05.01.2015
Dr. Hermann Wollner
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Volksdeutsche für die Desintegrierung des Morgenlandes

Eine Auseinandersetzung mit PEGIDA

Marzahn-Hellersdorf

in nicht-fürstlicher Zug geht um in Dresden, die „Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA). Dass ich, der unweit von Dresden Aufgewachsene, das noch erleben darf: Dresden als Hauptstadt des Abendlandes! Vorgestern (vor ca. 70 Jahren) in Schutt und Asche, gestern (vor ca. 35 Jahren) ahnungslos im Tal liegend und heute an der Spitze der Bewegung marschierend!

Das unlängst verfasstes „Positionspapier in 19. Thesen“ der „Pegiden“ zeugt nicht gerade von Begriffs- und Stilsicherheit. Vielleicht ist die Verwirrung und Vermengung auch gerade gewollt, damit ein jeder sich die These heraussuche, die ihm gerade passt. Wer die Vorneweg-Marschierer verstehen will, muss alles lesen und im Zusammenhang analysieren. Von den Mitläufern ist im Folgenden also nicht die Rede.

„Patriotische Europäer“ ist schon ein arger begrifflicher Widerspruch. „Patrioten“ haben bekanntlich ein Vaterland - und nur eines - und nicht gleich eine ganze Landmasse. Sonst hießen sie ja „Kontinentioten“. „Abendland“ ist das Gegenwort zu „Morgenland“; es wurde in der Antike (!) geprägt und umfasst die Gebiete Europas westlich des Bosporus (und seines Längengrades) bis zum Cabo da Roca. Das „Land, in dem die Sonne untergeht“ schließt etwa die Hälfte der heute zum Kontinent Europa gerechneten Landmasse aus. Das NATO-Abendland lassen wir einmal unberücksichtigt. Der 28-Staaten-Verbund „Europäische Union“ wiederum umfasst nur 43 % der Fläche Europas (in Zypern sogar noch ein Häppchen vom „Morgenland“) und mindestens 28 Arten von Patrioten (weil es in der EU auch die schottischen und katalonischen Patrioten gibt, um nur die wichtigsten zu nennen). Das „Patriotenverständnis“ wird auch dadurch komplizierter, dass in 3 von 19 Thesen den Unionsbürgern ausdrücklich die außerhalb der EU verbliebenen Schweizer als Vorbild hingestellt werden, ganz zu schweigen von Kanadiern, Australiern und „schwarzen“ Südafrikanern außerhalb des „Abendlandes“. Da in Dresden nach meiner Kenntnis nur Bürger der Bundesrepublik hinter dem PEGIDA-Transparent herlaufen, kann man die „patriotischen Europäer“ getrost mit „Volksdeutsche“ übersetzen.

Die bekennenden Gegner der „Islamisierung“ formulieren in ihrer 10. These »PEGIDA ist … nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime!« Wieder so ein Begriffs-Knoten. Im allgemeinen Verständnis drückt die Endsilbe „-ierung“ einen Vorgang aus, beispielsweise „Arisierung“ und „Christianisierung“. Wenn Muslime aufgefordert werden, sich zu integrieren, ohne das „intra“ (hinein) hinzuzusetzen, dann ist das eine Aufforderung zur Selbstintegration, zur Abschottung vom Rest der Gesellschaft. Das ist wohl eher nicht gemeint. Wenn geschrieben stünde: »PEGIDA ist für die Integration der in Deutschland/der EU lebenden Muslime in die laizistische Gesellschaft.«, so wäre das verständliches Deutsch und eine positive politische Aussage. Aber es kommt ja ganz anders. Die 13. PEGIDA-These enthält weiteres (Hinter-)Fragwürdiges: »PEGIDA ist für die Erhaltung und den Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur!«. Worin drückt sich denn (im 21. Jahrhundert) die Prägung einer Kultur aus, die diesen Namen verdient? Meiner Ansicht nach darin, dass sie „die Gesellschaft“ nicht durch Religionsbekenntnisse definiert, Verfolgern keine Waffen liefert und keine Kriege - unter welchem Schutzverantwortungs-Vorwand auch immer - führt. Das real existierende
Europa des 21. Jahrhunderts ist von der Unkultur der Desintegration, des bedenkenlosen Waffenexports und der Kriegsbeteiligung über sämtliche Grenzgebirge und –meere hinaus gekennzeichnet. Dagegen zu protestieren, hielte ich für „patriotisch“ und „kulturerhaltend“.

Tausend Jahre hat sich das „christliche Abendland“ durch Parallelrecht und Ghetto-Inklusion gegen eine vorgebliche „Jüdisierung“ mehr als nur geschützt und heuchelt nun vor, dass diese religiöse Minderheit ihre Kultur geprägt habe. Tief eingeprägt in das Gedächtnis der Völker in Morgen-, Mittags-, Abend- und Mitternachtland hat sich die
Holocaust-Kultur der deutschen Zentraleuropäer. In den Morgen- und Mittagsländern Asiens und Afrikas, die vor Jahrhunderten tatsächlich „islamisiert“ wurden, machen die Völker seit etwa einem Jahrhundert die prägende Erfahrung, dass ihre muslimische Kultur mit antiken Wurzeln von modernen ökonomischen Kreuzrittern geringgeschätzt, auf Extreme reduziert und durch das „abendländische“ Parallelrecht des Mammon ersetzt wird. Die »gewaltbetonte politische Ideologie« (10. PEGIDA-These), wonach „unsere abendländischen Werte“ in Syrien „schutzverantwortet“ und am Hindukusch „verteidigt“ werden, ist „un-patriotisch“ und delegitimierend.

Die 19. und letzte These der „Pegiden“ lautet: »PEGIDA ist gegen Hassprediger, egal, welcher Religion zugehörig!« Ob sie erkennen, dass zwischen den politischen Hasspredigern des „Abendlandes“ und den Subjekten der 1. PEGIDA-These, den »Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten«, Ausdruck der realen Desintegration des Morgenlandes, ein Zusammenhang besteht?