08.12.2014
Thomas Braune
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Zur Person: Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut

Der Architekt Marzahns über sein Erbe und die Umgestaltung des Alten Rathauses Marzahn

Der Architekt hat im Bezirk im Osten Berlins überall Spuren seines Schaffens hinterlassen.
Marzahn-Hellersdorf

Das Berliner Büro eines der bekanntesten Architekten der ehemaligen DDR befindet sich in einem Neubau aus den späten 1960er Jahren in Charlottenburg. Angelehnt an die klassische Moderne des Bauhauses würde dieses Gebäude ebenso gut nach Marzahn passen. Hier hat der Architekt überall Spuren hinterlassen. Das Alte Rathaus Marzahn am Helene-Weigel-Platz ist eine davon. Als „Ziel- und Quellpunkt“ am S-Bahnhof Springpfuhl beschreibt Eisentraut den Platz, der als eines mehrerer Zentren in Marzahn entstand. Für die Anwohner sollte hier alles zentral erreichbar sein. Noch immer ist der Platz einer der belebtesten Orte Marzahns. Im nächsten Jahr soll nun die umfassende Sanierung des Rathauses beginnen und Eisentraut hat – vor allem aus eigenem Interesse an der Zukunft seiner Schöpfungen – bereits Pläne zur Modernisierung entwickelt.

Bei der Fertigstellung des Gebäudes im Jahre 1988 sollte es ein offen gestalteter Ort für die Bürgerinnen und Bürger Marzahns sein. Insbesondere die Eingangshalle und die vielen Sitzmöglichkeiten im dem Helene-Weigel-Platz zugewandten Teil des Gebäudes zeugen von dieser Idee. Die Sitzmöglichkeiten stehen, wie das gesamte Gebäude, seit 2008 unter Denkmalschutz. Eisentraut sagt, das Alte Rathaus Marzahn sei besser als das in Hellersdorf mit seinen langen und wenig einladenden Fluren. Man erkennt, worum es Eisentraut bei seiner Architektur immer ging: Funktion und Ästhetik mit den Bedürfnissen der Menschen zu verbinden. Daran ausgerichtet entwickelte er die Grundideen seiner Gebäude. Mit einer begrenzten Zahl an zur Verfügung stehenden Grundelementen galt es, diese zu realisieren. Möglich wurde das mit der von ihm vorangetriebenen Abkehr vom starren Typenbau. Erstmals gelang das bei der 1977 fertiggestellten Körperbehindertenschule in Lichtenberg, die ein Folgeauftrag nach Eisentrauts Mitwirkung bei der Planung des Palastes der Republik war. Die individuelle Kombination vorhandener Bauteile war aber auch danach immer wieder ein Kampf gegen Sparzwang und Kostendruck, wie Eisentraut berichtet.

Bei der Sanierung des denkmalgeschützten Rathauses am Helene-Weigel-Platz will Eisentraut, dass die Grundidee erhalten bleibt, das Gebäude aber an seine jetzigen Anforderungen – insbesondere für die Nutzung durch die BVV – angepasst wird. Unter Beibehaltung der einzigartigen Fassade aus den mit Klinkerplatten belegten Betonteilen soll das Baudenkmal energetisch saniert und funktional verbessert werden. Einen Sitzungssaal für die BVV zu integrieren sei kein Problem. Einwände bezüglich des Denkmalschutzes kann Eisentraut entkräften: „Von außen sieht man nichts.“ Alle für die BVV nötigen Räumlichkeiten wären damit erstmals an einem Ort konzentriert. Der größere Sitzungssaal in der zweiten Etage könnte laut Eisentraut mit Tageslicht versehen werden. Von der Integration eines Sitzungssaals wäre er nicht betroffen. Die Idee der Linksfraktion, aus dem ehemaligen Ratskeller – früher das beste Restaurant Marzahns, so Eisentraut – mit seinen mit Figuren verzierten Säulen und dem Gewölbe einen Ort für Kunst und Kultur zu machen, findet er begrüßenswert. Eisentraut wäre bereit die Sanierung mit seinen Konzepten und seinem Wissen über die baulichen Details des Gebäudes zu unterstützen.

Von den bisherigen Plänen für den östlichen Helene-Weigel-Platz hält Eisentraut nicht viel. Die diskutierte Bebauung der Fläche des Kino Sojus mit einem Supermarkt blockiere eine „lebendige Vervollständigung“ des Ensembles Helene-Weigel-Platz. Mit Kritik spart er auch nicht an anderen neueren Bauten in Marzahn: Mit dem Bau des „Eastgate“ (der Name könnte eine Reminiszenz an das aus Kaufhäusern bestehende abgerissene Gebäudeensemble „Marzahner Tor“ sein) wurde die individuelle Gestaltung des Hauptzentrums Marzahns zerstört und das Entwicklungspotential der Marzahner Promenade abgeschnitten, so Eisentraut. Er zweifelt jedoch an der Zukunft solcher Einkaufszentren: „Jede Zeit und Wirtschaftsform hat ihre eigenen Bauten. Irgendwann werden sich auch diese überleben.“