02.07.2014
Christa Horstmann
Erschienen in: Märkische Linke (LINKE Ostprignitz-Ruppin, Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg)

Fontane würde sich freuen

Zwei aus Karwe: Siegfried und Elli Schwanz leben für die Regionalgeschichte

Elli und Siegfried Schwanz vor ihrer Ehrung
Neuruppin

Zur glanzvollen Eröffnung der Fontane-Festspiele am 5. Juni 2014 wurde der - in Neuruppin und im Kreis noch nicht so bekannte - Schriftsteller Christoph Ransmayr aus Österreich mit dem Fontane-Preis für Literatur 2014 ausgezeichnet. Den Fontane-Preis für Kunst und Kultur erhielt zum einen die Kuratorin und Kulturmanagerin - besonders in Neuruppin wirksam - Cornelia Lambriev-Soost.

Zum anderen wurden nicht nur »Profis« geehrt. Zuerst imponierten die Besten der Schüler, die in einem Wettbewerb der Neuruppiner Schulen »auf Fontanes Spuren« wandelten und sehr interessante Beiträge geschrieben haben. Auf dem Podest in der Pfarrkirche standen an besagtem 5. Juni auch zwei »Ehrenamtliche« aus Karwe, die wohl hunderten Bürgern - wenn nicht noch viel mehr - im Kreis und darüber hinaus bestens bekannt sind: Elli und Siegfried Schwanz, beide in den 70ern, ein äußerst belesenes, rüstiges, lebhaftes, um nicht zu sagen quirliges (er vor allem) Ehepaar.

Wie kommt man zur Regionalgeschichte? Wie findet man so viel Gefallen daran, dass es sowohl die Arbeit beeinflusst als auch die Freizeit, und diese wesentlich und fast ganz und gar bestimmt?

Der Lehrer für Deutsch und Literatur (u.a. in Kleinzerlang) und spätere Schuldirektor (in Karwe und Wustrau) und Direktor des Pädagogischen Kreiskabinetts kam in der frühen Jugend über Götter- und Heldensagen und Karl May auf den Geschmack, später durch seinen einfühlsamen Geschichtslehrer Hans Joachim Schenk. Und vor allem war es auch die geistige Auseinandersetzung mit dem faschistischen Krieg, mit Flucht und Nachkrieg, die ihn prägte.

Elli Schwanz, die eigentlich Gärtnerin und Floristin gelernt hat, später aber vor allem in Schulhort, Kindergarten und in der Neuruppiner Sozialstation arbeitete und vier Kinder geboren und großgezogen hat, brachte neben viel Interesse und nicht zu messender Kleinarbeit besonders ihr botanisches Fachwissen nicht nur in die archäologischen Forschungen ein, sondern auch ihr riesengroßes »Organisationstalent« in die gemeinsame Arbeit, »grub« mit in Archiven, erfuhr unendlich viel in unzähligen Gesprächen.

Geschichte, Regionalgeschichte also schon seit den frühen Lehrer- und Ehejahren.

»Wie wird Geschichte lebendig?« So hieß die Reihe, mit der zu DDR-Zeiten das Pädagogische Kreiskabinett unter Leitung von Siegfried Schwanz den Geschichtslehrern an den vielen Schulen des Kreises half, die einzelnen Lehrplanthemen mit interessanten Begebenheiten im Kreis aus den vergangenen Jahrhunderten interessanter, greifbarer für die Schüler zu gestalten.

Richtig Zeit für ihre Leidenschaft Regionalgeschichte, sagen beide, haben sie aber erst, seit sie Rentner sind. Und was haben sie in diesen Jahren nicht alles erforscht, in unzähligen Archiven aufwendig und mühsam gesucht und gelesen, kilometerweit den Kreis durchwandert und durchfahren, sicher schon tausend kenntnisreiche Leute gesucht und gefunden, be- und ausgefragt, das Material sortiert, aufgeschrieben, umgeschrieben. Und so manches aus der Vergessenheit ans heutige Tageslicht geholt. Zum Beispiel drei Sommer lang die außerordentlich wertvollen archäologischen Funde aus der herausgeschwemmten Erde vom Bützsee bei Altfriesack, die die Fachwelt erstaunten.

Sie »entdeckten« den berühmten Orgelbauer Hollenbach wieder. Von den ca. 120 Orgeln, die er gebaut hat, gibt es einige im Kreis (eine auch in Karwe), und allein 20 gingen nach Norwegen. In einem kleinen aufschlussreichen Büchlein würdigen sie den großen Sohn unserer Stadt.

Siegfried und Elli Schwanz haben die Geschichte der ehemaligen ca. 30 Teeröfen zwischen Alt Ruppin, Wittstock und Fürstenberg erforscht. Genauso ist jetzt die interessante Mühlengeschichte des Kreises bekannt, der wichtige Erwerbszweig der Glashütten, die Flößerei, die Harzerei, der Pumpenbau, die Tuchmacher und ihre Walkmühlen. In unzähligen Vorträgen und Artikeln, z.B. im Jahrbuch OPR, machte das Ehepaar Schwanz aber auch vertraut mit den Jugendjahren von Friedrich II. in Neuruppin und Rheinsberg, mit der Geschichte von Kleinzerlang (hier liegt eine umfangreiche, beispielhafte Ortschronik vor), mit den Schweizer Einwanderern oder mit dem eigentlich slawischen Ursprung der Bevölkerung im Kreis.

Müßig, alles aufzuzählen, was beide in jahrelanger Arbeit - und alles ehrenamtlich - zum Bekanntwerden unserer Regionalgeschichte beigetragen haben, in dem ehrlichen Bestreben, andere teilhaben zu lassen an ihren Erkenntnissen, ebenfalls neugierig zu machen.

Bleibt uns, beiden noch viel Kraft und gute Gesundheit für neue Forschungen zu wünschen. An Ideen wird es ihnen wohl nicht mangeln...

Christa Horstmann