14.10.2014
Christa Horstmann
Erschienen in: Märkische Linke (LINKE Ostprignitz-Ruppin, Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg)

So einfach war Geschichte nicht

Neuruppin

Die LINKEN lassen es sich nicht nehmen, alljährlich am 2. September die Verkündung der Bodenreform in Kyritz durch Wilhelm Pieck, den späteren Präsidenten der DDR, zu würdigen. Auch dieses Jahr organisierten die Kyritzer Genossen am Denkmal vor dem Kulturhaus wieder eine kleine Kundgebung.

Holger Kippenhahn, Regionalvorsitzender von Kyritz/Neustadt/Wusterhausen, las aus dem vor einigen Jahren in Kyritz herausgegebenen Buch »Junkerland in Bauernhand« einen Text, der das große geschichtliche Ereignis Bodenreform treffend charakterisierte. Abgeordneter Dieter Groß betonte in seiner kurzen Rede die enorme Bedeutung, die die Landaufteilung für das weitere Leben und Überleben von Tausenden Menschen hatte.

Die Gedenkstätte Bodenreform gehört jetzt der Stadt Kyritz. Dieter Groß erwähnte die Aufgeschlossenheit der Stadt für eine würdige Vorbereitung des im nächsten Jahr bevorstehenden 70. Jahrestages der Bodenreform. Unter dem Gesichtspunkt der gegenwärtigen Umdeutung der Geschichte, um nicht zu sagen Verfälschung, hat eine sachliche und wahrheitsgetreue Interpretation dieses Jahrhundertereignisses eine besondere Bedeutung.

MdB Kirsten Tackmann ging in ihren Worten u.a. auch auf einige Lehren ein. Sie verwies besonders darauf, dass gegenwärtig, von vielen Bürgern fast unbemerkt, eine beträchtliche »Umverteilung« ostdeutschen Bodens stattfindet, Boden immer mehr zur Ware und zum Spekulationsobjekt wird, die Hektarpreise oft ins Unermessliche steigen und immer weniger Landwirte den Boden besitzen. Interessant ist ebenfalls, dass es der EU in den »Kämpfen« um die Einflussnahme auf die Ukraine im Hintergrund auch um die dortige außerordentlich fruchtbare Schwarzerdezone geht, früher bekannt als die Kornkammer Europas ...

Die Bewertung der nach 1945 bei der Durchführung der Bodenreform auch gemachten Fehler, die heute bei der Umdeutung der Geschichte so oft und allein in den Vordergrund gestellt werden, darf man keinesfalls von ihrer - der damaligen - schwierigen Zeit trennen. In diesen furchtbaren, von Hunger und Not, maßloser Sorge und Existenzangst, Trümmern und Wohnungsnot geprägten ersten Jahren nach dem furchtbarsten und zerstörerischsten aller Kriege muss man wohl manches anders einordnen als heutzutage. Man darf vor allem nicht vergessen, dass mit der Bodenreform eine jahrhundertealte Forderung der armen Landbevölkerung Wirklichkeit wurde, dass tausende und zehntausende Landarbeiter und Kleinbauern und vor allem auch Flüchtlinge Land und damit eine Lebensgrundlage (auch besonders für die Ernährung des Volkes) bekamen. Und dann sollte man wohl auch nicht die unermessliche, oft unvorstellbare Ausbeutung von Landarbeitern auf den großen Junkergütern vergessen, die damit beseitigt wurde.

Man muss wohl über Geschichte ernsthafter nachdenken, als das manche heute tun.