebknecht-Haus in Berlin zu den wenigen Immobilien, die der Partei verblieben sind. Im Dezember findet hier immer das „Elgersburger Seminar“ zur politischen Bildung statt. Ich hatte bereits 2013 daran teilgenommen und nun auch wieder vom 12. bis 14. Dezember 2014. Gegenstand war diesmal das Buch des international renommierten britischen marxistischen Historikers ERIC HOBSBAWM „Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“, dessen Inhalt nach Einführungsvorträgen dann von den Teilnehmern in Arbeitsgruppen erarbeitet wurde.

Nach diesem Seminar wurde mir wieder mal bewusst, wie nötig politische Bildung für alle Generationen in unserer Partei ist. Für diejenigen, die in der DDR sozialisiert wurden und dort ihr politisches Grundwissen erworben haben, gilt es, nicht weniges von dem, wenn auch nicht alles davon zu korrigieren. Für die Jüngeren, die erst nach 1989 politisch aktiv und Mitglied der Partei wurden, aber auch für die älteren Jahrgänge, geht es darum, neues theoretisch fundiertes politisches Grundwissen aufzunehmen. Erfahrungswissen aus dem politischen Alltag und eine kaum überblickbare Informationsflut aus den Medien reichen allein auf Dauer nicht aus.

In einer Zeitschrift las ich neulich, dass der „Marxismus“ nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Sozialismus immer noch keinen guten Stand hat und auch in der Linkspartei keine nennenswerte Rolle zu spielen scheint. Es besteht weithin eine große Unsicherheit darüber, ob der „Marxismus“ überhaupt noch für die Erklärung der heutigen Gesellschaft und als politische Handlungsgrundlage taugt. Und wenn der „Marxismus“ überhaupt noch eine theoretische Grundlage bleiben soll, was bleibt dann von ihm übrig?

Für mich sind das insbesondere drei Dinge, die weiterhin zum Grundgerüst marxistischen Denkens gehören:
Erstens die Marx’sche Kapitalismusanalyse und –kritik, die ja in den letzten Jahren nach der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise eine Renaissance in Gestalt der Lesekreise zu Marx „Kapital“ erfahren hat.
Zweitens die materialistische Geschichtsauffassung, wonach in letzter Instanz die materielle Produktion und die sozialökonomischen Verhältnisse für den Verlauf der Geschichte bestimmend sind, und
drittens die dialektische Methode, d.h. insbesondere die einzelnen Erscheinungen und Prozesse in der Gesellschaft im Zusammenhang und in ihrer Widersprüchlichkeit zu betrachten.

ERIC HOBSBAWM zeigt als marxistischer Historiker in seinem Buch beispielhaft, wie er mit diesem „Handwerkszeug“ marxistischen Denkens umgeht. Wer das 20. Jahrhundert begreifen will und auch Erklärungen dafür sucht, was und warum in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts geschehen ist, kommt an der Lektüre dieses mit ungeheurem Kenntnisreichtum geschriebenen Buches vorbei. In einer Kritik des „Tagesspiegel“ hieß es nach dem Erscheinen des Buches in deutscher Sprache: „Ein weites Panorama dieses Jahrhunderts, ein beeindruckend argumentierender Wurf, ein großes Pamphlet gegen das Vergessen.“
Das 20. Jahrhundert war, wie es im Buchtitel heißt: ein Zeitalter der Extreme. Es war geprägt durch die beiden Weltkriege und die Nachkriegsordnung, die ja bis 1990 dauerte. Es war das Jahrhundert der Atombombe. In keinem Jahrhundert vorher hatte der technische Fortschritt zu derartig umwerfenden – guten oder auch weniger guten – Veränderungen im Leben der Menschen geführt wie im 20. Jahrhundert. Und diese Entwicklung geht weiter! Zum 20. Jahrhundert gehört aber auch die Oktoberrevolution von 1917 in Rußland und dann nach 70 Jahren der Zusammenbruch des Sozialismus „zwischen Istrien und Wladiwostok“. Das zaristische Rußland war damals überreif für eine Revolution. Aber es bestand schon damals die Skepsis, „daß eine russische Revolution nicht sozialistisch sein würde und könnte. Die Bedingungen für eine derartige Transformation waren schlichtweg nicht gegeben in einem Agrarland, das als Inbegriff für Armut, Ignoranz und Rückständigkeit galt und in dem das Industrieproletariat – das Marx als Totengräber des Kapitalismus genannt hatte – nur eine winzige, wenn auch strategisch platzierte Minderheit war.“ (Hobsbawm) Diese unreifen Startbedingungen für den Sozialismus sollten auch späterhin Einfluss haben auf die Entwicklung in der Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder. Und der Zusammenbruch dieses Systems resultierte aus dessen eigener Unfähigkeit, gegenüber den entwickelten kapitalistischen Ländern eine höhere Arbeitsproduktivität zu erzielen und ein fortschrittlicheres politisches System zu entwickeln.
ERIC HOBSBAWM starb 2012 im Alter von 95 Jahren. Auch nach ihm gilt für den Marxismus ein plurales Verständnis, wenn er offen für neue Erkenntnis bleiben will. Auch wenn wir uns des gleichen Grundinstrumentariums bedienen, so muss es dabei bleiben: es gibt nicht nur ein einziges richtiges auf einem Wahrheitsmonopol beruhendes Erklärungsmuster für unsere Welt.

Hinweis
Die gesamte Januar-Ausgabe der LinksWorte ist unter www.linksworte-mittelsachsen.de/ausgaben/89.pdf zu finden. Frühere Ausgaben sind archiviert unter www.linksworte-mittelsachsen.de/archiv.html .