27.09.2014
Michael Matthes
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Einmischen?

Deutschland wird am Hindukusch verteidigt. Nun auch in Kurdistan, in Syrien, am Horn von Afrika und wo denn noch? Vielleicht auch noch in der Ukraine? Und das besorgt eine Mutter von sieben Kindern. Alles Kaiser Wilhelms Nachfahren? Hundert Jahre nach Beginn des ersten und fünfundsiebzig Jahre nach Beginn des zweiten Weltkrieges! Kriege haben immer nur Trümmerlandschaften und unendliches Leid hinterlassen. Meine Mutter war mit zweiundzwanzig Jahren Witwe und ich mit achtzehn Monaten vaterlos. Nur eines ist moderner geworden – die Mordwerkzeuge. Die wollen wir nun liefern für das Morden, auf das uns kein Blut mehr an den Fingern klebe. Wir müssen den Anderen helfen, sich gegenseitig umzubringen. Dazu teilen wir sie ein in die Guten und die Bösen.

Doch worum geht es wirklich? Dazu ein Blick zurück in die Geschichte der Menschen, die dort leben. Es geht im Orient um Menschen und Völkerschaften, deren gesellschaftliche Entwicklung erst kurz vor der Feudalgesellschaft angekommen ist. Es ist – ganz grob gesagt – noch eine Stammes- und Clangesellschaft. Eine Staatenbildung und eine Nationenwerdung haben zum Teil noch nicht stattgefunden. Stammesfürsten, Clanoberhäupter und Warlords dirigieren das Geschehen. Zudem haben Kolonialherrschaft und Grenzziehung mit dem Lineal Gebiete aufgetrennt. Man schaue sich die Siedlungsgebiete und die Staatsgrenzen dazu an. Die Menschen blieben in der Masse ungebildet, religiös gespalten und demzufolge ließen sie sich mit Hass aufladen. Unter den Kolonialregimen wurden sie entrechtet, gedemütigt und ausgebeutet. Kein Wunder, was wir erleben. Die Menschen klammern sich an etwas, was ihnen Schutz bietet, sei es die Großfamilie, die Stammeszugehörigkeit oder die Religionsgemeinschaft.

Was tun aber? Auf keinen Fall militärisch einmischen. Für gesellschaftlichen Fortschritt friedlich werben, und dabei Kräfte vor Ort unterstützen. Sollte sich dabei eine Staatsmacht entwickeln, kann man ihnen, und das aber uneigennützig, materiell unter die Arme greifen. Sollte sich irgendwo eine Art „Staatsmacht“ herausgebildet haben, und sei es ein Assad, ein Saddam Hussein und eine Type wie Ghadaffi, muss man sie gewähren lassen, solange sie Stabilität im Lande gewährleisten. „Es geht uns nichts an, wer Afghanistan regiert“, schrieb Scholl-Latour. Und schließlich die zusammengebrochenen Staaten. Dort wäre eine Polizeimacht erforderlich, die die Bevölkerung schützt und die Marodeure aus dem Verkehr zieht. Und dazu eine Verwaltung unter irgendeiner wie auch immer gearteten internationalen Kontrolle. Dies wurde aber noch nicht gesehen.

Hinweis
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