09.07.2016
Wolfgang Specht
Erschienen in: Erkner–ungefiltert (Erkner, Brandenburg)

Intelligenz und Psyche von Modderklümpchen

Erkner
Den Gully an der Shelltankstelle an der Woltersdorfer Landstraße umrahmenden Dreckschollen

Auf dem Wege (per Fahrrad oder zu Fuß) zur Sitzung der SVV komme ich auf die sonderlichsten Gedanken, wenn ich die Pfütze an der Shell-Tankstelle, die zu feuchten Zeiten die volle Breite des Rad- und Gehweges einnimmt, passiere. Jetzt in der Trockenheit mache ich ein Foto von den schön geformten Dreckschollen, die den Gully umrahmen und versuche den Werdegang dieser Pfütze zu analysieren.

Seit vielen, vielen Jahren wurden die gefallenen Blätter nicht wie üblich beseitigt, sondern man (verantwortlich Stadtverwaltung) überlässt diese dem Verrottungsprozess an Ort und Stelle. Auf dem Sickerschacht an der Tankstelle wurde ebenfalls jährlich das Laub abgelagert. Wenn man den Blättern genügend Zeit zum Verrotten lässt, entwickeln sie sich an dieser Stelle zu kleinen Saboteuren, die unermüdlich den Kampf gegen die allgemeine Vorstellung von Ordnung und Sauberkeit aufnehmen. Sie rieseln durch alle Öffnungen der Schacht- und Gullydeckel und bilden im ausgereiften Zustand winzige Modderklümpchen, die im Teamwork jeden Quadratzentimeter Sickerfläche des Schachtes zubetonieren. Nachschub leistet jeder Herbst mit seinem Laubfall, so dass allmählich die Mulmschicht im Sickerschacht, im Straßeneinlauf und in den Rohren wächst. Man kann fast von einer Intelligenz und Psyche der Modderklümpchen sprechen, denn sie leisten ganze Arbeit, alles ohne zu reden, ohne Handy, Facebook, Ratssitzungen und Rats­informationssystem – nur effektiver. Jedes Klümpchen an seinem Platz tut, was zu tun ist – entdeckte Sickerstellen im Schacht werden zuverlässig und nachhaltig abgedichtet, ohne Feierabend und ohne Diskussion, dass gerade diese Stelle nicht im Dienstplan des Klümpchens steht. Diese kleinen Modderklümpchen kennen weder ein Beamtenmikado, noch streiten sie sich um Kompetenzgrenzen. Sie machen den Bereich an der Shell-Tankstelle im Winter bei Eis und Schnee unpassierbar, zu anderen Jahreszeiten bis auf die Fahrbahnmitte zu ausgedehnten Modderlachen.

Nun wäre es Aufgabe der Stadtverwaltung, dieses System zu erkennen und an einer optimalen Stelle zu unterbrechen. Es stellt sich für mich die Frage – seit nunmehr zehn Jahren weise ich auf diesen Zustand hin – versteht man das Problem nicht, dass vor allem ältere Bürger sicher zum Bahnhof, zum Discounter oder zum Busbahnhof laufen oder fahren möchten, in Berlin arbeitende Bürger sauber in den Zug kommen wollen und müssen.

Oder ist es dem Bürgermeister mit seinem Gefolge einfach nur sch…egal, wie die Bürger des Mittelzentrums, der barrierefreien Gerhart-Hauptmann-Stadt mit ihrem Wohnumfeld zufrieden sind bzw. zurechtkommen?

Am 28. Juni wurde durch die Stadtverordnetenversammlung die „Tourismuskonzeption unter besonderer Beachtung des Aspektes Kultur“ beschlossen. Hier frage ich mich, wie man engagierte Bürger für diese Idee mit ins Boot holen will bzw. kann, wenn sie von der Stadtverwaltung regelmäßig einen Tritt in den Hintern bekommen.

Wie will man in eine Stadt zusätzliche Touristen locken, in dem das seit vielen Jahren bestehende Strandbad vom Bürgermeister persönlich als „wilde Badestelle“ degradiert, Toiletten, Sitzbänke, Buddelkasten, Kiosk und Rettungsdienst abgeschafft werden und so zwangsläufig als Nebenleistung der Uringehalt des Badewassers auf bedenkliche Werte erhöht wird? Lösung: Nach Erkner kommende Touristen sollen nicht baden, sondern bei 35 °C ins Heimat- beziehungsweise Gerhart-Hauptmann-Museum gehen. Schließlich bestimmt nicht der Tourist, was er in Erkner soll oder will, sondern der Hauptverwaltungsbeamte anhand des vorliegenden Tourismuskonzeptes unter besonderer Berücksichtigung des Aspektes Kultur.

Sollten Sie ebenfalls ein Problem mit den Modderklümpchen oder auch ein Anderes (z.B. Umfahrung von Erkner und Entlastung der Innenstadt – letzter Kümmel) haben, sagen sie es nicht dem Hauptverwaltungsbeamten in seinem stillen Kämmerlein – dort befindet sich auch der geistige Papierkorb, in dem das Anliegen ohne Zwischenspeicherung abgelegt wird. Kommen Sie zur Bürgerfragestunde einer Bauausschusssitzung oder SVV und tragen Sie dort Ihr Problem öffentlich vor. Und … vergessen Sie die Frage nicht – es ist keine Rede- sondern eine Fragestunde! Sie können jedoch vor der Frage das Problem erläutern und so reden.

Und noch eins … beachten und beobachten Sie demnächst mehr diese kleinen Modderklümpchen.

Wolfgang Specht

Wolfgang Specht
Stadtverordneter, Mitglied im Bauausschuss der barrierefreien Gerhart-Hauptmann-Stadt Erkner (Mittelzentrum des Landes Bbg)
E-Mail: wolfspecht@t-online.de