30.11.2017
Anke Domscheit-Berg
Erschienen in: Mittelmark links (k² Potsdam, Landkreis Potsdam-Mittelmark, Brandenburg)

Alles neu für die Neue aus dem Wahlkreis 60

Anke Domscheit-Berg berichtet über ihre ersten Tage im „Raumschiff Bundestag“

Neu für DIE LINKE in Berlin: Anke Domscheit-Berg
Wahlkreis 60

Als erstmalige Bundestagsabgeordnete der Linken für Brandenburg ist vieles für mich neu. Der 19. Bundestag ist größer, männlicher und rechtslastiger als vorher. Die Auswirkungen merkt man auch im Internet.

Am Tag der Konstituierung im Bundestag wurde ich in sozialen Medien mit Beleidigungen von AfD-Anhängern überschüttet, die sich auf mein Äußeres, meine Kompetenz oder auf mein Privatleben bezogen. Wie wird es sein, vier Jahre mit soviel Hass konfrontiert zu werden?

Abgeordnete zu sein ist ein Privileg, aber auch eine anstrengende Aufgabe. Am Anfang ist das Neue schier überwältigend, das Zurechtfinden schwer, selbst in einfachen Dingen. Zum Beispiel sind viele der Parlamentsgebäude über unterirdische Tunnel miteinander verbunden. Man kommt trockenen Fußes von einem Haus zum anderen, aber man verläuft sich leicht. Es gibt einen Gang voller Spiegel, einen gelb leuchtenden, mit dem Spitznamen „Harnröhre“ und Gänge voller Rohre und Leitungen, die wie Hausmeisterkeller aussehen. Manchmal hat mich ein Kollege telefonisch gelotst, wenn ich mich mich irgendwo verlaufen hatte. Bei Einführungsveranstaltungen erhielt ich Berge von Dokumenten, Richtlinien und Vorschriften. Seitdem fürchte ich nicht mehr, nur den ersten Fehler zu machen, sondern die ersten 50. Es sind so viele Regeln!

Mein Interims-Büro erhielt ich schnell, die endgültige Verteilung aller Büros kann aber bis ins neue Jahr dauern. Die ersten Tage hatte ich oft Hunger, im Jakob Kaiser Haus gibt es nirgendwo Essen. Inzwischen bringe ich mir belegte Brote mit und habe ein Nüsse- Lager im Büro – ein Tipp von Petra Sitte, die DIE LINKE schon seit 2005 im Bundestag vertritt.

Mitten im Chaos gab es schon Fraktionssitzungen und eine Fraktionsklausur (die allerdings auch etwas turbulent war), ein Training zum Umgang mit der AfD im Bundestag, ich bekam einen Bundestags-Laptop und eine Emailadresse und stellte Mitarbeiter*innen ein, für das Berliner Büro und meine Wahlkreisbüros. Am 24. Oktober zur konstituierenden Sitzung des Bundestages lernte ich: Getränke und Essen sind verboten. Wer Hunger oder Durst hat, muss den Plenarsaal verlassen.

An einem durchschnittlichen Donnerstag in der Sitzungswoche dauert ein Plenartag 12-15 Stunden, Pausen gibt es nicht. Ein Arbeitgeber mit solchen Arbeitsbedingungen hätte in Deutschland große Probleme. Alles das weiß man draußen gar nicht.

Meine erste richtige Sitzungswoche liegt noch vor mir. Ich bin gespannt, freue mich aber am meisten auf die Sacharbeit zu meinem Schwerpunktthema: die Verbindung von Digitalisierung und sozialer Gerechtigkeit.