30.03.2017
Regina und Reinhard Kluge
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Ein anregendes Filmerlebnis „Der junge Karl Marx“

in angeregter Diskussion

Am Abend des 2. März besuchten rund 50 Leute im Freiberger Kinopolis die regionale Premiere des Films von Raoul Peck „Der junge Karl Marx“, zu der Dr. Jana Pinka die Schirmherrschaft übernommen hatte. In dem anschließenden Gespräch stand das bemerkenswerte Filmwerk im Vordergrund, das den Zuschauer zunächst mit eindrucksvollen Bildern in die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts hineinführte. Gezeigt werden die Verfolgung von armen Holzsammlern in der Eifel, über die Marx in der Rheinischen Zeitung geschrieben hatte, sowie das Elend der ausgebeuteten Männer, Frauen und Kinder in britischen Spinnereien. Darüber hatte der junge Engels gründliche Studien veröffentlicht. Es sind die Jahre des Vormärz, in denen sich vielfältige politische und soziale Konflikte in einer vorrevolutionären Situation zusammenballen, jene entscheidende Zeit in der Biographie von Marx und Engels, in der beide, bald in engster Freundschaft miteinander verbunden, den Weg an die Seite der Arbeiterklasse finden und die theoretischen Grundlagen des historischen Materialismus und der proletarischen Revolution legen mit dem vorläufigen Höhepunkt der Formulierung des Kommunistischen Manifestes für den Bund der Kommunisten. Der Film zeigt sehr differenziert das Umfeld von Marx und Engels mit Jungheglianern, revolutionären Demokraten, Anarchisten, Sozialisten und utopischen Kommunisten, die von diesen ausgehenden Anregungen und die Kontroversen mit ihnen. Von den damaligen Partnern fehlt eigentlich nur Heinrich Heine, über einige Monate in Paris eng mit dem Ehepaar Marx verbunden. Die Handlung orientiert sich insgesamt an gesicherten biographischen Daten, setzt aber, wie in der Diskussion von jüngeren Teilnehmern mit Recht angemerkt wurde, neue Akzente, wenn etwa Marx´s Frau Jenny von Westfalen und Engels´ Gefährtin Mary Burns nicht nur als verständnisvolle Partnerinnen, sondern fördernd und hilfreich mitwirkend dargestellt werden. Dazu hat sicherlich die Kenntnis der 2014 erstmals veröffentlichten Briefe von Jenny Marx beigetragen.

Es war naheliegend, dass sich der Meinungsaustausch dann der Frage zuwandte, was das Erbe von Marx und Engels für Gegenwart und Zukunft bedeutet. Und es kann sicher nicht überraschen, dass sich das Meinungsspektrum zwischen zwei Polen bewegte, der Gewissheit einerseits, dass die Grundaussagen des Kommunistischen Manifests auch nach mehr als anderthalb Jahrhunderten Geltung behalten: die wohlbegründeten Aussagen über die Historizität des Kapitalismus und die Notwendigkeit der Überwindung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in einem revolutionären Prozess und andererseits die dezidierte Aussage eines an der Diskussion beteiligten Pfarrers, dass in Deutschland in einer Gesellschaft mit hoher Lebensqualität von Klassenkampf keine Rede sein könne, dass diese Lebensqualität aber durch die Flüchtlingsströme gefährdet sei. Auf die Not der Flüchtlinge sei Barmherzigkeit die angemessene Antwort. Die Mitverantwortung der BRD für zahlreiche bewaffnete Konflikte in der Welt und für die schwierige ökonomische Situation namentlich in Afrika als wesentliche Ursachen der Flüchtlingsströme, insbesondere durch die neoliberale Ausrichtung der Finanzen und des Außenhandels, wird dabei schlicht übersehen. Diese Problematik zu vertiefen, war die Zeit zu kurz, zumal weitere drängende Fragen gestellt wurden, vor allem die sich verschärfende internationale Lage. Die USA, die NATO und die Europäische Union setzen dabei nicht im Geiste der UNO-Konvention auf Interessenausgleich und Verhandlungen, sondern auf verstärkte Aufrüstung, eine Politik, die im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Atomwaffen und Trägersysteme besonders den Älteren unter uns, die noch in den Bombenkellern des 2. Weltkriegs gesessen haben, zunehmend Sorge bereitet, ja Angst macht. So führt der Film mitten hinein in die aktuellen Debatten, die aus den realen Widersprüchen und Konflikten unserer Welt entstehen und im Interesse der Menschheit gelöst werden müssen.

Regina und Reinhard Kluge

Hinweis

Die gesamte Januar-Ausgabe der LinksWorte ist

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