08.03.2014
Michael Zock
Erschienen in: Leipzigs Neue (Projekt Linke Zeitung e.V.,, Leipzig, Sachsen)

Frauentag, Alice Schwarzer, Proteste und Politisierungen

Sophie Dieckmann, Chinawissenschaftlerin und derzeitige Geschäftsführerin von Die LINKE.SDS im Gespräch

Leipzig


Die LN-März-Ausgabe erscheint am Internationalen Frauentag. Hat dieser Tag für Sie eine Bedeutung?
Ich habe in meinem Leben diesen Tag eher als Relikt erfahren. Die Eltern erzählten mir davon, von der zu DDR-Zeiten üblichen Nelke, von den Prämien mit Umtrunk. Ich empfinde den Tag heute als relativ leblos. Das ist schade. Beim »Valentinstag«, wird mehr Aufriss gemacht für Blumen und Pralinen. Der 8. März bleibt ein wichtiges Datum, um auch daran zu erinnern, dass er eine wunderbare linke Tradition hat, die vor vielen Jahrzehnten durch die internationale Arbeiterbewegung begann.

Junge Frauen, Studierende sehen ihn durchaus wieder als Kampftag?
Das stimmt. Der SDS hat einen Frauenkampftag mit initiiert. Das ist schon nötig. Wir können da einerseits an die Traditionen anknüpfen, andererseits an kürzliche feministische Debatten, wie die »Aufschrei-Diskussion«, die die Medien und einige Männer, speziell Herrn Brüderle von der FDP, und natürlich uns Frauen bewegte. Dann die sogenannten »Slutwalks«, zu deutsch »Schlampenmärsche«, die 2011 in vielen Städten weltweit stattfanden und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung von Frauen thematisiert haben. Es geschieht immer wieder, dass Frauen sexuell bedrängt werden und das damit begründet wird, dass sie kurze Röcke tragen. Egal, wie Frauen sich anziehen, sie haben das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Diese Beispiele sind sicher kleine aber durchaus wichtige Punkte, wo sich Frauen verstärkt artikulieren, daraus kann sich etwas Kämpferisches entwickeln.

Berührt Sie das finanzielle Gebaren von Alice Schwarzer, das jetzt bekannt wurde?
Ja, das berührt mich schon und ich finde das ziemlich eklig. Leute sollen Steuern zahlen, besonders reiche Leute. Mich ärgert, mit was für einer Selbstverständlichkeit Frau Schwarzer die Verantwortung für das Allgemeinwohl erst einmal von sich wegschiebt. Ich verzeihe ihr auch nicht, dass sie für BILD Werbung machte. Ein Widerspruch bleibt trotzdem. Ich habe Bücher von ihr gelesen und finde viele darin geäußerte Gedanken interessant.
Nur: Wenn sie für die BILD Werbung gemacht hat, die bis vor kurzem nackte junge Frauen auf der ersten Seite abbildete, die Zeitung weiterhin auffällt durch hetzerische Artikel, die für ein reaktionäres Frauenbild eintreten, dann passt da etwas nicht zusammen.

Sie waren im Schauspielhaus bei den eindrucksvollen Protesten gegen die geplanten Schließungen an der Leipziger Universität dabei. Da geht es knallhart zur Sache. Der auch internationale Aufschrei von Hunderten im und am Schauspielhaus ist das eine. Wie wird es nun weitergehen?
Die Proteste müssen ins nächste Semester weitergetragen werden. Die Theaterwissenschaftler und andere Studenten engagieren sich dieser Tage, trotz Semesterpause, in der Leipziger Innenstadt. Während der Buchmesse ist eine weitere Aktion geplant. Für Ende Juni wird gegen diese Kürzungsdiktate eine große Demo in Leipzig durch protestierende Studenten vorbereitet, der SDS beteiligt sich daran. Der Protest muss mit kleineren und größeren Aktionen aufrecherhalten werden.

Geht es dabei um alle Studierenden?
Auf jeden Fall. Denn ich bin sicher, es wird künftig noch weitaus mehr Kürzungen geben. Jedes Institut könnte das nächste sein, das geschlossen wird. Es muss darum solidarisch zugehen, nicht etwa nur seine eigene Haut zu retten. Das muss gelingen. Ich beobachte an der Uni auch die Tendenz: Was mich nicht berührt, das geht mich nichts an!
Alle haben viel zu tun, zum einen das Studium, zum anderen, nebenbei zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Dieses Eingespanntsein nimmt auch die Kraft zu kämpfen.
Ich habe den Eindruck, Universität wird immer weniger als Bildungsmöglichkeit wahrgenommen, wo man viel lernen kann, sondern im Prinzip als Berufsausbildungsstätte.

Studierende kommen derzeit gern nach Leipzig...
Das liegt auch daran, dass in anderen Städten und Bundesländern die Mieten so stark angezogen haben. Sie sind für junge Leute nicht mehr bezahlbar. Da gibt es direkte oder versteckte Studiengebühren, die durch hohe Verwaltungsgebühren zustande kommen.
Dadurch können es sich viele nicht mehr leisten, in Städten, wie beispielsweise Berlin, zu leben. Das ist ein Grund, dass sich in Leipzig tatsächlich eine interessante, studentische Szene entwickelt hat. Beispielsweise mit Laden- oder Hausprojekten, mit Szenelokalen.

Wie politisiert ist diese Szene?
Seit ich vor zehn Jahren von Berlin nach Leipzig gezogen bin, habe ich erlebt, dass ständig gegen etwas protestiert wurde. Bildungsstreiks, Demos mit Hunderten oder Tausenden. Vor allem bemerke ich seit 1-2 Jahren, dass erfreulicherweise in Leipzig eine größere linke Protest-Szene an der Uni am Entstehen ist. Das mache ich fest an den derzeitigen Protesten gegen die Kürzungen, aber auch an der Gründung eines Amazon-Solidaritätsbündnisses zur Unterstützung des Amazon-Streiks für einen Tarifvertrag im letzten Jahr und anderen linken Gruppengründungen. Ich bin hoffnungsvoll, dass sich dieser Trend fortsetzt.

In welcher Position ist nach Ihrer Meinung das Leipziger Rektorat?
Zunächst gilt: Die sächsische Landesregierung hat diese jetzt diskutierten Kürzungspläne beschlossen. Doch das Rektorat könnte ja auch mehr tun, als nur öffentlich jammern, wenn es die Vorschläge unzumutbar findet. Ich finde, dass sich sehr oft hinter einem angeblichen Sachzwang versteckt wird: Immer mit dem Finger nach oben zeigen und sagen, die anderen sind schuld. Wenn man Elend nicht verwalten möchte, soll man es auch nicht tun. Mir würde jedenfalls einiges einfallen, um die Kürzungen nicht selbst umsetzen zu müssen – bis hin zum Rücktritt.