08.04.2017
Andrea Johlige
Erschienen in: Mittelmark links (k² Potsdam, Landkreis Potsdam-Mittelmark, Brandenburg)

Zerstörtes Leben - verlorene Welt

Eindrücke aus der Sperrzone um Tschernobyl

Potsdam-Mittelmark
Pripyat - eine Geisterstadt im Schatten des Unglücksreaktors.

„Warum fährt man denn nach Tschernobyl?“ war in den vergangenen Wochen eine Frage, die mir häufig gestellt wurde. Es sind mehrere Punkte. Einerseits gehört die Tschernobyl-Katastrophe zu meinen frühesten Kindheitseinnerungen. Und auch politisch hat mich das Thema Kampf gegen Atomkraft immer begleitet. Andererseits ist es aber auch das Interesse der Fotografin. Verlorene Orte, „lost places“ sind fotograf sch eine besondere Herausforderung. Die Entscheidung fiel dann aus all diesen Gründen und aus einem weiteren: Ich finde, die Menschen vergessen zu schnell. Vor gerade einmal 30 Jahren passierte dieser Super-Gau und dennoch setzen nahezu alle Industrienationen weiterhin auf Atomkraft.

Zeugnisse einer überstürzten Flucht.

Erste Station in der Sperrzone war ein Fahrzeugfriedhof. Am Rand der 30 km-Zone wurden diverse Fahrzeuge und Gerätschaften abgelegt. Obwohl aus der Zone nichts entfernt werden darf, sind die Fahrzeuge weitgehend ausgeschlachtet und kein Mensch weiß, wohin die einzelnen Teile verbracht wurden. Es steht zu befürchten, dass sie teilweise auf den regulären Ersatzteilmarkt gelangt sind. Später besuchten wir ein Dorf, in dem zwei Bewohner leben. Die beiden sind drei Monate nach der Katastrophe in ihr Haus zurückgekehrt und leben seitdem dauerhaft wieder dort. Ca. 200 Orte wurden direkt nach der Katastrophe evakuiert. Einige Orte wurden danach dem Erdboden gleich gemacht, in anderen blieben die Häuser stehen und zerfallen zusehends. In der Zone leben aktuell 148 zurückgekehrte Menschen. Anfangs war dies illegal, mittlerweile sind sie von den Behörden geduldet. Ihr Durchschnittsalter ist bei 88 Jahren. Sie versorgen sich in der Regel durch eigenen Anbau und Tierhaltung weitgehend selbst, wöchentlich fährt ein mobiler Lebensmittelladen die Siedlungen an. Tschernobyl ist der wohl belebteste Ort in der Zone. Hier leben u.a. die Arbeiter, die am neuen Sarkophag arbeiten oder auch alte Anlagen abbauen. Im Ort gibt es einen kleinen Laden für die Dinge des täglichen Bedarfs, eine Post und auch ein Hotel. Außerdem gibt es diverse Erinnerungsstätten an die Katastrophe, bspw. Schilder mit den Namen aller aufgelassenen Orte in der Zone.

Den 2. Tag verbrachten wir in Pripyat, dem Zentrum der Sperrzone. Die 50.000-Einwohner-Stadt wurde erst 1970 im Zusammenhang mit dem Kraftwerksbau gegründet. Ab dem 28.4.1986, also zwei Tage nach der Katastrophe, wurde sie evakuiert und zu weiten Teilen sich selbst überlassen. Für den Großteil der Bewohner wurde eine neue Stadt – Slawotytsch – gegründet. Wir haben einen ca. 15 km langen Spaziergang durch die Stadt gemacht. Am 1. Mai 1986 sollte ein Rummel mit Riesenrad, Autoscooter und Karussell eröff nen. Die Katastrophe am 26. April führte dazu, dass kein Kind in den Genuss der Fahrgeschäfte kam. Das Riesenrad ist dennoch eines der meist fotografi erten auf der Welt und wurde zu einem Wahrzeichen der verlorenen Stadt.

Ja, es ist eine verlorene Welt und die Katastrophe hat Leben und Lebensperspektiven zerstört. Die Kernkaft ist keine beherrschbare Technologie – Tschernobyl und auch Fukushima haben uns aufgezeigt, dass es immer ein Restrisiko gibt. Im Katastrophenfall werden große Gebiete für tausende Jahre unbewohnbar, werden Leben zerstört. Und genau deshalb müssen wir raus aus dieser Technologie - in Deutschland und weltweit! Text & Fotos: Andrea Johlige Den ausführlichen Reisebericht mit allen Bildern unter www.andrea-johlige.com

Daten & Fakten

Die Explosion des Blocks 4 des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl in den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 ist bis heute der größte nukleare Unfall der Geschichte. Er wurde durch bauartbedingte Probleme und schwerwiegende Bedienungsfehler bei der Simulation eines Stromausfalls ausgelöst. Das Reaktorgebäude wurde völlig zerstört. Gewaltige Mengen radioaktiven Materials wurden aufgrund der off enen Kernschmelze in die Umwelt freigesetzt. Erst mehr als 24h später begann die Evakuierung der 48.000 Einwohner zählenden Stadt Pripyat, weniger als 5km vom Reaktor entfernt. Die Weltöff entlichkeit wurde erst am 28. April abends offi ziell informiert. Erst zwei Wochen später - am 6. Mai 1986 konnte die Freisetzung radioaktiven Materials aus dem Reaktorkern weitgehend unterbunden werden.

Bis zum Sommer 1986 wurden 116.000 Menschen aus einer 30km-Zone rund um den Reaktor evakuiert. Später wurden weitere 240.000 Menschen aus der weiteren Umgebung umgesiedelt. In den ersten zwei Jahren nach der Reaktorexplosion wurden ca. 200.000 Personen für Aufräumarbeiten unmittelbar um den Reaktor eingesetzt.

Bis heute ist ein Gebiet von ca. 4.200 km² um den Unglücksort Sperrgebiet. Heute leben rund 700 Menschen dort. Öffentlich vergleichsweise wenig bekannt ist, dass die drei nicht havarierten Blökke des AKW nach dem Ende der Aufräumarbeiten wieder hochgefahren wurden. Erst im Jahr 2000 ging mit Block 3 der letzte Tschernobyl- Reaktor endgültig vom Netz.

Die nach dem Unglück errichtete, „Sarkophag“ genannte Ummantelung des Unglücksreaktors ist inzwischen undicht. Bereits seit 2013 wurde direkt neben dem alten ein neuer Sarkophag errichter, der Ende 2016 auf Schienen über den alten gerollt wurde. Dieser soll nun im Inneren der neuen Schutzhülle demontiert werden, um den weiteren Austritt von Radioaktivität zu verhindern.