08.03.2014
Redaktion
Erschienen in: Leipzigs Neue (Projekt Linke Zeitung e.V.,, Leipzig, Sachsen)

Ich kann nicht aus Hass schreiben

Fragen an Norbert Marohn zu seinem neuen Buch: »Wie nie zuvor«

Leipzig

LN: Im Jahr 2014 bündeln sich wieder einmal wichtige Geschichtsdaten. Allerorten und besonders in den Medien erwähnt, die Jahre 1914, 1939, 1989. Das letzte Datum berührt Ihr neues Buch und Ihren Lebenslauf ... wie nachhaltig?

NM: Für mich ist 1989 nicht so wichtig. Der Systemwechsel von 1989 erreichte mich gewissermaßen mit Zeitverzögerung vier Jahre später. Bis dahin hatte ich meine Manuskripte, meine Projekte, hatte voll zu tun. Die Leere, in die ich gefallen bin, kam für mich 1993. Diese großen historischen Jahreszahlen decken sich doch nur selten mit denen des privaten Lebens.

»Ich bin viele, gelegentlich alle«, so werden Sie auf dem Umschlag des Buches zitiert. Wie ist dieser Gedanke zu verstehen?

Ich habe für dieses Buch ungefähr 20 Jahre lang gesammelt. Habe verschiedene Episoden, manchmal geschlossene Geschichten, manchmal auch nur Eindrücke aufgeschrieben und alles erst einmal liegenlassen. Dann bin ich ungefähr zweieinhalb Jahre damit beschäftigt gewesen, das Material zusammenzufügen. Innerhalb dessen, also beim Schreiben, ist mir bewusst geworden, dass es keine Hauptfigur geben wird. Je mehr ich dann in das Gesamtmanuskript hineingekommen bin, desto mehr Personen haben sich eingefunden. Ich kann es nicht anders beschreiben.
Es sind Menschen aus unterschiedlichen Milieus, wobei es mir schon wichtig war, alle wesentlichen Milieus der DDR zu erfassen: Betriebe, Parteiapparat, und die Bereiche, die offiziell mit scheelem Blick bedacht wurden, also aufmüpfige Schüler, Leute, die nicht arbeiten wollten oder dazu einfach keine Lust hatten. Also die ungeheure Spanne von »asozialer« Lebensart bis zum pflichtbewussten Funktionär in einer Stadtbezirksleitung. Darin eingeschlossen die verschiedenen Arten der Liebe, die unterschiedlichen Arten von Gefühlen, in Zweierbeziehungen wie auch in Hierarchien.
Im Buch identifiziere ich mich mit keiner Gestalt. In jeder Figur ist trotzdem etwas von mir drin.
Ich kann nur aus Liebe schreiben, ich kann nicht aus Hass schreiben, auch wenn ich jemand verabscheuungswürdig finde. So entstehen Variationen.

»Die Zeit ist auf der Straße«, so beschreiben Sie jene Herbsttage. Warum dieses Bild?

Das bezieht sich auf den Herbst 1989. Vieles hatte sich in der DDR bis dahin in abgezirkelten Räumen abgespielt. Auf dem Wohnungsamt, in Werkhallen, in der Gewerkschaftsleitung, in der Schule, im Freundeskreis.
Nun paarte sich anschwellender Protest mit den Jahreszeiten Frühling bis Herbst. Alles verlagerte sich nach draußen. Anfang September mit Messebeginn wurde der Platz um die Nikolaikirche zu einem öffentlichen Raum im großen Sinn. Das war die Verlagerung aus abgezirkelten Räumen auf die Straßen.

»Wie nie zuvor« – warum dieser vieldeutige Buchtitel, der an eine Liedzeile erinnert?

»Wie nie zuvor...« Nur noch wenige denken da an die Nationalhymne der DDR. »Lasst uns pflügen, lasst uns bauen, lernt und schafft wie nie zuvor...« Das ist auch von Johannes R. Becher. Nicht nur das vielzitierte »Auferstanden aus Ruinen« oder »Deutschland einig Vaterland«, was bei den Demos gerufen wurde. Es ist eine eher versteckte Zeile. Ich meine, die DDR ist schon etwas, was es in Deutschland »nie zuvor« gab.