26.09.2017
Dieter Groß, Maren-S. Schulz
Erschienen in: Märkische Linke (LINKE Ostprignitz-Ruppin, Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg)

Land für 660 Kyritzer Bauern und Landarbeiter

Vom Umgang mit der eigenen Geschichte: die Kyritzer Bodenreform-Stele

Bodenreform-Gedenkstätte in Kyritz
Kyritz

Aus Anlass des 70. Jahrestages der Bodenreform am 2. September diesen Jahres, eigentlich durch uns initiiert, sollte neben einer würdigen Festveranstaltung eine Bodenreform-Stele an einem damit im Zusammenhang stehenden Standort aufgestellt werden. Ein letzter, relativ wertfreier und als Kompromiss vorgeschlagener Text der Fraktion der LINKEN in der Stadtverordnetenversammlung lautete wie folgt:

»Basis der Bodenreform war der Grundkonsens der Alliierten und der nach Kriegsende zugelassenen Parteien (SPD, CDU, KPD und LDPD), eine umfassende Bodenreform in ganz Deutschland durchzuführen. Die Bodenreform war eine der ersten Maßnahmen der antifaschistischen demokratischen Umgestaltung, die wiederum Schlussfolgerung aus Faschismus und Krieg war.

Hatte die Kreisstadt Kyritz 1939 6.124 Einwohner, lebten nach Kriegsende im Landkreis etwa dreimal so viele Menschen wie in der Vorkriegszeit, weil immer mehr Flüchtlinge, Vertriebene und Umsiedler Unterkunft suchten. In dieser Situation spielten besonders die Sicherung der Ernährung der Bevölkerung und die Integration der Vertriebenen und Umsiedler vor Ort eine zentrale Rolle. Die Zuteilung von Land bot ihnen Erwerbs- und Überlebensmöglichkeiten sowie einen Neubeginn.

Alle Eigentümer landwirtschaftlicher Betriebe mit einer Fläche von mehr als 100 Hektar, etwa 3,3 Mio. Hektar Land der Großgrundbesitzer sowie die Eigentümer, die von den Alliierten als Kriegsverbrecher eingestuft waren, wurden vollständig und entschädigungslos enteignet.
Begünstigte dieser Reform waren in der sowjetischen Besatzungszone 82.500 landlose und landarme Bauern, 183.000 Landarbeiter, Handwerker, Umsiedler, Kleinpächter und Vertriebene. Im Gebiet der Stadt Kyritz und ihrer Ortsteile wurden im Zuge der Bodenreform insgesamt 21 landwirtschaftliche Betriebe enteignet. Es erhielten in Kyritz und den Ortsteilen insgesamt 660 Personen 1 bis über 15 ha Land durch die Bodenreform.
Auch wenn die Bodenreform wegen ihrer Radikalität bis heute politisch umstritten ist, gilt der festgeschriebene Grundsatz der Nichtrückgängigmachung besatzungshoheitlicher Entscheidungen von 1945 bis 1949«.

Nach langjähriger, aufwändiger Diskussion zur Gestaltung der Stele - inhaltlich hat eine solche gar nicht stattgefunden, die Stadtverwaltung und die Mehrheit der Stadtverordneten wollte sie nicht - wurde obiger Kompromissvorschlag vom Hauptausschuss abgelehnt und in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung mit einem Satz abgeschmettert:

»Das Hotel ›Zum schwarzen Adler‹ wurde nach dem 2. Weltkrieg weit über Kyritz hinaus bekannt, da Wilhelm Pieck, zu dieser Zeit Vorsitzender des Zentralkomitees der KPD und später erster und einziger Präsident der DDR, im damaligen Kino am 2. September 1945 in einer viel beachteten Rede die Bodenreform ankündigte.«

Man darf schon mal gespannt sein, wie bei der Entwicklung des Kulturstandortes »Kyritzer Klosterviertel« in einem angedachten Museum der entsprechende Geschichtszeitraum dargestellt werden wird, ohne Konzeption und Fundus. Soweit zum Umgang mit eigener Geschichte, hier zur Bodenreform.
Der Vorsitzende der Stadtfraktion der LINKEN Dieter Groß gab dazu folgende persönliche Erklärung ab:

»Ich lehne den Beschlussvorschlag SV/038/2017 mit folgender Begründung ab:
Zunächst erinnere ich an den einstimmig von 17 Mitgliedern der Stadtverordnetenversammlung gefassten Beschluss SV/045/2015 vom 8.7.2015:
»Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kyritz stimmt der Aufstellung einer Stele anlässlich des 70. Jahrestages der Bodenreform vor dem Gebäude der Rossmann-Filiale in der Maxim-Gorki-Straße zu.
Der Text der Stele wird in der Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung am 26.08.2015 zur Abstimmung gestellt.«

Mit dem Textvorschlag in der heutigen Vorlage »Stele Bodenreform« wird vorrangig nur die Geschichte eines ehemaligen Gebäudes dargestellt. Selbst unter Beachtung der beidseitigen Gestaltung wird dies dem o. a. Anliegen des Stadtverordnetenbeschlusses nicht gerecht. Ein einziger, letzter Satz im Text verweist auf die Rede W. Piecks, mit der am 2. Sept. 1945 die Bodenreform für die sowjetische Besatzungszone angekündigt wurde.
Damit wird dem eigentlichen Anliegen des nach wie vor gültigen Beschlusses der StVV von 2015 nicht entsprochen.
Da eine inhaltliche Diskussion, selbst in der gebildeten Arbeitsgruppe, zu einer Textempfehlung zur Bodenreform für die StVV nicht stattgefunden hat, mein Änderungs- und Ergänzungsantrag (unter Berücksichtigung von Hinweisen durch Dr. Conraths) als Alternative zur Sitzungsvorlage im Hauptausschuss mehrheitlich abgelehnt wurde, sehe ich mich veranlasst, gegen die Vorlage zu stimmen«.

Die Erinnerungen, zuletzt die Verlegung von Stolpersteinen, dem »Tag der Befreiung« am 8. Mai 1945, der letzten Lesung »Wider das Vergessen«, von Repräsentanten der Stadt herausgestellt und zu Recht unter Teilnahme junger Menschen an diesen Veranstaltungen gewürdigt, auch die zum 70. Jahrestag der Bodenreform, zeigen uns, wie man mit geschehener Geschichte umgehen kann.

Das Thema Bodenreform sollte im künftigen Museum des Kulturstandortes Kloster eine angemessene, wertfreie und objektive Beachtung finden.