09.03.2018
Birgit Hoplitschek/wk
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

Daniel Kurth kandidiert als Landrat

LINKE unterstützen SPD-Vorschlag. Ein Interview.

Gemeinsam mit anderen Partnern sorgt Daniel Kurth für das Gelingen des Eberswalder Stadtlaufs. Er koordiniert Helfer und Einrichtungen wie Rettungsdienst und Feuerwehr. Wenn möglich, geht er auch als Läufer auf den Rundkurs, der 2017 zum elften Mal stattf
Barnim

Herr Kurth, Sie sind seit 1996 Mitglied der SPD, gehörten damals zu den Mitbegründern der Barnimer Jusos und üben seitdem immer politische Funktionen in Ihrer Partei aus. Im Jahr 2014 gelang es Ihnen, als direkt gewählter Kandidat in den Brandenburger Landtag einzuziehen. Der Jubel in der SPD, der LINKEN dieses und zwei weitere Mandate abgetrotzt zu haben, war damals groß. Und jetzt wollen Sie, unterstützt von der LINKEN, Landrat im Kreis Barnim werden?
Ich weiß, ich wurde damals mit den Worten „Die Schmach ist vorbei“ von den Medien zitiert. Aber nachdem wir über viele Jahre hinweg ein Landtagsmandat nach dem anderen verloren hatten – zum Teil selbst mit verschuldet –, war die Freude wirklich riesengroß: Drei Direktmandate! Endlich aus diesem Tal heraus!
Inzwischen habe ich, ob als Stadtverordneter in Eberswalde oder als Mitglied des Landtags, die Zusammenarbeit mit den Barnimer Linkspolitikern schätzen gelernt. Zwischen beiden Parteien gibt es zahlreiche Schnittstellen: keine Privatisierung der Daseinsfürsorge, gleiche Bildungschancen für alle Kinder unabhängig von ihren Startbedingungen, bezahlbarer Wohnraum und vieles mehr. Für sehr wichtig halte ich außerdem den Kooperationsvertrag zwischen SPD, LINKEN und CDU im Kreis­parlament, den die CDU-Fraktion allerdings letzten Sommer aufkündigte. Um so enger sind SPD und LINKE zusammengerückt. Deshalb freue ich mich auch sehr darüber, dass die LINKE meine Kandidatur für die Landratswahl am 22. April unterstützt.

Sie sind in Eberswalde geboren, hier zur Schule gegangen und arbeiteten 12 Jahre lang in der Kreisverwaltung Barnim, zuletzt als Mitarbeiter von Landrat Bodo Ihrke. Im Brandenburger Landtag vertreten Sie den Wahlkreis 13 mit der Stadt Eberswalde, der Gemeinde Schorfheide und dem Amt Joachimsthal. Heißt das, Sie kennen den Barnim wie Ihre Westentasche?
Nicht ganz. Nachholbedarf sehe ich vor allem für den südlichen Barnim, wie Panketal oder Ahrensfelde. Aber ich bin in der Region tief verwurzelt, nicht nur in meiner Heimatstadt Eberswalde. Meinen Zivildienst leistete ich im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, wo ich mich bei der Libellenkartierung, dem Postdienst und der Öffentlichkeitsarbeit für die Blumberger Mühle ausprobieren konnte – genau das Richtige für mein Selbstverständnis als junger Umweltaktivist. Von der Naturwacht war es dann nur ein kurzer Weg zum ehrenamtlichen Katastrophenschutzhelfer, erst bei den Johannitern und später, im Zusammenhang mit Hilfs­transporten in die Ukraine, beim Technischen Hilfswerk (THW). Wenn man als dritter Mann in einem Rettungswagen mitfährt, merkt man ziemlich schnell, was ist gut und was ist weniger gut organisiert. Und das habe ich im – Achtung, Verwaltungsdeutsch – Rettungsdienstbereichsbeirat auch gesagt. Mit der Folge, dass die Kreisverwaltung im Kritiker Kurth den möglichen Problemlöser Kurth sah und mich 2002 als Mitarbeiter für den Bereich des Rettungsdienstes einstellte; später kamen Zivil- und Katastrophenschutz hinzu.


