04.09.2014
Michael Matthes
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Denken wir darüber nach !

Der Chemnitzer Nischel auf einem Plakat

Ein Standpunkt von Michael Matthes


Wer das Leisniger Burg- und Altstadt-Fest einmal erlebt hat, den zieht es immer wieder dahin. So auch dieses Jahr. Gleichzeitig Gelegenheit zum Treff mit Dieter Kunadt, hübsch anzusehen in historischer Tracht. Außerdem gab es Anlass - wie schon des Öfteren – ein Leisniger Hausbräu zu genießen. Vorausgegangen war folgender Mail-Dialog:
„Lieber Michael, ich weiß nicht, was Dich geritten hat, derartigen, an den Haaren herbeigezogenen Stuss in die Linksworte zu schreiben. … Du weißt, dass ich einmal viel von Dir gehalten habe – möglicherweise muss ich das korrigieren. …“

Die Antwort:
„Lieber Dieter, wenn Du glaubst, Dein Dir freundschaftlich verbundener (Bundes-) Genosse, den Du als einen klar denkenden Zeitgenossen kennengelernt hast, hat einen schlechten Tag gehabt, dann würde ich ihn nicht gleich des Stusses bezichtigen, sondern mal auffordern, seine Argumente darzulegen … Ich halte trotzdem noch viel von Dir und empfinde Dich nach wie vor als ehrliche Haut, mit dem ich gern zum Leisniger Burgfest wieder ein Bier trinken möchte.“
Die Antwort-eMail enthält folgende Sätze:
„Lieber Michael, … Es gibt in unserer Partei eine Vielzahl von Genossinnen und Genossen, die nach der „Wende“ ihr Parteibuch nicht abgegeben, sondern den Versuch unternommen haben, um unter wahrlich existenzbedrohenden Bedingungen aus der alten, verknöcherten SED das wirklich Erhaltenswerte in die „Neuzeit“ zu überführen. Ich erinnere mich noch gut, wie wir beim Plakatieren, was fast nur nachts ging, über die Felder gejagt, wie wir in den Stadt- und Gemeinderäten wie die Pest gemieden und auch so behandelt worden sind. Wer das erlebt hat, wird bei aller berechtigten Kritik, … (die Formulierungen und Ansichten in) … Deinem Artikel nicht teilen, weil diejenigen, die damals die geistigen Väter dieser Linken-Hatz waren, heute noch an der Macht sind und sich ins Fäustchen lachen. Kritik, auch in den Linksworten, ist unverzichtbar, doch muss sie politisch klug und mit taktischem Geschick vorgebracht werden. Alles andere ist kontraproduktiv! … ?

Ja, da ist was dran. Das habe ich mir hinter die Ohren geschrieben. Politisch klug und mit taktischem Geschick – das ist eine Selbstverpflichtung. Ich bin sehr dafür, dass ein inhaltlicher Diskurs partei-intern geführt wird. Mein Eindruck ist jedoch, dies findet kaum statt. Weder in der Mitgliedschaft noch in den LinksWorten. „… den Versuch unternommen haben, … aus der alten, verknöcherten SED das wirklich Erhaltenswerte in die „Neuzeit“ … überführen.“ Ist dieser Versuch abgeschlossen? Ich meine „Nein, noch lange nicht.“ In den obigen Zeilen stecken so viele Anregungen und Themen. Damit könnten auf Jahre Mitgliederversammlungen bestritten werden. Dies fängt schon damit an: Welche SED meinen wir denn? Die ihres Inhalts entleerte, in Agonie verendete oder die aus den Trümmern des Krieges, von den Hoffnungen vieler Menschen getragene Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Denken wir darüber nach!

Bei der Formulierung „alte, verknöcherte SED“, und die habe ich erlebt, geht mir durch den Kopf, dass ich diese Partei als eine Partei mit einer gelebten sozialistischen Perspektive und einer wissenschaftlich begründeten Weltanschauung empfunden habe. Aus diesem Grund bin ich seinerzeit eingetreten. Wo ist die sozialistische Perspektive einer Partei des demokratischen Sozialismus, die in einem kapitalistischen Umfeld agiert? Im Streben nach Regierungsbeteiligung und Ministerposten eher nicht. Ebenso interessant ist, wie es die Partei DieLinke mit der wissenschaftlich begründeten Weltanschauung hält. Immerhin hätte eine Partei mit einem wissenschaftlichen Gesellschaftskonzept ein Konzept für die ganze Gesellschaft und nicht nur für Teile davon. Das wäre ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen anderen Parteien. Denken wir darüber nach!

