03.11.2014
Hans Weiske
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Zum Erbe der "führenden" Partei in der DDR

Dieter Kunadt und Michael Matthes (von links) im Dialog zum Erbe der SED

Die Vorgeschichte zu unserem Gespräch finden unsere Leserinnen und Leser im letzten Abschnitt des Artikels unseres Redaktionsmitgliedes Michael Matthes im Septemberheft der LinksWorte. Es ist die Fortsetzung eines eMail-Dialogs, der sich zwischen Dieter Kunadt, Vorsitzender des Ortsverbandes Leisnig und Mitglied der Kreistagsfraktion der LINKEN, und Michael Matthes, ehemaliger Kreisvorsitzender und inzwischen nicht mehr Mitglied der LINKEN, entspann. Und das nach der Juli-Kolumne von Michael Matthes, die nicht nur Dieter Kunadt zu energischem Widerspruch provozierte. Nach dem Treffen zum Burg- und Altstadtfest in Leisnig fand sich am 9. Oktober im „Schwarzen Ross“ in Siebenlehn eine weitere Gelegenheit, Meinungen zu unserem Weg aus dem Sozialismus-Versuch DDR in den realkapitalistischen Alltag auszutauschen. Das aus seiner Sicht Notierenswerteste hat Hans Weiske aufgeschrieben.

1. Anlass

Michael Matthes hatte in der Juli-Kolumne bei dAer Wertung des Wahlausgangs im Kreistagswahlkreis 7 (Frankenberg, Hainichen) mit den Begriffen „Wahlmanipulation“ und „Wählertäuschung“ durch DIE LINKE operiert. Was Dieter Kunadt so auf die Palme brachte: Hier wurde seiner Partei, welcher er vor und nach der politischen Wende sein Herzblut gab und gibt, leichtfertig Schaden zugefügt. Denn Teile der Kolumne aus den LinksWorten wurden Inhalt gehässiger Artikel in der regionalen Presse.

2. Rückblick

Er hat zwei zeitliche Ebenen. Die erste von der Gründung der Sozialistischen Einheitspartei im Jahre 1946 an bis ins Wendejahr 1989, die zweite von der „Neugeburt“ der SED-PDS aus den Trümmern der „führenden Partei“ in der DDR bis heute. Die Zeitzeugen des Neubeginns im Jahr 1945 werden immer weniger, Ruth Fritzsche (siehe ihre Kolumne auf Seite -3-) hat ihn noch bewusst miterlebt. Auch den schleichenden Niedergang aus einer von glühenden Antifaschisten und Aktivisten der ersten Stunde getragenen stolzen Partei bis zur Wahlfälscherpartei, die immer mehr Karrieristen und Mitläufer in ihren Reihen hatte und zunehmend den Kontakt zu den arbeitenden Menschen verlor. Oder die Augen und Ohren vor deren Wünschen der Menschen schloss, weil sie diese nicht zur Kenntnis nehmen wollte.
Dann kam die Wende. Und hier setzt Dieter Kunadt an. Es blieben damals nur jene, die willens waren, das Erhaltenswerte aus der alten, zunehmend verknöcherten SED in die „Neuzeit“ mitzunehmen. Und - hier waren sich Kunadt und Matthes völlig einig - hätte es diese Genossinnen und Genossen des „Neustarts“ nicht gegeben, wäre eine PDS und später eine LINKE in der Bundesrepublik nicht denkbar gewesen.

3. Analyse

Zu den Gründen des Scheiterns der SED als „revolutionärer Vorhut der Arbeiterklasse“ gab es unterschiedliche Auffassungen. Während Matthes vor allem eine kleine elitäre Funktionärskaste verantwortlich machte, die sich im „Sozialismus“ eingerichtet hatte, „und die Genossen haben sich nicht dagegen gewehrt“, macht Kunadt das Scheitern vor allem daran fest, dass der Blick an der Parteispitze für die Realität verloren gegangen ist. Alles sei von oben nach unten per Doktrin erfolgt und Hinweise von unten nach oben seien im Sande verlaufen („Versuche mal, einen Eimer, gefüllt mit Wasser, nach oben zu schütten“)

4. Ausblick

Nochmals zurück zum Ausgangspunkt: Kunadt warf Matthes vor, mit seiner Kolumne vielen Genossinnen und Genossen der „ersten Stunde“ vor den Kopf gestoßen zu haben. Das hat sich Matthes nach eigenen Worten inzwischen „hinter die Ohren geschrieben“. Bei der Analyse, so hatte ihm Kunadt ins Stammbuch geschrieben, gehe es neben politischer Klugheit auch um taktisches Geschick. Und wir brauchen, so Matthes, in Zukunft diese Erfahrung der Alten. Seine Kritik, dass der politische Dialog in der Mitglied- und Sympathisantenschaft der mittelsächsischen LINKEN leider noch nicht richtig in Gang gekommen sei, hält er aufrecht. Das sei eine echte Zukunftsaufgabe.

5. Nachsatz

Aus aktuellem Anlass noch die Nachfrage zum Thema „Unrechtsstaat DDR“.
Hier gab es Übereinstimmung bis ins Detail. Die pauschale Formulierung der DDR als Unrechtsstaat wird von Dieter Kunadt und Michael Matthes abgelehnt. Es habe in vielen gesellschaftlichen Bereichen sogar ein ausgeprägtes Rechtssystem gegeben.
Es gab, beide wiederum übereinstimmend, auch viel Unrecht in der DDR. Das müsse aber einzeln benannt werden und mache in der Summe keinen „Unrechtsstaat“ aus.

Hinweis
Die gesamte August-Ausgabe der LinksWorte ist unter www.linksworte-mittelsachsen.de/ausgaben/86.pdf zu finden. Frühere Ausgaben sind archiviert unter www.linksworte-mittelsachsen.de/archiv.html .