Eine gute Wahl?
Dieser Tage feierte die Rettungsdienst Landkreis Barnim GmbH ihr 15-jähriges Jubiläum – eine echte Erfolgsgeschichte, wenn man an die Anfänge denkt. Mittlerweile verfügt dieser Dienst über einen ausgesprochen modernen Fuhrpark, medizinische Geräte – alles auf höchstem Stand. Standardisierte Abläufe, hervorragend ausgebildetes Personal und eine moderne Leitstelle garantieren den Menschen schnelle Hilfe, wenn es drauf ankommt. Ergänzt wird das dichte Leitstellennetz im Barnim noch durch den nahegelegenen Standort des Rettungshubschraubers in Angermünde.


Dieses Thema lässt Sie offenbar nicht los. In der SPD-Landtagsfraktion sind Sie unter anderem Sprecher für Brand- und Katastrophenschutz, außerdem enga­gieren Sie sich weiter ehrenamtlich – seit 14 Jahren als Zugführer des THW in Eberswalde und als THW-Landessprecher Brandenburg. Woher nehmen Sie die Kraft für Ihr ehrenamtliches Engagement?
Aus dem Ehrenamt selbst. Ich bin gern mit diesem Team zusammen, das sprichwörtliche Ziehen an einem Strang verschafft ein tolles Gemeinschaftsgefühl. Außerdem entspannt es mich. Wenn wir bei einer THW-Übung etwas anpacken, dann muss das zügig erledigt werden. Erfolge oder Misserfolge stellen sich ziemlich rasch ein. Anders in der Politik: Da braucht man oft sehr viel Geduld, bis man die Früchte seiner Arbeit ernten kann.
Meine Erfahrungen mit dem Ehrenamt sind so positiv, dass ich sie nicht missen möchte. Schade, dass sich bisher noch zu wenige Neu-Barnimer ehrenamtlich betätigen. Natürlich brauchen sie erst einmal Zeit, um in der neuen Umgebung anzukommen. Und wir freuen uns nach der massiven Abwanderungswelle der 90er Jahre sehr darüber, dass wir nun wieder wachsen. Aber wird aus einer schönen Umgebung Heimat, wenn man nur „Wohnbürger“ bleibt? Gehört nicht auch das Gefühl dazu, hier gebraucht zu werden, sich einbringen zu können? Dafür ist ein Ehrenamt besonders gut geeignet. Und weil es so wichtig und unverzichtbar für unser Zusammenleben ist, bedarf es besonderer Förderung. Diese beginnt mit einer gelebten Anerkennungskultur. Lassen Sie mich das am Beispiel des Blaulicht-Ehrenamts erklären. Diese Männer und Frauen schützen und retten Leben und begeben sich dabei in Gefahr – sei es beim Wohnungsbrand, als Rettungstaucher usw.. Für ihre wertvolle Arbeit müssen sie gut ausgebildet sein, denn das schützt sie zugleich bestmöglich vor den Risiken der Einsätze.
Zu diesem Zweck baut der Landkreis derzeit in Eberswalde ein neues Zentrum für Brand- und Katastrophenschutz. Es wird vielleicht niemanden überraschen, wie wichtig es mir ist, dass dieses Zentrum schnellstmöglich fertig werden muss. Denn auch das gehört zur Anerkennung und dient der Motivation der Helfer und Helferinnen. Das ist mir wichtig.