Ich habe allerdings auch erlebt, wie eine hauchdünne Minderheit in verantwortlicher Funktion, sich diese Funktionen angemaßt hat, ohne sie jemals auszufüllen. Und das Wichtigste: Dieser hauchdünnen Minderheit stand eine übergroße Mehrheit von Parteimitgliedern gegenüber, die diesen Machtmissbrauch „um der Sache willen“ hingenommen haben. Ich gehörte zu ihnen. Ich war damals in leitender Position in einem Parteibetrieb. Sicherlich hätte man Druck ausgeübt und vielleicht hätte man es auch mit einer „Parteistrafe“ versucht, mich zu disziplinieren. Aber es wäre durchzustehen gewesen. Im Statut der SED, und das habe ich nicht abgegeben, steht sinngemäß, dass jeder Genosse die Pflicht hat, gegen Machtmissbrauch und andere parteischädigende Aktivitäten, von wem und durch wen auch immer, Stellung zu beziehen. Das habe ich nicht getan. Und es haben zu viele, so wie ich, nicht getan. Ich habe mir geschworen: Ein zweites Mal mache ich mich nicht schuldig. Und ihr? Denken wir darüber nach!

Die SED wurde als demokratische Partei gegründet. Daraus wurde die Wahlfälscherpartei des Jahres 1989. Deshalb traut man der SED sozialistische Demokratie nicht zu. Und doch! Der gewählte Abgeordnete war gegenüber den Wählern rechenschaftspflichtig und konnte aus seinem Mandat abgewählt werden, wenn er seine Pflichten gegenüber dem Wähler verletzte. Die Wahl galt nicht als Entscheid sondern als Bestätigung eines zuvor durch politische Diskussion erzeugten Konsenses. Die Mitglieder unserer Partei sind inzwischen Fetischisten der Mehrheitsentscheidung geworden. Aber – Dummheiten bleiben selbst dann Dummheiten, wenn sie von Mehrheiten beschlossen werden. Nun wird es DerLinken nicht gelingen, dem Bundestag oder den Landesparlamenten die Regeln einer sozialistischen Demokratie zu verordnen, wenn wir uns denn darüber verständigt hätten. Aber in DerLinken könnten wir sie praktizieren und vorführen. Denken wir darüber nach!

So verständlich die Verletzungen und die schlecht verheilenden Narben derjenigen sind, denen es zu verdanken ist, dass wir heute eine linke Partei überhaupt noch haben, so ist es doch, so meine ich, für unsere gemeinsame Sache wenig förderlich, dies zur Richtschnur unseres heutigen Handelns zu machen. Sich in einer Wagenburg zu fühlen, stört die Beziehung nach draußen. Das ist sicher ungerecht, aber nicht mehr zeitgemäß. Zum einen sind viele Mitglieder und Sympathisanten hinzugekommen, die diese „Nachwendezeiten“ und die daraus resultierenden Erfahrungen geistig nicht nachvollziehen können. Und unbestritten ist: Diese Partei SED hat im Bewusstsein der Menschen Überzeugungen hinterlassen. Schließlich forderten am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz nicht wenige der dort auftretenden SED-Kritiker eine bessere DDR und keine „Wiedervereinigung“. Diese Überzeugungen leben fort bei diesen Mitbürgern und deren Nachkommen bis heute. Wollen wir als Partei eine starke und gesellschaftsverändernde Kraft sein, so hängt das davon ab, ob die Partei DieLinke für diese – ich behaupte – wenigstens im Osten zahlenmäßig starke Bevölkerungsschicht ein Partner ist. Wir müssen dazu in unseren Reihen Plätze frei lassen für diese potentiellen Linken. Diese Mitbürger werden Kritik üben an unseren Unzulänglichkeiten und an manchmal auch gar zu dummen Fehlern. Wenn wir uns erneut verletzt fühlen und diesen Leuten das Mitspracherecht verweigern, schaden wir uns selbst. Denken wir darüber nach!

Mir scheint, der Versuch eine gesellschaftsverändernde Kraft zu schaffen, wird nie beendet sein. Ständig aus seinen Fehlern zu lernen, ist das einzige Mittel, um zu wachsen und zu gedeihen. Und dass dabei die „Alten“ ihre Erfahrungen einzubringen haben, versteht sich von selbst. Denken wir darüber nach!

Darüber haben Dieter und ich beim Leisniger Bier nachgedacht, und wir sind zu der übereinstimmenden Auffassung gekommen, dass erstens noch sehr viele über das Geschriebene hinausreichende Aspekte zu behandeln wären und dass zweitens eingehender zu erörtern wäre, wie man einen Dialog darüber in unserer Mitglied- und Sympathisantenschaft in Gang setzen kann. Das tut tatsächlich not. Wir werden uns demnächst wieder ein Bier bestellen. In der Oktoberausgabe der LinksWorte werden wir das Thema fortsetzen.

Hinweis
Die gesamte August-Ausgabe der LinksWorte ist unter
www.linksworte-mittelsachsen.de/ausgaben/85.pdf zu finden.

Frühere Ausgaben sind archiviert unter www.linksworte-mittelsachsen.de/archiv.html .