08.12.2014
Dr. Gabriele Hiller (MdA)
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Schneller, höher, weiter ...

... wie Mann sich Sportpolitik schön reden kann

Rückblick auf zehn Jahre Rot-Rot: Berlins so gut wie fast Ex-Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mit den beiden Abgeordnetender LINKEN, Gabriele Hiller und Evrim Sommer
Marzahn-Hellersdorf

Vor Kurzem war der Marzahn-Hellersdorfer Sportstadtrat Stefan Komoß (der auch Bezirksbürgermeister, Schul- und Finanzstadtrat ist) Anzuhörender im Sportausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Vordergründig ging es um die Frage, warum gerade unser Bezirk so viele Sportstätten nicht mehr als solche nutzt, also „entwidmet“ und anderen Nutzungen zuführt. Denn in keinem anderen Bezirk Berlins gab es in den vergangenen Jahren so viele Vorgänge dazu wie in Marzahn- Hellersdorf. Ob es nun die Tennisplätze in Biesdorf oder in der Wernerstraße sind, Sporthallen, die abgerissen werden, wie in Biesdorf, oder die Schließung des Wernerbades in Mahlsdorf – es sind an die 25 Vorgänge, die dem Abgeordnetenhaus vorlagen und wo letztlich die Stimmen der regierenden Koalitionen dafür sorgen (müssen), dass eine Entwidmung der Sportstätten erfolgt.

Komoß stellte die Situation im Bezirk geschickt dar. Und richtig, es gibt neun Sporthallen, dazu neuerdings noch die Mehrzweckhalle im Freizeitforum Marzahn, die einzig und allein dem Vereinssport zur Verfügung stehen - eine einmalig gute Situation im Lande Berlin. Das neue Projekt Frauensporthalle wird der Bezirk sogar mit einer halben Stelle und 80.000 Euro für die Bewirtschaftung auch finanziell unterstützen, parallel dazu bauliche Maßnahmen vornehmen. Das, so betont Komoß, gehe nur, weil er Sport- und Finanzstadtrat in einer Person sei, hört, hört.

Doch schaut man differenzierter hin, sieht es deutlich schlechter aus. So findet der Schulsport gegenwärtig in mindestens fünf Schulen unter ausgesprochen ungünstigen Bedingungen statt und das noch über Jahre hinweg. Wann wird denn die Grundschule Mahlsdorf endlich aus der verlotterten Halle in der Lichtenhainer Straße, die sie gemeinsam mit der Otto-Nagel-Schule nutzt, wieder in eigene Räumlichkeiten ziehen? 2017, 2018? Und warum hat sich der Bezirk nicht für den Bau einer Halle eingesetzt, die deutlich größer als die bisherige sein wird, die die Größe eines Wohnzimmers hat? Schließlich wird diese Schule eine sein, die auch in der Zukunft Bestand haben wird. Eine Schülergeneration in Mahlsdorf wird unter ausgesprochen schlechten Bedingungen und in verkürzter Stundenzahl im Sport unterrichtet, und der Stadtrat sieht die Problematik nicht! Und nicht einmal ein Hausmeister ist da, der sich um die von vielen Trägern genutzte Halle in der Lichtenhainer Straße kümmert – notwendig wäre der allemal.

Schaut man dann weiter auf die Zahlen der Kinder und Jugendlichen, die in unserem Bezirk im Sportverein organisiert sind, so erkennt man, dass immer weniger junge Leute (organisiert) Sport treiben. Und das in einem Bezirk, in dem mit 16.000 sportlich Organisierten sowieso schon der absolut niedrigste Stand bei (organisiert) Sporttreibenden herrscht! Was für Konzepte hat der Sportstadtrat dafür, um das zu ändern? Denn Sporttreiben als Bedürfnis zu entwickeln, muss doch in jungen Jahren einsetzen, somit im Schulsport in seiner Einheit aus Unterricht und außerunterrichtlichem Sport beginnen.

Der Bezirksbürgermeister gibt sich dennoch betont optimistisch. Auf die Frage, wie er sich denn für ein Freibad in Marzahn-Hellersdorf einsetze (er ist u. a. stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der Berliner Bäderbetriebe), antwortet er, dass der Bezirk mit vier Bädern gut bedient sei. Upps, das überrascht mich, vier?! Ja doch, er rechnet das „Platsch“, diese Plansche im Bürgerpark Marzahn doch wirklich als (Frei-)Bad. Klar, so kann man sich schon in Zufriedenheit wiegen und Probleme verdrängen.

Fazit der Anhörung: Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf bietet auch im Sportbereich ein Beispiel der Sparpolitik wie kein anderer Berliner Bezirk. Da werden Sportanlagen aufgegeben, weil man sie nicht bewirtschaften kann. Da werden Sportstätten an Vereine übergeben, weil man sie damit billiger bewirtschaften kann. Da werden Sportwart- und Hausmeisterstellen gestrichen, weil man sich Personalkosten spart. Bei den schwieriger werdenden Möglichkeiten, Übungsleiter zu unterstützen (Aufwandsentschädigung 1,34 EU/Stunde in ganz Berlin) nehmen die Zahlen der Sporttreibenden Kinder und Jugendliche ab. Wer meint und argumentiert, diese Defizite durch eine Berliner Olympiabewerbung abbauen zu können, sollte noch einmal genau hinschauen, welche Ziele mit Olympischen Spielen wirklich verknüpft sind. Vielen Kindern und Jugendlichen unseres Bezirkes ist dann schon mindestens ein Jahrzehnt effektiver Sportförderung versagt geblieben.