Viele Neu-Barnimer sind aus Berlin zugezogen und pendeln nun zwischen Wohnort und Arbeitsstelle mit Auto, Bus oder Bahn. Das kostet Zeit und Nerven. Auf Ihrer Agenda stehen der 10-Minuten-Takt für die S-Bahn nach Bernau und der 30-Minuten-Takt für den Regionalverkehr (RE3). Was würden Sie als Landrat tun, um diese Ziele zu erreichen?
Zuallererst: Nichts versprechen, das ich nicht halten kann. Wenn nämlich die Schieneninfrastruktur oder das so genannte Wagenmaterial der Deutschen Bahn nicht für kürzere Taktzeiten reichen, dann kann der Landrat diese Tatsachen selbst nicht ändern. Aber was er kann – und das verspreche ich: immer wieder Druck auf die Bahn ausüben, ehrliche Informationen einfordern und den Pendlern annehmbare Alternativen anbieten. Ich bin selbst mit der Bahn eineinhalb Jahre von Eberswalde nach Potsdam gependelt – eigentlich ein unschlagbares Angebot. Aber seit den Bauarbeiten am Karower Kreuz...
Am liebsten wäre es mir jedoch, wenn weniger Menschen täglich zur Arbeit pendeln müssten. Deshalb müssen wir kleine und mittlere Unternehmen fördern, beispielsweise durch den Breitbandausbau. Der hinkt in einem Flächenland wie Brandenburg ja auch deshalb hinterher, weil die Privatwirtschaft nur bis dorthin baut, wo es sich für sie rechnet. Deshalb bin ich grundsätzlich dagegen, Daseinsvorsorge zu privatisieren. Klar ist: unsere Forderung zur dringenden Taktverdichtung im Schienenverkehr ist nicht verhandelbar.


Stichwort Flächenland: Im Landkreis Barnim leben etwas mehr als 177.000 Menschen, rund 80.000 davon allein in den beiden Städten Eberswalde und Bernau. Was ist zu tun, damit vom Zuzug nicht nur die gut erreichbaren oder berlinnahen Orte profitieren?
Breitbandausbau und Förderung des Mittelstands nannte ich bereits. Wer beispielsweise von zu Hause aus arbeiten könnte, benötigt unbedingt schnelles Internet und darf beim Telefonieren nicht in Funklöcher fallen.
Viele europäische Nachbarstaaten sind der Bundesrepublik auf diesem Gebiet weit voraus. Derzeit steuert der Bund nach – dies aber leider zu spät. Daher versucht der Landkreis Barnim jetzt mit einer eigens installierten Arbeitsgruppe unter anderem Ausschreibungen für den Breitbandausbau voranzutreiben und eine spätere Erweiterung mitzudenken. Und diese wird erforderlich sein, davon bin ich überzeugt.
Aber trotz der großen Chancen durch schnelles Internet für die ländlichen Räume: ein Allheilmittel ist es nicht. Zwar lassen sich Lebensmittel und andere Waren online bestellen – geliefert werden müssen sie mit einem „analogen“ Transportmittel. Damit nun der Einkauf und der Arztbesuch nicht vom Besitz eines Autos abhängen, sind innovative Lösungen gefragt: Rufbusse oder auch Kombibusse, also Linienbusse, die Personen und zuvor bestellte Waren befördern. Sollten gegebenenfalls gesetzliche Regelungen solche Optionen in Frage stellen, gehören sie auf den Prüfstand. Es darf nicht sein, dass sinnvolle und praktikable Möglichkeiten zur Anbindung der ländlichen Regionen durch geltende Gesetze verhindert werden.
Landkreis und Kommunen können sich auch gemeinsam stark machen, damit Ärzte sich dort niederlassen, wo sie gebraucht werden. Ein Beispiel dafür ist das Medizinische Versorgungszentrum Finowfurt, eine Einrichtung der Gesellschaft für Leben und Gesundheit (GLG), deren Gesellschafter die Landkreise Barnim und Uckermark sowie die Stadt Eberswalde sind.
Zugleich muss Ansiedlung sinnvoll gelenkt werden: sozial gut durchmischt und mit Rücksicht auf unsere schöne Natur. So sehr wir uns auf alle neuen Barnimer freuen und so sehr ich für schnelle, unbürokratische Baugenehmigungen für alle Häuslebauer bin: Große Flächen durch Einfamilienhäuser zu zersiedeln ist nicht der richtige Weg. Wir setzen deshalb auch auf kommunalen und genossenschaftlichen Mietwohnungsbau und bezahlbaren Wohnraum für alle Schichten der Bevölkerung. Ich denke, Kommunen sind gut beraten, wenn sie die verschiedenen Wohnformen und deren Anteil immer gut im Blick behalten, damit sie allen Wohnraumsuchenden ausgewogene Angebote machen können.