05.01.2015
Regina Kittler (MdA)
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Einschulung doch wieder später?

Veränderungen in Sicht?

Regina Kittler ist bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.
Berlin, Marzahn-Hellersdorf

Sowohl in der Stadtgesellschaft als auch im Parlament wird gegenwärtig diskutiert, ob die Kinder nicht zu früh eingeschult werden und der Stichtag nicht wieder verändert werden müsste.
In der Studie der FU Berlin vom Juni 2014 zur Früheinschulung heißt es, dass früher Eingeschulte etwas häufiger ein Jahr länger zur Schule gehen. Die Alternative wäre, dass sie sonst ein Jahr länger im Kindergarten blieben oder eben zu Hause. Was besser für die Kinder ist, lässt sich schwer sagen. Ein Kind, das noch nicht in die Schule darf, obwohl all seine Spielkameradinnen und -kameraden aus der Kita schon dort sind, kann auch darunter leiden.
Bei anderen Kindern, den kleinen Überfliegern, die wir alle kennen, ist genau die frühe Einschulung richtig.
Die Studie sagt weiter, dass die noch in den ersten Schuljahren zu beobachtenden geringen Leistungsrückstände früh Eingeschulter im Leseverständnis und in Mathematik in der Regel im 8. Schuljahr abgebaut sind. Unabhängig von ihrem Lebensalter liegen die Leistungen aller untersuchten Jahrgangsstufen auf vergleichbarem Niveau. Der Anteil an Kindern, die das Abitur erreichen können und die eine oder mehrere Klassen überspringen, ist auch nicht zurückgegangen.
Hier wird deutlich: Genau das, was für den Durchschnitt gut und richtig ist und für das eine Kind perfekt, kann für das andere Kind genau die falsche Entscheidung und sogar schädlich sein. Ein nach hinten oder nach vorne verschobener Stichtag löst also wenig bis nichts. Wir brauchen flexible Verfahren anstelle starrer Regeln! Also einen Stichtag, der ein Richtwert unter bestimmten Bedingungen ist, die dem Kindeswohl dienen müssen. Das müssen Eltern und Pädagogen sensibel und klug entscheiden. Dafür sind sie verantwortlich. Diese Entscheidungsfindung muss möglich sein.
Und wenn entschieden ist, muss jedes Kind so individuell gefördert werden, wie es das braucht.
Dafür müssen gute Bedingungen in der Schule vorhanden sein, indem genügend gutes Personal da ist, die Lerngruppen nicht zu groß sind, genügend Räume da sind, Teilungsunterricht stattfinden kann.
Das ist für mich die wichtigere Aufgabe als die Veränderung des Stichtages!
Auch wegen der Auswirkungen auf den Kitaplatz muss eine erneute Veränderung der Schulanfangszeiten gut überlegt werden. Wenn eine solche Änderung durchgeführt wird, darf es nicht zu einem Kollaps im Kitasystem kommen. Einige tausend Kitaplätze mehr, die dafür notwendig wären, müssten vorher geschaffen werden.
Die Frage ist: Brauchen wir das wirklich? Wenn ein Achtel aller Kinder gegenwärtig zurückgestellt wird, dann doch wahrscheinlich, weil ihr individueller Entwicklungsstand das erfordert, und dann ist das auch richtig so. Das könnte im Umkehrschluss aber auch bedeuten, dass sieben Achtel aller Kinder in der Schule schon gut aufgehoben sind.

Regina Kittler ist bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.