13.04.2018
Norbert Seichter
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Heiße Brammen - kalte Marie

Kulturfahrt, die 16. - und 47 Teilnehmer*innen sind dabei

Im Stahlwerk Eisenhüttenstadt
Marzahn-Hellersdorf

Ein voll besetzter Reisebus macht Station im Stahlwerk Arcelor Mittal, Eisenhüttenstadt. Erwartet werden wir von vier ehemaligen Mitarbeitern des EKO, die uns mit dem Werk und seiner wechselvollen Geschichte vertraut machen. Der Stammbetrieb des Bandstahlkombinates hatte am Standort 1989 über 11.000 Beschäftigte, heute arbeiten im Werk noch 2.500 und 2.000 weitere in ausgegliederten Betrieben als Dienstleister rund um den Stahl. Das Werk wurde nicht plattgemacht, nach 1990 vorerst in eine Stahl AG, dann in eine GmbH überführt, an den belgischen Konzern Cockerill verkauft, durch ihn und nach Fusionen mit mehreren Stahlkonzernen modernisiert. Es gehört nunmehr zum größten Stahlkonzern der Welt. So hat es seit 1997 einen neuen großen Hochofen, und eine Warmwalzstraße, die zu DDR -Zeiten zwar immer wieder geplant, aber nie realisiert werden konnte. Damit wurde eine wichtige technologische Lücke geschlossen. Endprodukte sind heute ver-
zinkte Bleche vor allem für die Autoindustrie Europas und Flachstähle. Als die Rede auf Karl Döring kommt, sagt einer der vier: „Ohne Karl hätten wir hier nach 1990 keine Arbeit mehr gehabt, er hat das Werk gerettet.“
Und zu Herrn Müller, ebenfalls einer der vier, sagt er: „Als die Belgier kamen, hat Herr Müller sein Englisch verbessern müssen, als die Franzosen dazukamen, hat er französisch gelernt, dann kamen die Inder hinzu, diese Sprache hat er nicht mehr gelernt.“ Ausgerüstet mit Kittel und Helm (siehe Foto links) besichtigen wir nach einer Rundfahrt über das weiträumige Werksgelände die Halle mit der vollautomatischen Warmwalzstraße. Rotglühende tonnenschwere Stahlbrammen bewegen sich wie von Geisterhand unter riesigen Walzen hin und her, bis sie zu sogenannten Coils ausgewalzt und aufgerollt werden (siehe Foto rechts). Das Material hat eine Genauigkeit zur Vorgabe von hundertsten Millimetern. In der Halle Temperaturen wie in der Vorhölle, es rumpelt und zischt, Wasserdampf steigt auf. Wir sehen eine Kranfahrerin, einen Gabelstaplerfahrer, zwei Prüfingenieure, das ist alles. Wir haben für die Besichtigung eine Sondererlaubnis erhalten, auch durch die Unterstützung von Karl Döring.
Mittagessen in der modernen Kochschule des Werkes, die der Ausbildungsleiter uns vorstellt. Hier werden auch Geflüchtete zu Köchen ausgebildet, was wie das vorzügliche Mittagessen unseren spontanen Beifall findet. In den liebevoll vorbereiteten Räumen der LINKEN Eisenhüttenstadt dann die Lesung und das Gespräch mit Karl Döring zu seinem Buch: „EKO Stahl für die DDR - Stahl für die Welt“, das ich moderieren darf. Nachgezeichnet wird der Lebensweg von Karl Döring, Studium in Moskau, zwei Aspiranturen, Leitungsfunktionen in den Stahlwerken Riesa und Hennigsdorf, stellvertretender Minister, schließlich Kombinatsdirektor und Werkdirektor des Stammbetriebes EKO. Nachgezeichnet wird die Industriegeschichte der DDR, des RGW, die enge Kooperation mit der Sowjetunion. Dank seiner Verbindungen kann Karl Döring nach 1990 durch Tauschgeschäfte mit sowjetischen und dann russischen, kasachischen und ukrainischen Stahlwerken und Lieferanten das EKO und Arbeitsplätze erhalten. Zuerst gegen die Ambitionen der Treuhand, dann mit ihrer Hilfe den Übergang in die Marktwirtschaft gestalten. Bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 2000, zuletzt als technischer Direktor, ist das Werk modernisiert.
Ungeteilte Aufmerksamkeit, Spannung in diesen zwei Stunden, es ist seine 41. Buchlesung und wie Karl Döring am Schluss sagt, seine beste. 40 Bücher hatte er mitgebracht, keines nahm er wieder nach Hause mit.
Am Sonntag dann Stadtrundfahrt durch das unter Denkmalschutz stehende, restaurierte Eisenhüttenstadt. Sachkundig geführt durch einen an der Sanierung beteiligten Stadtplaner und Fachmann. Schönstes Frühlingswetter, wir sind im Kloster Neuzelle. Die Besichtigung und Führung in der katholischen barocken Stiftskirche verlangt uns alles ab. Selbst die Marienstatue ist in ein textiles Gewand gekleidet, könnte sie frieren, sie hätte gefroren wie wir.
Wieder im Freien sagt ein Teilnehmer spontan: „Heiße Brammen und kalte Marie“, womit er die Temperaturextreme unserer Reise auf den Punkt bringt. Mit der Besichtigung sehr alter lebensgroßer Darstellungen von den Stationen des Kreuzweges unter dem Klosterweinberg endet unsere Literaturfahrt, nicht ohne den „schwarzen Abt“, das Neuzeller Klosterbier probiert und eingekauft zu haben. Applaus der Mitfahrenden für die Organisatorin Regina Kittler. Unser aller Dank an die LINKE Eisenhüttenstadt, ein großes Dankeschön an Karl Döring.