08.03.2014
Karl Martin
Erschienen in: Leipzigs Neue (Projekt Linke Zeitung e.V.,, Leipzig, Sachsen)

»Alle Völker, die Gesittung hatten, haben die Frauen geachtet«

Leipzig

Diesen charmanten Gedanken formulierte Jean-Jacques Rousseau in seinem Erziehungsroman »Emile« 1762. Das war schön gesagt. Doch 250 Jahre später genügt es den Schutzbefohlenen nicht mehr, dass Kavaliere zu ihrer Linken gehen und mit dem Degen ihre Ehre beschützen. Heute ist der 8. März, und das schöne Geschlecht verlangt nicht nur Achtung, sondern Selbstbestimmung und Teilhabe. So sollte es sein. Doch ein Blick auf die Gegenwart zeigt, wie es um darum hierzulande und heutzutage steht.
Die Diskussion um die »Pille danach« offenbart sittlich-moralische Entrüstung. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, verteidigt die Rezeptpflicht: »Wir möchten den großen Vorteil des deutschen Gesundheitssystems bewahren, dass man in einem Gespräch mit einem Arzt eine kompetente Beratung bekommt, wie der Gebrauch des Medikaments in Zukunft verhindert werden kann.« Zeigt sich da der Schalk oder weiß eine Frau, die die »Pille danach« braucht, nicht »davor«, wie sie »den Gebrauch des Medikaments verhindert kann«? Kathrin Vogler, arzneipolitische Sprecherin der Linken, kommentiert: »Offensichtlich geht es hier nicht um medizinische und pharmakologische Information, sondern um Zwangsberatung mit pädagogischem Anspruch und erhobenem Zeigefinger. Das ist schlicht paternalistisch und richtet sich gegen die Selbstbestimmung der Frau.«
Auch der Vergleich des gesundheitspolitischen CDU-Sprechers, Jens Spahn, die »Pille danach« sei kein »smartie«, ist so wahr wie dümmlich. Gleiches gilt für Zigaretten, Alkohol, die flächendeckend beworben werden und frei verkäuflich sind, oder Drogen, wie crystel maths. Dass deren Missbrauch, wie auch manch ungewollte Schwangerschaft, soziale Ursachen besitzt und ihre Auswirkungen verschärft, ist das eine. Was Jens Spahn hier nahelegt, bedeutet, die Mittel zu verbieten, die oft wenigstens die schlimmsten Symptome sozialer Ausgrenzung mildern.

Alice Schwarzer gibt sich mit einer Kampagne gegen Prostitution kämpferisch. Die konservative Feministin entdeckt Deutschland als Paradies für Zuhälter und fordert ein Verbot der Prostitution, die seit jeher auf legalen und illegalen Wegen einen stummen Siegeszug vollzieht. Das seit 2002 in Deutschland geltende Prostitutionsgesetz hat an diesem sittlich beklagenswerten Zustand genauso wenig geändert wie sein Verbot, aber es schuf einen rechtlichen Status von Sexarbeiterinnen. Der beinhaltet das Recht auf Einklage von Entgeldforderungen, auf straf- und zivilrechtlichen Schutz oder einen Anspruch auf Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherungen. Diese Rechte, nicht die Prostitution, werden mit der Kampagne getroffen, und es lässt sich leicht denken, wie es sich für dergestalt Entmündigte anfühlt, sich vor dem Arztstuhl Frank Ulrich Montgomerys auch noch demütig darüber beraten zu lassen, »wie man den Gebrauch eines Medikaments in Zukunft verhindern kann«.
Dass wir uns damit nur an der Oberfläche sozialer Verwerfungen befinden, offenbaren einige Tatsachen jüngerer Vergangenheit: Im Dezember 2012 erbrachte eine OECD-Studie, dass in Deutschland Frauen im Durchschnitt 22 Prozent weniger Lohn erhalten als Männer. Auch dass der seit August 2013 rechtliche Anspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte in vielen Regionen nicht gewährleitet werden kann, birgt in erster Linie für Frauen berufliche Nachteile. Frauen sind stärker von öffentlichen Leistungen, wie Wohngeld, abhängig und zwei Drittel der Menschen, die ihren Lohn mit Leistungen der Agentur für Arbeit aufstocken müssen, sind weiblich. Sie sind die Leidtragenden einer Kürzungspolitik, die sich u. a. in den Haushalten von Kommunen niederschlägt.
All dies sei erwähnt, um mit Argumenten unsere Achtung auszudrücken, und allen Leserinnen an diesem 8. März einen kämpferischen Frauentag zu wünschen.